Open Access für die Forschung

Claudia Frick, Absolventin des Masterstudiengangs Bibliotheks- und Informationswissenschaften, macht sich für den Open Access wissenschaftlicher Publikationen stark.

Eigentlich ist Claudia Frick promovierte Meteorologin. Eigentlich ist Claudia Frick promovierte Meteorologin. (Bild: Thilo Schmülgen/TH Köln)

Wenn Claudia Frick über die etablierten Standards wissenschaftlichen Publizierens spricht, merkt man ihr deutlich an, wie sie für das Thema brennt – und wie sie die Missstände nerven: „Dieses System ist absurd!“ Vor allem, wenn man sich die Gewinnsummen ansieht, die die großen wissenschaftlichen Verlage weltweit jährlich einfahren: geschätzt 7,6 Milliarden Euro. Alleine Elsevier, neben Springer und Wiley der weltweit größte Fachverlag für wissenschaftliche Zeitschriften und Fachbücher, erzielt rund eine Milliarde Gewinn im Jahr. Daran ist ja erst einmal nichts auszusetzen, doch weil es sich bei diesen Gewinnen überwiegend um Steuergelder handelt, kritisiert Frick das Geschäftsmodell dieser Global Player. Begreift man wissenschaftliche Erkenntnisse und Forschungsideen als Gut, das der gesamten Gesellschaft zur Verfügung stehen soll, dann sollten auch möglichst alle auf diese durch Steuergelder finanzierten Ergebnisse uneingeschränkten Zugriff haben. Vor allem die wissenschaftliche Community, an die vermehrt der Anspruch des interdisziplinären Diskurses und der Zusammenarbeit heran getragen wird. Doch dem ist nicht so. Die Preispolitik der wissenschaftlichen Verlage sieht bisher Abonnements vor, bei denen beispielsweise eine Hochschule mit einem Verlag einen Preis aushandelt, um auf bestimmte Fachzeitschriften Zugriff zu haben. Dadurch sind derzeit 72 Prozent der wissenschaftlichen Publikationen weltweit durch Paywalls der Verlage nur kostenpflichtig zugänglich.

Gleichzeitig zahlen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler oft auch Gebühren, um in einer Fachzeitschrift zu publizieren – unabhängig davon, ob ihre Hochschule für diese Zeitschrift bereits ein Abonnement hat oder nicht. Es können noch weitere Servicekosten anfallen. Etwa für Textüberlängen, eine sprachliche Kontrolle durch einen Verlagslektor, für die Ehre, mit dem Beitrag auf dem Cover einer Zeitschrift zu landen, oder für Farbdrucke von Abbildungen – „selbst, wenn eine Publikation nur als E-Paper erscheint. Das ist lächerlich, kam aber durchaus schon einmal vor“, sagt Frick, und schüttelt dabei ungläubig den Kopf. Am Ende fließen auch Gelder für die Verwertungen von Dritten an die Verlage. Zum Beispiel, wenn ein Wissenschaftler aus einem Beitrag eine Abbildung der zitierten Kollegin verwenden möchte. Der Autor tritt seine Rechte am Copyright und an der Zweitverwertung an den Verlag ab.

Warum wissenschaftliche Ergebnisse trotz allem noch auf diesem Weg veröffentlicht werden? „Die wichtigste Dienstleistung des Verlags besteht heute hauptsächlich in der Reputation der Zeitschrift“, so die 35-Jährige. Und diese Reputation ist so machtvoll, dass das System funktioniert. Noch. Denn seit einigen Jahren rufen selbst renommierte Universitäten wie beispielweise die Harvard University in den USA zum Boykott auf und arbeiten einige Initiativen daran, das System der Paywalls aufzubrechen.

Die promovierte Meteorologin studierte im Master Bibliotheks- und Informationswissenschaft (MALIS)

Eigentlich ist Claudia Frick promovierte Meteorologin. „Aber ich wollte nicht für mich alleine im Labor arbeiten, sondern mit Menschen in Kontakt kommen. Und Wissenschaftskommunikation finde ich spannend.“ Deshalb bewarb sie sich für die Teamleitung Wissenschaftliches Publizieren am Forschungszentrum Jülich. Und begann noch einmal ein Studium: den berufsbegleitenden Master Bibliotheks- und Informationswissenschaft (MALIS) an der Fakultät für Informations- und Kommunikationswissenschaften. In ihrer Masterthesis hat sie ein Konzept für E-Learning-Angebote und Methoden für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Forschungszentrums entwickelt. Die Standorte des Zentrums sind bundesweit verstreut, daher machen Lernplattformen und Videos zum Umgang mit wissenschaftlichen Publikationen alleine schon aus organisatorischen Gründen Sinn. Open Access ist bei ihrer täglichen Arbeit eines von vielen Themen, aber das, wofür sie sich besonders engagiert. „Alles begann damit, dass mich in meiner Zeit an der ETH Zürich eine ehemalige Kollegin  bat, ihr einen Fachartikel zu mailen, weil ihre Hochschule keinen Zugang zu der Zeitschrift hatte und sie ihn deshalb online nicht lesen konnte.“

Chaos Communication Congress

Mittlerweile ist Claudia Frick Expertin für Open Access. Auf dem Chaos Communication Congress im vergangenen Dezember mit rund 17.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern hielt sie einen Vortrag über „Locked up science: Tearing down paywalls in scholarly communication“ und erklärte darin das bestehende Verlagssystem und die Möglichkeiten von Open Access. Das Ganze am Beispiel des Klimawandels: Für den sollten schließlich Politik, Forschungsförderung, Bibliotheken und Wissenschaftler ihre Kräfte bündeln, um Forschungsergebnisse kostenfrei öffentlich zugänglich zu machen, so ihr Plädoyer. Eigentlich war es nur ein Gag mit Freunden, um leichter an Karten für den Kongress zu kommen: Warum sich nicht mit einem Vortrag zu Klimawandel und Open Access bewerben? So richtig mit einer Zusage hatte sie eigentlich nicht gerechnet. Letztlich habe ihr Studiengang ihr geholfen, in sechs Wochen aus dem Stand einen Vortrag vorzubereiten: „Von der Bibliothekarin über den Musikwissenschaftler bis zur Chemikerin ist unter meinen Kommilitonen so ziemlich jede Disziplin vertreten. Entsprechend verständlich müssen die Studieninhalte und Referate aufbereitet sein. Für den Kongress war das genau richtig, denn bei 17.000 Menschen sind alle fachlichen Backgrounds anwesend. Von Open Access-Experten bis zu denjenigen, die nicht wissen, wie wissenschaftliches Publizieren überhaupt funktioniert.“

DEAL

Weil ihr Vortrag diese komplexen Verkettungen einfach und kurzweilig erklärt, ist das Video jetzt Teil eines MOOC an der Hochschule Dresden. Darin stellt Frick auch "DEAL" vor, eine Allianz deutscher Wissenschaftsorganisationen. Deren Ziel ist Open Access für deutsche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler für alle elektronischen Zeitschriften der großen Wissenschaftsverlage. Konkret hat DEAL bereits einen bundesweiten Lizenzvertrag mit dem Fachverlag Wiley geschlossen. Danach haben die bei DEAL teilnehmenden Hochschulen jetzt nicht mehr ein Abonnement für ausgewählte Zeitschriften, sondern für alle im Verlagsportfolio. Gleichzeitig werden alle Publikationen, die die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dieser Hochschule publizieren, weltweit ohne Paywall – also Open Access – zugänglich gemacht. Und die Autoren behalten ihr Copyright an ihren Texten und Abbildungen. Dritte dürfen regelkonform aus den Publikationen zitieren, also durch die Nennung des Autors, ohne Gebühr. Denn zitiert zu werden ist in der wissenschaftlichen Community ein wichtiges Kriterium für die Reputation.

Elfenbeinturm Wissenschaft und Predatory Publishers

Frick erlebt zwar immer noch, dass sie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus ihrem Elfenbeinturm locken muss, um sie für die Kriterien und Möglichkeiten wissenschaftlichen Publizierens zu sensibilisieren. Doch es werden mehr, die sich gezielt an sie wenden. Zum Beispiel um sich beraten zulassen zu den Unterschieden zwischen Green, Gold oder Hybrid Open Access. Oder darüber, was man tun kann, wenn man abseits der Paywall-Verlage veröffentlichen will. Auch hier gibt es Fallstricke und schwarze Schafe: Scheinwissenschaftliche Zeitschriften, sogenannte Predatory Publishers, in denen gegen Geld jeder alles publizieren kann. Ungeprüft und ohne Peer Review gelangen so pseudo-wissenschaftliche Studien ins Internet, die vor allem Laien kaum von echten Studien unterscheiden können, vor allen nicht, wenn echte Studien hinter Paywalls sind. Für Lobbyisten und Scharlatane sind schwarzen Schafe eine einfache Möglichkeit, Falschnachrichten in die Welt zu setzen, Stichwort #fakescienes. Damit läuft die Wissenschaft Gefahr, ebenfalls als unverlässlich zu gelten. Claudia Frick sieht hier eine wichtige Aufgabe von Bibliotheks- und Informationswissenschaftlern aufzuklären und zu sensibilisieren, damit echte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nicht auf diese Verlage hereinfallen.

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