Promovend Dirk Weisbrod

Die Menge an elektronischen Dokumenten, die ein Mensch sowohl in seinem Privat- und in seinem Berufsleben erzeugt ist in den meisten Fällen unüberschaubar. Das gilt auch – und vermutlich in besonderem Maße – für Schriftstellerinnen und Schriftsteller. Wie deren digitalen Daten für Archive verwertbar gemacht werden können, hat Dirk Weisbrod in seiner Dissertation untersucht.

Dirk WeisbrodDirk Weisbrod (Bild: privat)

Sein Thema: „Die präkustodiale Intervention als Baustein der Langzeitarchivierung digitaler Schriftstellernachlässe“. Die Promotion wurde betreut von Prof. Dr. Konrad Umlauf (Humboldt-Universität zu Berlin), Prof. Dr. Achim Oßwald (TH Köln) und Prof. Dr. Claudia Lux (Humboldt-Universität zu Berlin).

Was ist das Thema Ihrer Dissertation?
Ich untersuche die Langzeitarchivierung digitaler Dokumente am Beispiel der Nachlässe von Schriftstellern. Das ist besonders problematisch, weil sie sich bis zum Tod der Verfasser in deren Obhut befinden und bis dahin nicht von Archivierungsspezialisten betreut werden. Und kein Autor möchte sich gerne von einem Archivar oder Bibliothekar in seiner Arbeitsweise bevormunden lassen. Weitere Probleme liegen in der Natur digitaler Dokumente sowie im technischen Fortschritt. Es besteht die Gefahr, dass sich digitale Dokumente nicht mehr öffnen lassen, wenn sie eine Archivinstitution übernimmt. Etwa weil aufgrund der technischen Weiterentwicklung die Abspielgeräte nicht mehr verfügbar sind – so gibt es heute kaum noch Diskettenlaufwerke. Oder weil die Datenträger als solche nicht mehr lesbar sind. Zum Beispiel haben CDs oder Festplatten oft nur eine Lebenserwartung von wenigen Jahren oder Jahrzehnten. Man stelle sich vor, Goethe hätte seinen Faust auf einem Computer geschrieben und nicht ausgedruckt. Vermutlich wäre das Dokument heute verloren. Darum habe ich ein Konzept für eine präkustodiale Intervention entwickelt.

Was bedeutet „präkustodiale Intervention“?
Präkustodial kommt vom lateinischen custodire für „hüten“ und bezeichnet den Zeitpunkt, an dem das Archiv die Obhut über einen Nachlass übernimmt. Die präkustodiale Intervention ist demnach der Eingriff des Archivs zu Lebzeiten des Autors.

Welche Lösung haben Sie entwickelt?
Ein cloud-basiertes Konzept könnte die Probleme der Langzeitarchivierung lösen. Die Literaturarchive stellen den Schriftstellern eine Cloud zur Verfügung, in der die Autoren arbeiten. So ist abgesichert, dass sich Archiv und Autor stets auf dem gleichen technologischen Stand befinden und die technischen Lösungen kompatibel bleiben. Dafür habe ich eine Cloudarchitektur aufgesetzt und die Geschäftsprozesse entwickelt. Für Schriftsteller, die ihre Daten nicht in der Cloud speichern möchten, gibt es einen einfachen Leitfaden, mit dem sie ihre Daten für die Langzeitarchivierung optimieren können.

Was hat Sie an Ihrer Arbeit fasziniert?
Mit meiner Doktorarbeit bewege ich mich in einem Schnittpunkt von Archiv- und Bibliothekswissenschaften sowie des Records Managements. Die Archiv- und die Bibliothekswissenschaften sind zwei Disziplinen, die sehr unterschiedliche Blickweisen auf das Thema haben. Hier musste ich viele Brücken bauen, auch sprachlich. Records Management ist ein Konzept aus dem englischsprachigen Raum, bei dem nicht nur Daten archiviert, sondern auch Informationen aufbereitet werden. Diese drei Ansätze zu vereinen, die sonst oft nur nebeneinander existieren, fand ich sehr spannend.

Ist Ihre Arbeit nur für Schriftstellernachlässe relevant?
Nein, auch jede Privatperson steht vor dem Problem, dass digital gespeicherte Dokumente, Videos und Bilder relativ schnell nicht mehr lesbar sein können. Hier könnten öffentliche Bibliotheken aktiv werden und zum Beispiel public-cloud-Lösungen oder Fortbildungen in Langzeitarchivierung für ihre Nutzer anbieten.

Interview: Christian Sander

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