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Nadine Fischer

Nadine Fischer

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Beauftragte für Studierende mit Beeinträchtigung an der TH Köln.

Psychische Probleme sind nicht peinlich

In Studium und Arbeitswelt sind es vor allem Leistungsdruck und soziale Probleme, die Menschen an die psychische Belastungsgrenze bringen. Aus Angst vor Stigmatisierung spricht aber kaum jemand darüber. Nadine Fischer, Beauftragte für Studierende mit Beeinträchtigung, meint, dass es an der Zeit ist, mehr über das Thema psychische Erkrankungen zu sprechen und die "Hemmschwelle" zu senken.

Frau Fischer, im Oktober startete die Kampagne Offensive Psychische Gesundheit", initiiert von drei Bundesministerien. Warum brauchen wir so eine Initiative?
Psychische Erkrankungen sind immer noch mit einem Stigma behaftet und das, obwohl sie mittlerweile der zweithäufigste Krankheitsgrund sind. Der "Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde" zufolge haben knapp 30 Prozent der Erwachsenen in Deutschland eine psychische Erkrankung. Das entspricht ca. 17,8 Millionen Menschen. Dabei nehmen weniger als 20 Prozent der Betroffenen Hilfe in Anspruch. Im Jahr 2018 gab es über 9.000 Suizide. Davon lassen sich zwischen 50 bis 90 Prozent auf psychische Erkrankungen zurückführen. Es wird also höchste Zeit, psychische Erkrankungen aus der Tabuzone herauszuholen.

Welche Rolle spielt das Thema psychische Gesundheit an der Hochschule?
Ich beziehe mich vor allem auf die Studierenden, das schicke ich voraus. Nach der
so genannten best2-Studie des Deutschen Studentenwerks, die im Wintersemester 2016/17 bundesweit an 153 Hochschulen durchgeführt wurde, haben 11 Prozent der Studierenden eine Beeinträchtigung, chronische oder psychische Erkrankung, von diesen wiederum über 50 Prozent eine psychische Erkrankung. Das ist also die größte Gruppe. Überträgt man diese Statistik auf die TH Köln, hätten wir insgesamt knapp 3.000 beeinträchtigte Studierende und eben 1.500 Studierende mit psychischer Erkrankung. Das unterstreicht die Bedeutung des Themas für Hochschulen. Schließlich ist ein Studium auch mit psychischer Erkrankung möglich, aber es braucht Unterstützungsangebote.

Welche Unterstützungsangebote gibt es an der TH Köln für Studierende mit
psychischen Belastungen?

Es gibt sowohl vom AStA als auch vom Kölner Studierendenwerk eine psychologische Beratung, die kostenlos und streng vertraulich ist. Studierende können sich an die Berater*innen wenden mit Anliegen wie Studien- oder Beziehungsstress, Prüfungsängsten, persönlichen Krisen oder gedrückter Stimmung. Sollte eine Therapie erforderlich sein, können die Berater*innen auch bei der Vermittlung eines Therapieplatzes unterstützen. Da aus meiner Erfahrung die Hemmschwelle, eine Beratungsstelle aufzusuchen, höher ist, war ich auf der Suche nach einem zusätzlichen niedrigschwelligen Angebot. Bei dem Verein Irrsinnig Menschlich e. V. habe ich ein tolles Format entdeckt, nämlich das Forum "Psychisch fit studieren". Es lief bei uns im Sommersemester zum ersten Mal und findet aufgrund der positiven Resonanz am 7. Dezember noch einmal statt.

In Gesprächen mit Lehrenden erlebe ich oft, dass es ihnen nicht an Verständnis mangelt, sondern dass sie sich unsicher fühlen

Wie läuft das Forum "Psychisch fit studieren" genau ab?
Das Forum wird von zwei Referent*innen geleitet, die sowohl fachliche als auch persönliche Expert*innen sind. Sie erzählen von ihren eigenen Erfahrungen mit psychischen Erkrankungen im Studium. Das macht es sehr authentisch. Coronabedingt wird das Forum virtuell durchgeführt. Die Teilnehmenden müssen die Kamera nicht einschalten. So ist das Angebot sehr niedrigschwellig. Neben Fakten zu psychischen Erkrankungen erhalten die Studierenden auch Tipps bei Prüfungsängsten und Stress. Weiterhin gibt es die Möglichkeit, Fragen an die Expert*innen zu stellen. Das Feedback der Studierenden war sehr positiv. Vor allem war es unglaublich hilfreich für sie festzustellen, dass sie nicht alleine sind.

Wie gehen Lehrende mit psychisch belasteten oder erkrankten Studierenden um?
In Gesprächen mit Lehrenden erlebe ich oft, dass es ihnen nicht an Verständnis mangelt, sondern dass sie sich unsicher fühlen. Manchmal gibt es auch gewisse Berührungsängste. Lehrende wissen vielfach nicht, wie sie sich verhalten sollen. Sie fragen sich: Soll ich die Studierenden direkt ansprechen, aber wie? Was mache ich, wenn die Studierenden das als übergriffig empfinden? Wie gehe ich damit um, wenn es plötzlich aus jemandem herausbricht und mir die Person im schlimmsten Fall erzählt, dass sie suizidale Gedanken hat? Lehrende sind natürlich keine Psycholog*innen. Sie stehen also vor einer doppelten Schwierigkeit: Wie spreche ich es an und wie kann ich die Reaktion auffangen? Dabei wäre es wichtig, dass Lehrende Warnsignale erkennen können und sich sicher fühlen, Studierende anzusprechen und auf Unterstützungsangebote aufmerksam zu machen. Damit können Lehrende dazu beitragen, das Schweigen beim Thema psychische Erkrankungen zu brechen.

Psychische Erkrankungen sind immer noch mit einem Stigma behaftet und das, obwohl sie mittlerweile der zweithäufigste Krankheitsgrund sind

Gibt es Angebote für Lehrende, um sie hier zu unterstützen?
Lange war ich auf der Suche nach einem passenden Angebot und bin nun auch wieder beim Verein Irrsinnig Menschlich e. V. fündig geworden. Dieser hat nun auch für Lehrende ein spezielles Konzept entwickelt. Das interaktive Forum findet am 19. Januar statt. Inhaltlich wird es u.a. um folgende Themen gehen: Warnsignale psychischer Krisen erkennen und ansprechen, Kommunikation mit psychisch belasteten Menschen, Schutzfaktoren stärken und Risikofaktoren minimieren, schwierige Situationen meistern und Bewältigungsstrategien entwickeln. Das Forum soll ein Anfang sein. Zukünftig möchte ich die Angebote für Lehrende weiter ausbauen. Schließlich bin ich in meiner Funktion als Beauftragte auch Ansprechpartnerin für Lehrende und Beschäftigte.

Offenheit hilft!
Drei Bundesministerien und insgesamt 50 Krankenkassen, Unfallversicherungsträger, die Rentenversicherung, Bundesagentur für
Arbeit, Berufsverbände und Bündnisse wollen gemeinsam das Thema psychische
Erkrankungen aus der Tabuzone holen und die Präventionslandschaft in Deutschland besser vernetzen. Die Offensive soll dazu beitragen, dass Menschen ihre eigenen psychischen Belastungen und Grenzen besser wahrnehmen und auch mit Menschen in ihrem Umfeld offener darüber sprechen können.
Offensive Psychische Gesundheit

November 2020

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