"Kitas sind keine Orte der Notbetreuung"

Porträt von Prof. Dr. Marc Schulz (Bild: Heike Fischer/FH Köln)

Kindertageseinrichtungen öffnen zurzeit nur für Kinder von bestimmten Eltern-Gruppen. Diese sogenannte „Notbetreuung“ soll nach aktuellem Stand bis zu den Sommerferien aufrechterhalten werden. Die Kommission „Pädagogik der frühen Kindheit“ der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE) weist jetzt in einer Ad Hoc-Stellungnahme auf die Konsequenzen dieses Zustandes hin.

Sprecher der Kommission ist Prof. Dr. Marc Schulz vom Institut für Kindheit, Jugend, Familie und Erwachsen.

Herr Prof. Schulz, wie ist aktuell die Situation in Familien mit Kindern, die eigentlich eine Kindertageseinrichtung besuchen?

Schulz: Es ist eine prinzipiell angespannte Lage, von der besonders Kinder stark betroffen sind, auch wenn wir über die psychosozialen Folgen derzeit keine seriösen Aussagen treffen können. Die Kinder sind daran gewöhnt, sich an zwei Orten aufzuhalten: in der Familie und in der Kindertageseinrichtung. Einer der Räume ist jetzt komplett weggebrochen und damit für viele Kinder der regelmäßige Kontakt zu Gleichaltrigen und Freunden. Diese Gleichaltrigenkontakte können Eltern und andere Erwachsene nicht kompensieren. Es fehlt außerdem der Kontakt zum pädagogischen Fachpersonal, das eine andere Perspektive auf die kindlichen Bedürfnisse und Interessen hat, die Eltern ebenfalls nicht vollständig ersetzen können.

Den Eltern wiederum wurde in den letzten Jahren von der Politik versprochen, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf eine hohe Priorität hat. Dieses Versprechen wird im Moment nicht eingelöst. Von den Effekten sind insbesondere Frauen betroffen, die ihre Erwerbstätigkeit zugunsten der Kinderbetreuung einschränken. Ein Rollback zurück zur traditionellen Rollenverteilung kommt damit vermehrt zum Tragen. Auch fehlt den Eltern mitunter der Kontakt zu den Fachkräften, die für viele eine wichtige Ansprechperson in Erziehungsfragen sind und oftmals schnelle, informelle Unterstützung ermöglichen.

In der Stellungnahme heißt es, die Kindertageseinrichtungen seien „keine Orte der Notbetreuung“. Was ist damit gemeint?

Schulz: Der allgegenwärtige Begriff der Notbetreuung bedeutet aus unserer Sicht eine Abwertung der pädagogischen Arbeit vor Ort. Denn die Fachkräfte werden zu reinen Betreuerinnen und Betreuern degradiert und die vielen anderen Funktionen der Kindertageseinrichtungen geraten aus dem Blick. So spielen diese zum Beispiel eine wichtige Rolle beim Kinderschutz und tragen erheblich dazu bei, die Bildungschancen aller Kinder zu verbessern. Das Fachpersonal begleitet die Bildungsprozesse der Kinder – nicht nur, aber gerade beim Übergang in die Grundschule.

Die Kindertageseinrichtungen sorgen zudem dafür, den Anspruch auf Leistungen aus dem Bildungs- und Teilhabepaket für Kinder aus von Armut betroffenen Familien umzusetzen. So werden diese Kinder in den Einrichtungen unter anderem mit Mahlzeiten versorgt. Diese Hilfen fallen derzeit ersatzlos weg. Die Verschlechterung der Teilhabechancen wird die sozialen Ungleichheiten weiter vertiefen.

Was sind Ihre Forderungen?

Schulz: Wir brauchen jetzt eine breite gesellschaftliche Diskussion darüber, wie eine schrittweise Öffnung der Kindertageseinrichtungen und Kindertagespflege unter Beachtung des notwendigen Gesundheitsschutzes realisiert werden kann und auf welchen Zeithorizont wir uns verständigen. Alle Verantwortlichen müssen sich darüber im Klaren sein, welche Auswirkungen es haben wird, wenn sich der jetzige Zustand verstetigt. Fachkräfte, die Kinder nach einigen Wochen Abwesenheit wiedersehen, berichten mir von Kindern, die sich erst einmal wieder an den Kindergarten gewöhnen müssen, dabei dann wieder Einnässen oder denen es schwerfällt, sich von ihren Eltern zu lösen. Diese Verhaltensweisen werden vermutlich sehr stark zunehmen, umso länger Kinder nicht die Kindertageseinrichtungen besuchen. Die Frage, wie pädagogische Arbeit zu bewältigen ist, wenn die Kindertageseinrichtung viele Kinder neu und wieder eingewöhnen müssen, kommt mir in der aktuellen Debatte deutlich zu kurz: Dafür braucht es einen erheblich höheren Personaleinsatz. Diese Dynamik muss perspektivisch mitberücksichtigt werden, damit die Herausforderungen auch nach dem Ende der Corona-Krise bewältigt werden können.

Eine weitere Sorge ist, dass wir eine noch größere Bildungsspaltung sehen werden zwischen sogenannten ‚bildungsnahen‘ Familien, die ihren Kindern auch zuhause gute Impulse geben und jenen sogenannten ‚bildungsfernen‘ Familien, denen diese Ressourcen fehlen, da staatlich garantierte Strukturen plötzlich wegbrechen. Damit wird deutlich, dass Bildung eben kaum eine individuelle Leistung ist, sondern erheblich auf Ressourcen angewiesen ist. Für die betroffenen Familien muss es daher deutlich mehr finanzielle Mittel und niedrigschwellige Angebote geben, um diese Verluste zu kompensieren.

April 2020

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