Promotion: Ein Foto ist ein Foto ist ein Foto

Niederlande, England, Schottland – Marta Garcia Celma ist beruflich gerne unterwegs. Ihr aktueller Stopp ist Köln. Für ihre Promotion beschäftigt sich die Spanierin mit konservatorischen und ethischen Fragen, die die digitale Fotografie mit sich bringen.

Es gibt nur eine Mona Lisa. Egal, wie viele Bilder von ihr uns im Alltag begegnen, als Reproduktionen, auf Postern oder digital – nur das 77 mal 53 Zentimeter große Ölbild auf Holz, das im Louvre hängt, ist das eine, einmalige, weltberühmte Bild mit dem vielzitierten Lächeln. Es ist magisch. Doch gilt dieser Zauber auch für die moderne Fotokunst? Die großformatigen Werke des Fotografen Thomas Gurskys zum Beispiel hängen auf der ganzen Welt. Aber was genau sehen wir uns an, wenn wir den Druck betrachten: das Original? Oder nur einen aus mehreren Papieren zusammengesetzter Ausdruck? Vielleicht gibt es in der digitalen Fotografie gar kein haptisches Original mehr. Stattdessen wäre die Computerdatei die ursprüngliche Fassung, die man beliebig oft reproduzieren und ausdrucken kann. Doch was sagt das dann über den finanziellen und ideellen Wert eines Druckes im
Museum aus?

Marta Garcia CelmaDie Spanierin Marta Garcia Celma promoviert über die Frage: Was ist das Original in der digitalen Fotografie? (Bild: Thilo Schmülgen/TH Köln)

Diese Überlegungen sind nicht bloß von rein akademischem Interesse. Mittlerweile beschäftigen sie Museen sowie Restauratorinnen und Restauratoren im beruflichen Alltag. Viele zeitgenössische Fotografien zeigen bereits nach wenigen Jahren, in denen sie ausgestellt werden, teilweise schwerwiegende Alterungsspuren. Licht und Klima setzten ihnen zu, verändern die Farben und die Oberflächenstruktur des Materials. Wie soll man das Kunstwerk behandeln: es konservieren, dabei aber Alterungsprozesse zeigen? Oder es wie neu erstrahlen lassen? Darf zeitgenössische Kunst überhaupt altern, so wie der Betrachter es von einem Bild aus der Renaissance erwartet?

Große Formate sorgen für Probleme
Als ob diese Fragen nicht reichen würden, stehen Museen vor großen logistischen Problemen, weil aufgrund der technischen Möglichkeiten die Fotodrucke immer großformatiger werden. Wie soll man sie lagern? Wäre es nicht viel einfacher, sie zu demontieren und zur nächsten Ausstellung einen neuen Druck anzufertigen?

Auf dieses Geflecht aus kunsthistorischen, ethischen, wirtschaftlichen und technischen Fragen hat Marta Garcia Celma noch keine Antworten gefunden. „Es fühlt sich an, als stehe ich im Wasser.“ Kein Wunder, schließlich beginnt sie gerade erst, sich mit der komplexen Materie auseinanderzusetzen. Die Fotografin, Kunstwissenschaftlerin und Restauratorin ist seit dem Frühjahr am Institut für Restaurierungs- und Konservierungswissenschaft (CICS), um ihre Doktorarbeit zu schreiben. Der Titel steht schon fest: „Authenticity and reproducibility. Conservation strategies for contemporary photography“.

Durch Europa, den Jobs hinterher
Als sich die Spanierin auf die Ausschreibung bewarb, war ihr der Ort eigentlich nicht so wichtig. Nach den Niederlanden, England und Schottland ist Deutschland einfach eine weitere Station in Studium und Beruf, auf der Suche nach interessanten Arbeitsthemen und Jobangeboten. Die sind in der Welt der Restauratoren dünn gesät und oft zeitlich befristet. Das macht viele zu Globetrottern. Aber auch das liebt die 28-jährige Spanierin. Im dreijährigen NACCAProgramm wird sie einige Gelegenheiten haben, durch Europa zu Seminaren zu reisen.

Ihr eigentlicher Forschungsgegenstand liegt allerdings nur rund 50 Kilometer rheinabwärts: Die Düsseldorfer Fotoschule ist weltberühmt und unter anderem eng verbunden mit dem Fotofachlabor Grieger. Dessen technologische Entwicklungen und Innovationen ermöglichen
es Künstlern wie Andreas Gursky, ihre Diasec-Arbeiten in immer größeren Dimensionen
umzusetzen.

Das Thema ist sehr kompliziert. Es fühlt sich noch an, als stehe ich im Wasser. (Marta Garcia Celma)

Um thematisch festen Boden unter die Füße zu bekommen wird Marta Celma mit der Firma Grieger in Düsseldorf zusammenarbeiten, ein Promotions-Kooperationspartner. Von der analogen Technik bis zum Pigmentdrucker wird Celma, die sich im Kunststudium auf analoge
Fotografie konzentriert hatte, die verschiedenen Druckverfahren untersuchen. „Ich möchte außerdem technische Lösungen aufzeigen, um zum Beispiel das Ausbleichen der Farben hinauszuzögern oder sogar zu verhindern. Oder Empfehlungen bei der Lichtsetzung der ausgestellten Fotografien definieren“. Schwerer greifbar ist für sie allerdings die Frage nach Wert und Wirklichkeit der digitalen Fotografie. Wenn der Ursprung einer Fotografie in einer Datei liegt, warum ist dann das eine Bild das authentische Original, während eine Kopie auf ihrem Smartphone ohne Magie und damit wertlos ist?

Wenn die Technik der Tradition ein Schnippchen schlägt
„Vielleicht ist unsere Vorstellung von einem Original veraltet, weil sie keinen Bezug zu den Technologien hat, mit der Foto- und Medienkünstler heute arbeiten“, sagt Prof. Dr. Gunnar Heydenreich, der Marta Celmas Arbeit am CICS betreut. An vielen etablierten Normen in
der Kunst werde selten gerüttelt, selbst, wenn sie nicht funktionieren. Das NACCA-Projekt
will Teile dieser etablierten Regeln hinterfragen, denn bei der mit Siebenmeilenstiefeln voranschreitenden technologischen Entwicklung kommen Museen mit tradierten Definitionen in der modernen Kunst nicht mehr weit.

Schon jetzt kann ein Fotograf seine Bilder brillanter, farbintensiver und kontrastreicher drucken lassen, als noch vor zehn Jahren. Was ist, wenn er deshalb ein älteres Werk noch einmal neu produzieren will: Ist dann der bis dato als offiziell anerkannte Druck noch das Original? Welchen Wert hat er im Vergleich zu seinem jüngeren Pendant? Und wie sollen Galerien, Gutachter und Museen mit diesen Bedingungen und den angekauften Werken umgehen? Können wir den Wert eines verblichenen Farbdrucks erst mit größerer zeitlicher Distanz erkennen?

Ein weites Feld. Aber Marta Garcia Celma nimmt die Herausforderung energisch an: „Das ist sehr, sehr kompliziert, aber genau das finde ich wunderbar.“

Text: Monika Probst

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