Wie wird über rechtsextreme Taten und Rassismus berichtet?

Prof. Dr. Christine Horz (Bild: privat)

Neun Bürgerinnen und Bürger starben im vergangenen Jahr beim rechtsextremen Anschlag in Hanau. Die Berichterstattung zu rassistisch motivierten Taten stand anschließend bereits vermehrt im Fokus. Prof. Dr. Christine Horz ist Professorin für Transkulturelle Medienkommunikation und geht im Interview auf die Fehler und Entwicklung solcher Berichterstattungen ein.

Am 19. Februar 2021 jährt sich der Anschlag in Hanau. Was fiel bei der Berichterstattung vor einem Jahr auf?
Positiv fiel auf, dass die Opfer in diesem Fall deutlich stärker im medialen Bewusstsein standen als bei Vorgängertaten. Es gab anteilnehmende Hashtags und Gedenkveranstaltungen, über die berichtet wurde. Die Tat wurde jedoch zu wenig als Rechtsterrorismus eingebettet.

Was liegt derzeit noch im Argen, wenn es um die Berichterstattung zu rechtsextrem motivierten Anschlägen geht?
Ein Grundproblem ist, dass von den Opfern sehr oft primär als Migrantinnen und Migranten sowie Ausländerinnen und Ausländer berichtet wird, obwohl es Deutsche sind. Sie werden damit medial ausgebürgert. Beim Anschlag im vergangenen Jahr wurde übersehen, dass es Bürgerinnen und Bürger sowie Hanauerinnen und Hanauer waren. Zudem sind Berichterstattungen zu solchen Taten vor allem zu Beginn spekulativ. Wenn noch nicht alle Fakten geklärt sind, wird gemutmaßt, was problematisch ist.

Was sollte beachtet werden?
Es wird mehr Kultursensibilität benötigt. Oft werden die Namen der Opfer und der Hinterbliebenen nicht richtig geschrieben oder ausgesprochen. Hier sollte sich definitiv mehr Mühe gemacht werden. Eine rationalere, sachlichere Berichterstattung ist außerdem notwendig. Mediale Aufmerksamkeit ist genau das, was die Täter möchten. Statt die Täterperspektive in den Vordergrund zu stellen, sollten noch vielmehr die Opfer und auch die Hinterbliebenen fokussiert werden. Was bedeutet beispielsweise die Tat für die Familie und den Ort? Wichtig ist dabei, wie mit den Personen umgegangen wird. Beispielsweise weinte ein Überlebender aus Hanau im Krankenhaus während eines Interviews. Solche retraumatisierenden, ethischen Fehltritte gilt es unbedingt zu vermeiden.

Was sind die Ursachen für die bisher praktizierte Berichterstattung?
Das ist eine wichtige Frage, die nicht einfach zu beantworten ist. Man geht davon aus, dass etwa ein Drittel der Gesellschaft rassistische Denkmuster und antidemokratische Bilder im Kopf hat. Es ist logisch, dass sich darunter auch Journalistinnen und Journalisten befinden. Ich bin aber optimistisch, dass die Mehrzahl der Journalistinnen und Journalisten unreflektiert anstatt bewusst diskriminierend handelt. Darüber hinaus wird die Auseinandersetzung versäumt. Auch Wissenslücken spielen dabei eine Rolle. In der Ausbildung wird nicht vermittelt, wie man ohne Stereotypen über alle Bevölkerungsgruppen berichtet.

Welche Veränderungen sind erforderlich?
Die Auseinandersetzung mit den eigenen Mustern ist notwendig: Führt meine Berichterstattung dazu, Stereotypen zu verbreiten? Wir machen in der Hinsicht allerdings zwei Schritte nach vorne und einen Schritt zurück. Das zeigt beispielsweise die WDR-Sendung „Die letzte Instanz“, bei der man sich fragt, wie das passieren konnte. Fünf weiße Personen diskutierten darüber, ob rassistische Begriffe zeitgemäß sind. Solche Berichte werden von der Gesellschaft deutlich als Fehltritte rückgespiegelt, von denen Medien lernen können und sollen. Eine aktuelle Studie zeigt, dass das Bewusstsein von Chefredakteurinnen und -redakteuren für die Thematik schon größer ist als noch vor zehn Jahren. Wichtig für die Zukunft sind nachhaltige Diversitätskonzepte und Leitfäden, die aufzeigen, wie mit Vielfalt berichtet werden kann.

Februar 2021

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