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Neue Erkenntnisse zu Kölner Rathauspropheten

Eine Absolventin der TH Köln untersuchte die Kölner Rathauspropheten und gewann neue Erkenntnisse zu Entstehungszeit, Herstellung und Aufstellung der über 550 Jahre alten Holzskulpturen.

Die acht Kölner Rathauspropheten, die als Dauerleihgabe im Museum Schnütgen auf der Westempore der Cäcilienkirche zu sehen sind, wurden um 1440 erschaffen und sind damit jünger als bisher angenommen. Zu diesem Ergebnis kommt Sarah Grimberg, Absolventin des Masterstudiengangs Restaurierung und Konservierung von Kunst- und Kulturgut der TH Köln, in ihrer Abschlussarbeit, die sie in Kooperation mit dem Museum anfertigte. Durch ihre kunsttechnologischen Untersuchungen können zudem erstmals Rückschlüsse zum Herstellungsprozess, zu den unterschiedlichen Farbgestaltungen über die Jahrhunderte und zur ursprünglichen Aufstellung der Figuren im historischen Kölner Rathaus gezogen werden.

„Vor zwei Jahren wurden an sechs Prophetenskulpturen erstmals eine dendrochronologische Untersuchung vorgenommen, bei der das Fällungsjahr des Holzes durch die Analyse der Jahrringe bestimmt wird. Auf dieser Basis konnte ich die frühestmögliche Entstehungszeit für die gesamte Skulpturengruppe ermitteln. Demnach sind die Propheten um 1440 entstanden. Die kunsthistorische Forschung war bislang davon ausgegangen, dass die Figuren zu Beginn des 15. Jahrhunderts geschaffen wurden“, sagt Grimberg.

Auch wenn sich durch die Analysen von Grimberg die Entstehungszeit um gut 30 Jahre verschiebt, gibt es einen klaren Bezug der Figuren zum sogenannten Verbundbrief. Dieses 1396 beschlossene verfassungsgebende Dokument änderte die Machtverhältnisse in der Stadt Köln. „Die Propheten halten Spruchbänder, mit deren Aussagen sie den Kölner Stadtrat zu einem rechtschaffenen, integeren und dem Allgemeinwohl verpflichteten Regierungsstil ermahnten. So heißt es beim Propheten Nummer 4 auf lateinisch ‚Das gemeine Beste ist dem persönlichen immer vorzuziehen‘, was sich direkt auf eine Textpassage aus dem Verbundbrief bezieht“, erläutert Grimberg. Aufgrund der neuen Datierung können die Propheten in Beziehung zu den Statuten von 1437 gesetzt werden, die den Verbundbrief erweiterten und dadurch die politische Ordnung stabilisieren sollten. Die Skulpturen seien in diesem Sinne retrospektiv zu verstehen.“ Indem sie die Ratsherren zu gerechtem Handeln aufrufen, vergegenwärtigen Sie den Verbundbrief“, so Grimberg.

Herstellungsprozess
„Der Name des Bildhauers beziehungsweise die Bildhauerwerkstatt, die die Rathauspropheten geschaffen hat, ist nicht bekannt“, erklärt Grimberg. Durch ihre Masterarbeit besteht nun aber Klarheit über den Herstellungsprozess. Alle Skulpturen wurden aus massiven Eichenstämmen geschnitzt, deren Durchmesser mindestens 80 Zentimeter betrug. Mit den im Mittelalter üblichen Werkzeugen wie Axt und Beschlagbeil legte der Künstler die grobe Form an. Die feinen Schnitzarbeiten führte er mit Hohl- und Balleisen aus. Dabei arbeitete er sehr sorgfältig und detailliert. Die Gesichter sind realitätsnah geschnitzt, die Wangenknochen betont und die Mimik wird durch vorgewölbte Augenbrauen, scharf profilierte Augenpartien und plastisch ausgearbeitete Falten und Stauchungen der Haut besonders hervorgehoben.

Bevor der sogenannte Fassmaler, der die Farbgestaltung der Skulpturen ausführte, seine eigentliche Arbeit aufnehmen konnte, wurden Trocknungsrisse im Holz ausgespänt und mit Gewebestreifen überklebt. Die Grundierung besteht hauptsächlich aus Kreide in einem proteinischem Bindemittel. Anschließend arbeitete der Fassmaler an der farblichen Ausführung, wobei er teilweise mehrere Farbschichten übereinander auftrug, etwa bei den roten und blauen Flächen. Andere Partien wie die Haare und Bärte wurden matt vergoldet.

Zahlreiche Überarbeitungen
Neben der entstehungszeitlichen Fassung aus der Zeit um 1440 konnte Grimberg mindestens zwölf weitere Bearbeitungsphasen unterscheiden: „Im Laufe der Jahrhunderte haben die Figuren durch die Überarbeitungen ihr Aussehen deutlich verändert.“ So blieb die farbliche Gestaltung bis zum 19. Jahrhundert weitgehend konstant, wobei sich der Farbkanon durch eine klare Farbigkeit in Weiß, Rot und Blau auszeichnete. Ab dem 19. Jahrhundert änderte sich das Farbprogramm und auf den Gewändern dominierten nunmehr Grün, Rot und Blautöne sowie großflächige Muster. Die gegenwärtige Farbigkeit der Figuren entspricht aufgrund der Alterung der Farbschichten und einer Abnahme der jüngeren Fassungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts nur noch entfernt der ursprünglichen Intention.

Ursprüngliche Aufstellung der Propheten
Auch die Frage, wie die Rathauspropheten ursprünglich positioniert waren, konnte Grimberg durch die werktechnischen Untersuchungen in Bezug zu historischen Quellen untermauern. „In der Kompilation ‚Stadtrecht und Bürgerfreiheit‘ findet sich ein Text aus der Mitte des 15. Jahrhunderts. In diesem wird beschrieben, dass die Skulpturen freistehend entlang einer Treppe in der Prophetenkammer aufgestellt waren“, so Grimberg. Die technologischen Untersuchungsergebnisse bestätigen diese Annahme der allansichtigen Aufstellung. Denn Vorder- und Rückseite der Skulpturen wurden mit der gleichen hohen Qualität geschnitzt und gefasst. Sie waren also darauf ausgelegt, von allen Seiten betrachtet zu werden. Zudem sind auf der Unterseite der Figuren sehr tiefe Bohrungen zu finden, die wahrscheinlich zur Aufnahme eines Zapfens dienten, um die Figuren einzeln auf Säulen zu positionieren.

04. April 2016

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