Kontakt & Service

Mehr zum Thema Existenzgründung an der TH Köln

Ein Artikel aus dem Hochschulmagazin

Entwicklungsmotor Hochschule

Warum ist Köln ein guter Ort für die Gründungsszene? Und welche Rolle spielen die Hochschulen dabei? Dr. Kai Thürbach ist Professor für Unternehmensführung und Entrepreneurship und sieht den Ausbau des Kölner Netzwerks als Schlüssel zum Erfolg.

Porträt Kai Thürbach Prof. Dr. Kai Thürbach, EXIST Fit for Invest, Inkubator Südstadt (Bild: Marc Thürbach)

Warum ist Köln ein guter Ort für Gründungen?  

Köln hat eine lange unternehmerische Tradition: Handelszentrum seit Römerzeiten, schon im Mittelalter eine der größten europäischen Städte und seit der sogenannten Gründerzeit im 19. Jahrhundert wesentlicher Industrie- und Innovationsstandort. Nicht von ungefähr sprechen wir vom „rheinischen Kapitalismus“, wenn wir an die Erfolgsgeschichte unserer Sozialen Marktwirtschaft denken. Die TH Köln hat historische Wurzeln in der unternehmerischen Tradition der alten Handelshochschule Köln. Sie wurde in der Gründerzeit von Unternehmern wie Gustav von Mevissen aufgebaut. Diese alte „unternehmerische“ Hochschule hat Köln geprägt – das Thema Entrepreneurship bietet sich also schon aus den historischen Bezügen für das Netzwerk der Kölner Hochschulen an. 

Welche Branchen bieten derzeit das größte Potenzial, um die Region Köln als Top-Gründerstandort zu entwickeln?  

Heute sind nicht mehr nur E-Commerce- und Business-to-Consumer-Geschäftsmodelle gefragt, sondern verstärkt auch Business-to-Business- und Technologie-Anwendungen. Hier punktet die Region mit einer starken Wirtschaft. Das ist bei uns im Rheinland ganz anders als in Berlin, wo außerhalb der Start-up-Szene wirtschaftlich wenig passiert. Köln und die Region sind stark in den Bereichen Medien- und Kreativwirtschaft, Life Sciences und Gesundheitswirtschaft, aber auch in eher klassischen Branchen wie zum Beispiel Chemie, Pharma, Handel und Industrie. Dazu kommt der Wissenschaftsbereich. Köln ist einer der größten Hochschul- und Forschungsstandorte in Deutschland. Damit besteht ein guter Mix aus Kreativität, Innovation und der nötigen wirtschaftlichen Substanz. Im Bereich Entrepreneurship kann also konkret an bestehende Branchen-Cluster oder NRW-Leitmärkte angedockt werden, gleichzeitig ist das Feld offen für alle Arten von Gründungen.  

Neben München gilt besonders Berlin als attraktiv für Start-ups und steht beispielhaft für die deutsche Gründerszene. Was kann Köln von Berlin lernen?  

Von Berlin können wir lernen, wie wichtig die Entwicklung eines Entrepreneurship-Clusters ist. Allerdings ist das nur bedingt planbar: Gründerinnen und Gründer kommen gern dorthin, wo die Gründerszene schon aktiv ist. Investoren ebenfalls. Beides hat sich in Berlin seit den neunziger Jahren sukzessive entwickelt. Der wesentliche Punkt war hier das Lebensgefühl in Berlin – eine weltoffene Metropole im Aufbruch. Das hat viele in die Stadt gezogen. Aber NRW hat heute die meisten Start-ups und die Metropolregion Rhein-Ruhr als Ganzes kommt direkt hinter Berlin.  

Wo sehen Sie Kölns Vorteile gegenüber anderen Städten?  

Innovative Talente mögen eine kreative, offene und sympathische Atmosphäre. Dazu gehört auch das kulturelle Umfeld und alle Annehmlichkeiten, die eine weltoff ene Großstadt zu bieten hat. Köln ist in dieser Hinsicht gut aufgestellt. Die meisten Menschen mögen das Rheinland und leben gerne dort. Und das ist verständlich, es gibt hier viel wirtschaftliche Substanz, eine Basis von 100.000 Studierenden, von denen viele in der Stadt bleiben möchten, und gute Optionen, auch wenn es mit der Gründung nicht klappen sollte. Dazu kommt: 'Kölle is e Jeföhl'. Und die konkreten Rahmenbedingungen zur Gründungsförderung verbessern wir im Kölner Netzwerk stetig, nicht nur an den Hochschulen.  

Warum sind Hochschulen so wichtig bei der Entwicklung einer Start-up-Region?  

Hochschulen und Entrepreneurship Education können bei der Entwicklung regionaler Entrepreneurship- Cluster eine wichtige Rolle spielen. Erfolgreiche Gründungs-Cluster sehen wir z. B. im Silicon Valley, in Boston oder auch in Israel. Der Grundstein für deren gedeihliche Entwicklung wurde durch Hochschulen gelegt: Stanford im Silicon Valley, Harvard und das MIT in Boston. Die Entwicklung dieser Erfolgsgeschichten war ein Prozess von vielen Jahrzehnten. Und nach wie vor sind die Hochschulen dort wesentliche Treiber. Ihre Kernaufgabe ist Produktion von Innovation durch Wissenschaft, aber auch die Ausbildung von jungen Talenten. Durch Entrepreneurship Education kann Gründergeist geschaffen werden, der dazu führt, dass diese Talente ihre Fähigkeiten verstärkt auch unternehmerisch einsetzen. Hochschulen sind zudem an ihrem Standort generell ein wichtiger Faktor und sie sind in der Regel neutral. So können sie Aufgaben in der Moderation und Vernetzung relevanter Akteurinnen und Akteure übernehmen. Gleichzeitig machen sie sich Gedanken über die gesellschaftlichen Implikationen und bereiten so die Grundlage für soziale Innovation.

Die TH Köln arbeitet eng mit der Universität zu Köln, der Deutschen Sporthochschule und der Rheinischen Fachhochschule zusammen. Jüngster Erfolg ist das gemeinsame EXIST-Projekt „Fit for Invest”. Welche Rolle hat die TH Köln innerhalb des Netzwerkes?  

Die TH Köln koordiniert das Projekt, in dem die Kölner Hochschulen zusammen mit dem hochschulgründernetz cologne e.V. Entrepreneurship und Gründungsförderung vorantreiben. Für unser gemeinsames Ziel, das „Rheinland Valley“ zu einer der führenden Regionen für Startups und Gründung zu machen, haben wir bereits einen hochkarätigen Unterstützerkreis gewinnen können. Dieses Netzwerk aus Wissenschaft, Politik und Wirtschaft möchten wir weiter ausbauen. Die Stärken der TH Köln sind ihre Vielfalt und ihre dezentral vorhandenen interdisziplinären Kompetenzen. Daran knüpfen wir innerhalb unserer hochschulweiten Netzwerke ebenso an wie an die intensive und gute Zusammenarbeit mit den anderen Kölner Hochschulen und wichtigen Partnern. Wir wollen als Hochschule eine relevante Akteurin im Bereich Entrepreneurship sein und das Netzwerk und das Entrepreneurship-Cluster in der Region maßgeblich mitprägen. Und daran lassen wir uns messen. 

Was sind die nächsten Ziele?  

Wir werden weiter daran mitwirken, dass Köln zu einer Top-Adresse für Gründungen in Europa wird. Das ist ein Marathon. Auf dem Weg dorthin werden wir die Gründungsservices der Kölner Hochschulen unter einer gemeinsamen Marke enger zusammenführen sowie unsere Netzwerke und Infrastruktur weiter ausbauen. Vor allem werden wir unseren Gründungsteams im Verbund mit den anderen Hochschulen und Partnern immer mehr und immer bessere konkrete Unterstützung anbieten. Unsere Aktivitäten werden übrigens bereits wahrgenommen. Nicht nur von den Gründerinnen und Gründern, sondern auch in relevanten Studien. Der Erfolg lässt sich am Ende aber nicht allein in harten Zahlen messen. Wir möchten die Einstellungen verändern: Wenn es uns gelingt, dass alle Studierenden am Ende ihres Studiums zumindest einmal über das Thema Entrepreneurship und Gründung als Option nachgedacht haben, haben wir ein wichtiges Etappenziel erreicht.

Interview: Monika Probst  

April 2021

M
M