Simultan in Leichter Sprache

Anne Leichtfuß  (Bild: matzkeFoto)

Bei der Recherche im Internet oder in Zeitungen stoßen Menschen, die komplexe Texte nicht verstehen können, schnell an ihre Grenzen und sind damit von Informationen, Unterhaltung der öffentlichen Debatte ausgeschlossen. Abhilfe schafft hier die sogenannte Leichte Sprache, die auf leichte Verständlichkeit setzt.

Anne Leichtfuß, Absolventin des Studiengangs Online-Redaktion, ist Übersetzerin und Deutschlands erste Simultandolmetscherin für Leichte Sprache.

Wer mit Anne Leichtfuß über das Thema Leichte Sprache spricht, spürt sofort die Begeisterung für die Sache. Dass es eine überaus wichtige Sache ist, davon braucht sie niemanden lange zu überzeugen: Der Bedarf ist groß! Für Menschen mit Lernschwäche, einer Behinderung oder fehlenden Sprachkenntnissen – und das ist eine Gruppe von mehreren Millionen in Deutschland – gibt es kaum verständliche, einfach formulierte Angebote. „Doch die Nachfrage geht noch darüber hinaus: Bei Themen wie Elterngeld oder Steuererklärung wünschen sich viele Menschen verständlichere Formulierungen“, sagt Anne Leichtfuß.  Merkmale der Leichten Sprache sind unter anderen kurze Sätze und nur eine Aussage pro Satz, vermieden werden Passivformulierungen oder der Konjunktiv.

Wohin der Weg sie führen würde, war Anne Leichtfuß nicht klar, als sie nach einer Ausbildung zur Buchhändlerin im Jahr 2008 ein Studium als Online-Redakteurin begann. Hier stieß sie bei einer Blockveranstaltung zur Barrierefreiheit auf ihr Thema: die Leichte Sprache. „Es war eine Initialzündung! Ich war sofort Feuer und Flamme! Eine kurze Recherche ergab: Das Angebot ist völlig unzureichend. Das war und ist ein Feld mit vielen Gestaltungsmöglichkeiten“, sagt Anne Leichtfuß, und sie vertiefte sich gleich in die Materie. Ihre Bachelorarbeit schrieb sie in zwei Versionen: Neben der üblichen komplexen Variante auch eine in Leichter Sprache: „Die Übersetzung hat mir sehr geholfen, eigene Ungenauigkeiten zu erkennen.“ Nach ihrem Studium stieg sie 2011 als Redakteurin bei der Zeitschrift „Ohrenkuss“ ein, bei der sie auch schon ein Praxissemester gemacht hatte. Alle Autorinnen und Autoren dieser Zeitschrift haben das Down-Syndrom. „Auf einen Schlag hatte ich eine Gruppe von 30-40 Menschen, die meine Texte Korrekturlesen konnten“, sagt Anne Leichtfuß. Vor allem Behörden, aber auch Medien lassen Texte von Anne Leichtfuß übersetzen. Das erfährt Anerkennung: Zwei Arbeiten von ihr wurden für den Grimme Online Award nominiert, darunter die Übersetzung einer Reportage der „Zeit“ zum Thema pränatale Diagnostik.

Anne Leichtfuß Anne Leichtfuß (Bild: Sandra Stein)

Zum simultanen Dolmetschen kam Anne Leichtfuß eher zufällig: Bei einem inklusiven Theaterfestival in Berlin gab es zwar Fremdsprachendolmetscher, aber niemanden für Leichte Sprache. Anne Leichtfuß wurde vom Veranstalter angesprochen und ließ sich auf das Experiment ein. Es klappte und machte Freude, auch wegen der direkten Resonanz aus dem Publikum. Als sie wieder nach Hause kam, waren bereits mehrere Anfragen in ihrem Maileingang. So beschloss Anne Leichtfuß weiterzumachen. In Ermangelung von Ausbildungsangeboten hat sie sich die nötigen Kenntnisse selbst beigebracht. „Ich war die einzige Simultandolmetscherin in Leichte Sprache im deutschsprachigen Raum“, sagt Anne Leichtfuß. Mittlerweile gibt es drei weitere, die von Anne Leichtfuß ausgebildet wurden.

Ein bisschen tut sich also etwas. Aber andere Länder sind uns weit voraus: In Skandinavien oder den USA gibt es bereits seit Ende der 1960er Jahre Fernsehsendungen oder Zeitungen in leichter Sprache. In Deutschland existieren erst seit wenigen Jahren ein Regelwerk und die noch halbherzige Verpflichtung, dass zumindest öffentliche Institutionen ihre Inhalte auch in einfacher Sprache zur Verfügung stellen.

Dafür, dass das Angebot in Leichter Sprache ein bisschen größer wird, sorgt Anne Leichtfuß mit der Seite einfachstars.info: Hier gibt es Klatsch und Tratsch in Leichter Sprache – „eigentlich gar nicht mein Thema“, sagt sie. Mit „ihrer“ Hochschule ist sie als Referentin zum Thema Inklusion bei der Wissenschaftlichen Weiterbildung der TH Köln immer noch in Kontakt. Überaus engagiert ist Anne Leichtfuß darüber hinaus in dem von ihr mitgegründeten Forschungsprojekt Touchdown21, in dem Menschen mit und ohne Down-Syndrom zusammenarbeiten und das die Wahrnehmung von Menschen mit Down-Syndrom verbessern möchte. „Oft gibt es Berührungsängste. In dem Projekt möchten wir Einblicke in das Leben von Menschen mit Down-Syndrom geben und diese Ängste abbauen“, sagt Anne Leichtfuß. Dazu wird sie mit Engagement und Begeisterung beitragen!

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