Kontakt & Service

Prof. Dr. Matthias Böhmer

Informatik und Ingenieurwissenschaften
Institut für Informatik (INF)

Die Smartphone-Kur

Prof. Dr. Matthias Böhmer (Bild: Matthias Böhmer)

Wie oft am Tag schauen Sie auf Ihr Smartphone? Laut einer Studie der Universität Lancaster checken Menschen zwischen 18 und 33 Jahren bis zu 85 Mal am Tag ihr Smartphone. Wer dieses Verhalten regulieren will, kann das mit AppDetox tun. Ihr Entwickler Prof. Dr. Matthias Böhmer erklärt, was die App kann und wie wir mit Hilfe der Technik unsere Smartphone-Nutzung auch positiv beeinflussen können.

Wie oft am Tag schauen Sie ohne Grund auf Ihr Smartphone?
Matthias Böhmer:
Ich kann das nicht so genau sagen, es ist jedenfalls sehr oft. Aber das trifft heute wohl auf so ziemlich jeden zu. Smartphones sind ubiquitär: jeder hat eins und benutzt es. Smartphones beeinflussen unser soziales Verhalten.

Mit der AppDetox kann man sein Smartphone-Verhalten steuern. Wie funktioniert sie?
Matthias Böhmer:
Die App nutzt einen Mechanismus des Android-Betriebssystems. Sie schaut, welche anderen Apps gerade benutzt werden. Hat der Nutzer für diese App eine Regel aufgestellt, wird sie angewandt. Man kann verschiedene Regeln definieren: Zum Beispiel ein Zeitfenster setzen, in dem man bestimmte Apps nicht nutzen kann. Wenn man zum Beispiel Facebook nicht während der Arbeit nutzen will, wird sie von AppDetox geblockt. Man kann aber auch eine App für immer sperren, statt sie zu deinstallieren.

Kann man seine selbst gesetzten Regeln dann noch umgehen?
Matthias Böhmer:
Technisch versierte Leute können das schon. Wir haben später in der App implementiert, dass man Regeln auch pausieren kann. Aber wir erhielten von den Benutzern dazu die Rückmeldung, dass ihnen das zu einfach ist. Sie wollen sich tatsächlich mit der App kontrollieren und ihr Verhalten steuern. So eine Pausenfunktion führt offenbar dazu, dass der innere Schweinehund gewinnt und viele diese Pause dauerhaft aktivieren.

Wie kamen Sie auf die Idee zu AppDetox?
Matthias Böhmer:
Die Idee entstand während meiner Doktorarbeit 2013 zusammen mit einem weiteren Doktoranden und einem meiner damaligen Studenten. Wir haben uns damit beschäftigt, Technologien zu entwickeln, die uns im Alltag begleiten und unterstützen. Angeregt wurden wir dabei von mehreren Forschungsarbeiten zu dem Thema, die auch stark die Verhaltenspsychologie berühren. Eine Untersuchung beispielsweise belegte ein verhaltensprägendes Muster bei Handynutzern durch neu eingehende Nachrichten: Wir prüfen ständig unser Handy auf eine neue Nachricht. Wenn wir dann tatsächlich eine erhalten, wirkt sie als positive Unterstützung unseres Verhaltens – ein guter Grund, auch weiterhin auf das Smartphone zu schauen. Wir wollten nicht nur Anwendern eine Möglichkeit bieten, ihre Smartphone-Nutzung zu kontrollieren, sondern primär untersuchen, ob und wie dieses Kontrollwerkzeug funktioniert.

Das heißt, die AppDetox-Nutzer sind auch Testpersonen?
Matthias Böhmer:
Jetzt nicht mehr. Zwar kann man die App nach wie vor benutzen, aber als Studie lief sie nur 2013 über einen Zeitraum von zehn Monaten. Als das Thema App-Stores vor einigen Jahren aufkam, gab es in der Forschungs-Community Überlegungen, wie man diese Stores für empirische Studien nutzen kann.  Normalerweise testet man Anwendungen mit Probanden im Labor. Aber bestimmte Phänomene kann man in der kontrollierten Umgebung eines Labors nicht so gut untersuchen. Deshalb entwickelt man eine Applikation, die eine Forschungsfrage implementiert, um sie durch „research in the wild“ zu beantworten. Die Benutzer müssen natürlich der Teilnahme zustimmen. Unsere Studie hatte weltweit rund12.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer.


Welche Apps wurden während der Studie bevorzugt gesperrt?
Matthias Böhmer:
Das waren vor allem die Browser, Chats und Applikationen wie Facebook, YouTube und Twitter.

Arbeiten Sie weiter an AppDetox?
Matthias Böhmer:
Ab und zu schon. Wir haben aktuell 42.000 Gesamtnutzer und 12.000 aktive Nutzer. Für eine App, die nicht beworben wurde, ist das nicht schlecht. Deshalb möchte ich die App gerne in der Lehre einsetzen. Man könnte die Benutzer-Feedbacks der letzten Jahre auswerten und die App weiter ausbauen, einzelne Forschungsfragen als Abschlussarbeiten realisieren und dazu neue Studien starten. Ein Vorschlag der Nutzer ist zum Beispiel, dass man gesetzte Regeln nur verändern darf, wenn man das Smartphone neu gestartet hat. Alleine das ist schon für viele Menschen eine Hürde. Wie oft schaltet man sein Smartphone tatsächlich aus? Andere haben ein Passwortschutz für ihre Regeln vorgeschlagen, um das Handyverhalten ihrer Kinder steuern zu können.


Bei den Weiterentwicklungen geht es also darum, den inneren Schweinehund auszutricksen, weil man nicht aus eigener Kraft sein Verhalten ändern will?
Matthias Böhmer:
So viele Vorteile das Smartphone für uns hat, es fördert leider auch unser soziales Fehlverhalten. Letztlich geht es bei den Anwendungen darum, die Technik so einzusetzen, dass wir über sie unser soziales Verhalten positiv beeinflussen können. Denn dass Smartphones und Tablets unsere ständigen Begleiter sind, werden wir sicher nicht mehr ändern. Wenn sich Gruppen auf Partys oder in Restaurants treffen, selbst zu Hause, benutzen viele ihr Smartphone. Aber eigentlich wollen wir ja nicht, dass unser Gegenüber permanent auf das Handy schaut. Man könnte zum Beispiel ein Feature implementieren, das dieses Verhalten mindert.


Das heißt, man könnte eine Regel entwickeln, mit der man bei einem Treffen maximal auf die Uhr schauen kann, mehr aber nicht?
Matthias Böhmer:
Zum Beispiel. Oder man könnte Gamification-Elemente einfügen: Wer doch aufs Handy schaut, bezahlt die nächste Runde. Mit solchen Fragen kann man spielen, und sie lassen sich technisch implementieren. Während meiner Zeit bei Microsoft haben wir uns mit Smartphones im Meetingkontext befasst. Auch hier schauen die Leute permanent auf das Mobiltelefon. Wir hatten damals die Idee, das Meeting mit einem Smartphone effizienter zu gestalten: Mit einem Content, der dazu verleitet, sich mit dem Meeting zu beschäftigen. Wir haben damals ein Spiel mit Triviafragen entwickelt, die zum Meetingkontext passen. Wer sitzt mir gegenüber? Welche Person im Raum ist der Experte für Machine Learning? In der Microsoft-Welt zumindest ist das kein Problem. Dort sind viele Informationen der Mitarbeiter über interne Firmendatenbanken und persönliche Outlook-Profile leicht abrufbar.


Zeigen wir neben den sozialen noch weitere auffällige Verhaltensmuster mit unseren Smartphones?
Matthias Böhmer:
Viele. Zum Beispiel löschen viele Nutzer nicht die Anwendungen, die sie nicht mehr benutzen, sondern schieben sie lieber in Unterordner. Ein anderes Phänomen ist, wie unterschiedlich Nutzer ihre Anwendungen sortieren. Die einen klassisch nach Themen, andere nach den Farben der Icons. Wieder andere positionieren die Icons so, dass das Gesicht einer Person auf dem Hintergrundbild nicht verdeckt wird. Diesen Service könnte man als Applikation automatisieren. In einer anderen Studie habe ich mal untersucht, wie sich eingehende Anrufe auf die Applikationsnutzung auswirken. Stellen sie sich vor, Sie suchen gerade auf Google Maps den Weg zu einem Bekannten. Ein Anruf geht ein, dadurch schließt sich Ihre Maps-Applikation. Bis vor einiger Zeit musste man direkt den Anruf annehmen oder ihn ablehnen – was natürlich auch soziale Implikationen hat. Damals, 2013, hatte ich einen alternativen Vorschlag publiziert, dass die Benachrichtigung nur auf einem kleinen Teil des Bildschirms angezeigt wird. Android hat diese Darstellung mittlerweile umgesetzt.


Heißt das, Android hat Ihre Idee übernommen?
Matthias Böhmer:
Das ist schwierig, Google sagt dazu nichts. Ich weiß aber, dass Google sich gerne von Publikationen aus der Community inspirieren lässt, um neue Entwicklungen zu implementieren. Ich kenne andere Themen, deren Untersuchungen ebenfalls in Android-Entwicklungen mündeten. Viele UX-Researcher von Google sind oft auf Konferenzen unterwegs; kupfern aber nicht nur ab sondern publizieren auch ihre eigenen Untersuchungen. Letztlich ist es so: Wer eine Idee zuerst publiziert, dem kann im Prinzip auch die Urheberschaft zugesprochen werden.


Interview: Monika Probst

M
M