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Ein Artikel aus dem Hochschulmagazin

Erlebniswelt statt Büchereimuff

Prof. Dr. Tom Becker (Bild: Boris Loehrer/TH Köln)

Halbbrille, dunkelgrüner Pullunder und in kommunikativer Hinsicht der Habitus eines Mönchs unter dem Schweigegelübde. So sahen Bibliothekare dem Klischee nach früher wohl aus. Nur: Die Zukunft sieht anders aus. Ganz anders.

"Wir brauchen schon lange keine stillen, grauen Menschen mehr, sondern innovative Wissensmanager, die Kontakt zum Kunden aufnehmen und auch Konflikte managen können", sagt Tom Becker, Professor für Medienmanagement und Medienvermittlung in Bibliotheken.

Seit fünf Jahren arbeitet Becker an der Fakultät für Informations- und Kommunikationswissenschaften am Modell der zukunftsfähigen Bibliothek. Einer, die die Digitalisierung nicht nur überlebt, sondern sie nutzt, mitgestaltet, gar vorantreibt. "Die Kernfrage ist, welche Rolle die Bibliothek in der Gesellschaft spielt", sagt Becker. Im besten Fall eine dreifache, meint der ehemalige Leiter der Mannheimer Zentralbibliothek. Erstens müsse die Bibliothek ein Lernort sein, offen für alle vom Kindergartenalter bis zur weiterführenden Schule. Zweite Säule sei das "Lebenslange Lernen", das eben auch die älteren Generationen umfasst, und die dritte stehe unter dem Begriff Kultur und Freizeit. "Die Bibliothek muss eine hohe Aufenthaltsqualität haben, einladend sein und Angebote zur Aktivität beinhalten." Stichwort: Makerspace. Vom 3D-Drucker bis zur Werkbank sei alles denkbar, meint Becker.

Denkbar, und mancherorts sogar schon umgesetzt. Gerade in Köln passiere in dieser Hinsicht "sehr, sehr viel", sagt Becker. Die Stadtbibliothek besitzt tatsächlich schon seit zwei Jahren einen 3D-Drucker, der jeden Samstag von den Besuchern genutzt werden kann. Hinzu kommen unter anderem Programmiersets, Software zur Digitalisierung von Fotos oder Schallplatten, Workshops für Jugendliche und Erwachsene. Becker spricht vom "Spaßfaktor einer Erlebniswelt". Dazu gehöre natürlich auch, dass die Öffnungszeiten großzügiger werden, einschließlich der Abendstunden und des Sonntags. Und was für die physische Bibliothek gelte, sei für den virtuellen Bereich genauso richtig: E-Learning, elektronische Sprechstunden müssten Normalität werden.

Gleiches Recht für alle Medien

Die Liste der Neuerungen ist also lang, und die der notwendigen Voraussetzungen ist nicht kürzer. Das fängt bei gesetzlichen Rahmenbedingungen wie der bislang verbotenen Sonntagsöffnung für Öffentliche Bibliotheken an. Geht es nach dem Berufsverband Information Bibliothek (BIB), in dessen Vorstand Becker sitzt, dann muss der Gesetzgeber aber noch an weiteren Schrauben drehen. Dass für gedruckte Publikationen der ermäßigte Mehrwertsteuersatz von sieben Prozent gelte, für E-Books und andere digitale Produkte aber der volle Satz von 19 Prozent fällig ist, sei ein Unding. Darin sind sich die Bibliothekare mit den Verlagen vollkommen einig. Höchst unterschiedlicher Meinung sind sie dagegen beim Thema Rechte. Einige, gerade große Verleger verweigerten den Bibliotheken "ganze Segmente ihrer elektronischen Bestände", sagt Becker. Dazu gehören beispielsweise Romane oder Reiseführer, die aber genauso zum Informationsbedarf des mündigen Bürgers gehörten wie Sach- oder Lehrbücher. Und wenn die Bibliotheken diese Rechte gegen angemessene Bezahlung auch erhielten, könnten sie ihre Umsätze durchaus erheblich steigern.

Die Liste der Hürden und Umwälzungen ist damit immer noch nicht zu Ende. "Wir passen den Studiengang permanent der Entwicklung an", sagt Becker. Ihm liegt viel daran, dass sich Studienanfänger ein klares Bild von ihren Aufgaben machen. Noch nicht bei allen sei angekommen, dass Kommunikations- und Diskussionsfähigkeit heute unbedingt notwendig sind. Umso wichtiger sei das obligatorische vierwöchige Praktikum vor Studienbeginn. Das fünfte Semester ist dann ein reines Praxissemester. "Wir haben überhaupt einen hohen Praxisanteil, wie es ja auch dem Konzept einer Fachhochschule entspricht", sagt Becker. Und die Chancen auf dem Arbeitsmarkt seien durchaus gut: "Der 'Bauch' aus den 70er Jahren wird langsam abgebaut. Gute und flexible Absolventen bekommen schnell eine Stelle."

Text: Werner Grosch

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