Von Buckelwal und Blinddarmentzündungen

Prof. Dr. Ursula Wienen (Bild: Ursula Wienen)

Übersetzung von Fachsprache kommt oft als staubiges Klischee daher. Doch je nach Thema ist die Arbeit von ÜbersetzerInnen sehr alltagsnah. Wo Fachsprache überall eingesetzt wird, welchen Einfluss sie auf unsere Sprache hat und wie sich kulturelle Unterschiede auf die Übersetzung auswirken, erforscht Prof. Dr. Ursula Wienen. Zum Beispiel an Frank Schätzings Welterfolg "Der Schwarm".

Sprache und ihre Wirkung auf uns bietet der Wissenschaft einen bunten Strauß an Forschungsfragen. Zum Beispiel Analysen von rhetorisch brillant formulierten und emotional mitreißend geführten Reden, die mitunter demagogische Überzeugungskraft besitzen. Oder Untersuchungen zur Relevanz von gendergerechter Sprache oder zur identitätsstiftenden Funktion von Jugendsprache oder regionalen Dialekten. Denn „selbst wenn wir die gleiche Sprache sprechen, sprechen wir nicht immer die gleiche Sprache“. Den Aphorismus des Publizisten Willy Meurer kann man nicht nur als Ausdruck unterschiedlicher Weltanschauungen und Meinungen verstehen.

Auch in den verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen haben sich eigene Sprachjargons entwickelt, durch die wir wunderbar aneinander vorbeireden können. Prof. Dr. Ursula Wienen beobachtet dieses Phänomen immer wieder. Es fängt schon bei den Studierenden an: In der interdisziplinären Projektwoche der Hochschule arbeiten Studierende aus unterschiedlichsten Bereichen in Teams. Architekturstudentin trifft auf Wirtschaftsstudent, auf Designstudent, auf Informatikstudentin. „Die Studierenden erzählen anschließend immer wieder, dass sie erst einmal sprachlich auf einen gemeinsamen Nenner kommen und unterschiedliche Ausdrucksweisen klären mussten, um sich wirklich zu verstehen.“

Fachsprache in Krimis und Arztserien
Für Ursula Wienen ist dieses terminologische Phänomen zwar nicht ihr fachliches Steckenpferd, es berührt aber die Themen, mit denen sich die Dekanin der Fakultät für Informations- und Kommunikationswissenschaften in ihrer Forschung auseinandersetzt. Als studierte Romanistin, Sprachwissenschaftlerin und Übersetzerin für Französisch und Spanisch interessiert sie sich vor allem für Fachsprachen. Was erst einmal wie ein staubiges Klischee daherkommt, entpuppt sich dabei als sehr alltagsnah. Denn Fachsprache begegnet uns jeden Tag in vielfältiger Form, ohne dass wir uns dessen womöglich immer bewusst sind. Beim Lesen eines Krimis oder wenn wir eine Arztserie schauen. Wenn wir eine Beschreibung für ein Kosmetikprodukt oder eine Werbeanzeige für ein Mittel gegen Rückenleiden lesen.

Gerade solche medizinisch klingenden Werbetexte, die dem Laien bewusst Ausdrücke nicht erklären, wirken über die verwendete Fachsprache deutlich seriöser. „Es gibt Studien, nach denen die Glaubwürdigkeit einer Aussage von der Fachsprache abhängt“, sagt Wienen. „Abhängig vom jeweiligen Sujet können das tatsächliche Fachausdrücke sein, Anglizismen oder auch neue Wortschöpfungen, die in ihrer Pseudofachsprachlichkeit bestimmte Effekte suggerieren. Man kann auch mit Fachsprache ironisieren, indem man in alltäglichen Kontexten gezielt ‚gestelzt‘ spricht. Oder auch die stilistische Ebene verändern, um Berufsbezeichnungen aufzuwerten. Interessant finde ich beim Einsatz von Fachsprache auch, dass man zurzeit viel über die Notwendigkeit Leichter Sprache spricht. Auch hier stellt sich die Frage der Glaubwürdigkeit.“

Romanische Sprachen haben Vorteile
Aber das nur am Rande. Denn der Einsatz von Fachsprache in Literatur und Film ist nicht trivial. Unterhalten sich in einer Szene zwei Ärzte über eine Diagnose, stellt sich die Frage, ob sie realiter im Fachjargon sprechen oder aber so, dass unkundige Zuschauer und Leserinnen sie verstehen. Oder wissen Sie, dass eine Appendizitis eine Blinddarmentzündung ist? Im Deutschen müssen Autorinnen und Autoren diese Entscheidungen fällen. Im Französischen ist das einfacher. Als romanische Sprache ist der französische quasi auch der lateinische Ausdruck, die appendicite also allgemeinverständlich.

Bei der Übersetzung von Wortspielen, Witz, Dialekten und Umgangssprache ist große Kreativität gefragt. Das gilt auch für Fachsprache

Durch diesen Unterschied kann eine Arztserie im Original für die Zuschauerinnen und Zuschauer eine ganz andere Ebene erreichen als in der Übersetzung – und umgekehrt. Aus einem ähnlichen Grund bevorzugen manche Menschen das Original, egal ob in Literatur oder Film, weil ihnen durch die Übersetzung beispielsweise der Wortwitz verloren geht. „Genau hier liegt die Herausforderung für Übersetzerinnen und Übersetzer – und ist große Kreativität in unserem Beruf gefragt“, sagt Wienen. „Wie gehen wir mit kulturspezifischen Elementen um? Wie wird Ironie wiedergegeben, wie Wortspiele und Witz, wie Dialekte, Umgangssprache oder eben Fachsprache? Es gibt viele sehr gute, mitunter sogar bemerkenswerte Übersetzungen in Literatur und Film. Man denke nur an Fälle wie den erfundenen Dialekt im Film Willkommen bei den Sch'tis.“

Viele Fachwörter in Schätzings Schwarm
In ihrer Habilitationsschrift „Translation von Fachsprache in literarischen Texten. Ein deutsch-romanischer Vergleich” hat Wienen Frank Schätzings Welt-Bestseller "Der Schwarm" untersucht und ihn mit den Übersetzungen ins Französische, Spanische und Italienische verglichen. Bei vielen Termini aus Biologie und Ökologie seien bemerkenswerte Dinge passiert. „Zunächst muss man feststellen, dass Schätzing sich sehr gut eingelesen und recherchiert hat. Dennoch gibt es einige Dinge, die schon im Ausgangstext nicht so ganz stimmen. So wird zum Beispiel in einer Szene, in der ein toter Orca untersucht wird, von ‚Vivisektion‘ gesprochen – was natürlich bedeutet, dass ein Eingriff am lebenden Tier vorgenommen wird.“

Wortwitze sind oft schwierig zu übersetzen
Weitaus gravierender seien aber die durch die Übersetzungen teilweise großen inhaltlichen Unterschiede zum deutschen Original. Zum Beispiel lässt Schätzing in einer Szene zwei Personen darüber sprechen, wie der Buckelwal zu seinem Namen gekommen sei. Im Dialog heißt es: „Woher kommt bloß diese dämliche Bezeichnung? Ich sehe keinen Buckel.“ Im Italienischen wird daraus etwas ganz Anderes: Besagte Walart wird im Italienischen für gewöhnlich megattera genannt, und in diesem Wort kommt der „Buckel“ nicht zum Vorschein. Für die Übersetzung hat dies zur Folge, dass die Feststellung „Ich sehe keinen Buckel“ im Dialog keinen Sinn mehr ergibt, dennoch stehen bleibt. Die Auflösung dieser inkohärenten Stelle findet der italienische Leser dann in einer Fußnote. Diese erklärt, dass im Deutschen der Name des Tiers „Buckelwal“ ist und was das Wort sinngemäß bedeutet. Übersetzungstechnisch findet Ursula Wienen die Lösung äußerst unglücklich, denn „erst stolpere ich beim Lesen über eine komische Stelle, und dann holt die Fußnote mich als Leserin praktisch aus der Fiktion heraus. Andere Lösungen sind in solchen sprachspezifischen Fällen beispielsweise die Kaschierung oder die Aussparung der Textstelle. Dann hat man an einer Stelle ein Wortspiel oder einen Witz weniger, verwendet dafür aber ein sogenanntes versetztes Äquivalent, d. h., ein ähnliches Wortspiel oder ein ähnlicher Witz wird an eine andere Stelle gesetzt.“

Kapitalismus geht auch mal vor Qualität
Wienen hatte die Übersetzerinnen angeschrieben und um ihre Entscheidungsgründe gebeten. Doch nur von der spanischsprachigen Kollegin erhielt sie auch eine Antwort, und diese ist ziemlich ernüchternd: Es sei schlichtweg ein enormer Zeitdruck durch den Verlag vorgegeben worden. Damals, Weihnachten 2004, als Schätzings rund 1.000 Seiten starkes Buch erschien, suchte ein verheerender Tsunami weite Landstriche in Südost-Asien heim, 230.000 Menschen starben. Passender- und zynischerweise sollte die Übersetzung so zeitnah wie möglich erscheinen. Es sind also nicht nur individuelle Entscheidungen, die über den Inhalt und die Qualität einer Übersetzung entscheiden, sondern auch Vorgaben der Verlage. Die Technik der Auslassung findet man sehr häufig, zum Beispiel in Versionen eines Literaturklassikers für Jugendliche oder in zeitgeschichtlich älteren Übersetzungen. In Jules Vernes 20.000 Meilen unter dem Meer gibt es seitenlange Passagen, in denen der Erzähler fachsprachlich die Unterwasserwelt mit großer Leidenschaft und großem Detailreichtum beschreibt. „Ich habe schon Übersetzungsversionen gesehen, in denen der Erzähler eben nicht versucht, seine Leserinnen und Leser für Flora und Fauna zu begeistern, sondern einfach sagt: ‚Aber mit diesen Termini will ich den Leser lieber verschonen, weil das doch zu langweilig ist‘.“ Heutige Übersetzungen würden dagegen zu sehr genauer Übertragung neigen und dem Leser eine möglichst präzise und vollumfängliche Übersetzung des Ausgangstextes zumuten. Für Ursula Wienen ist daher nicht nur der Originaltext eine interessante Lektüre, um sich der Kultur der jeweiligen Schriftsteller und Schriftstellerinnen zu nähern, sondern auch die Arbeiten ihrer Übersetzerkolleginnen und -kollegen im Laufe der Zeitgeschichte. „Von daher muss man nach der eigenen Sprachkompetenz und den eigenen Interessen entscheiden, ob man das Original oder die Übersetzung bevorzugt. Eine Bereicherung sind beide.“

Text: Monika Probst

Studiengänge des Instituts für Translation und Mehrsprachige Kommunikation

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