Inklusive Kinder- und Jugendreisen

Interview mit Prof. Dr. Andreas Thimmel vom Institut für Kindheit, Jugend, Familie und Erwachsene

Welche Bedeutung haben Kinder- und Jugendreisen für Heranwachsende?

Prof. Thimmel: Gruppenreisen ermöglichen es Kindern und Jugendlichen, eine Zeitlang unabhängig zu sein von der Erwachsenenwelt und der Schulwelt mit der dort dominanten Leistungsorientierung. Sie haben so die nötigen Freiräume, um in einer Gruppe mit anderen Kindern und Jugendlichen wichtige Erfahrungen zu machen: Soziales Lernen, Eigenverantwortung oder der Umgang mit der Natur. Die Bedeutung dieser Art von non-formaler Bildung – also dem Lernen außerhalb von Bildungseinrichtungen – ist in der Theorie wohlbekannt, hat aber in der Praxis und der Politik noch nicht die Anerkennung, die ihr eigentlich gebührt. In den letzten Jahren beobachten wir aber eine entsprechende Kehrtwende.

Wie müssen Kinder- und Jugendreisen gestaltet sein, damit sie inklusiv sind?

Prof. Thimmel: Damit Kinder- und Jugendreisen inklusiv sind, dürfen die Differenzierung in "behindert" und "nicht-behindert", die Schulen oder die Medizin vornehmen, nicht dominant sein und einfach in den Freizeitbereich übertragen werden. Und dies gelingt nur, wenn die Mitarbeitenden und Ehrenamtler für dieses Thema sensibel sind und eine entsprechende Haltung vorleben – dass alle Teilnehmenden gleichwertig und wichtig für das Gelingen der Reise sind. Das schließt sonderpädagogisches und medizinisches Wissen ein, aber es strukturiert nicht das Geschehen. In unserer Forschung haben wir viele Reisen begleitet und festgestellt: Kinder und Jugendliche erleben Reisen, an denen alle teilnehmen können, als Bereicherung und kommen auch mit den damit einhergehenden Herausforderungen zurecht. Dazu müssen aber  von den Organisatoren die entsprechenden Rahmenbedingungen geschaffen und entsprechend finanzielle und personale Ressourcen bereitgestellt werden.

Das Projekt zu inklusiven Kinder- und Jugendreisen ist jetzt ausgelaufen. Wie geht es weiter?

Prof. Thimmel: Der Kern unseres Projektes ist ein starkes Netzwerk aus Jugendarbeit, Behindertenhilfe und den Selbsthilfe-Organisationen der Behindertenverbände, das sich während unserer Arbeit gebildet hat. Dieses Netzwerk möchte auch künftig zusammenarbeiten und inklusive Kinder- und Jugendreisen weiter gestalten. Wir als Forschungsschwerpunkt Nonformale Bildung haben von den Teilnehmenden das Signal bekommen, dass sie uns als vermittelnde und neutrale Instanz bzw. als Impulsgeber weiter an Bord haben möchten. Diese Rolle nehmen wir natürlich sehr gerne an und auch das Jugendministerium in NRW hat erkannt, dass Innovationen auf Praxisebene die langfristige Unterstützung durch die Forschung, wie wir Sie betreiben, braucht.

Aber auch die Forschung in diesem Feld soll weitergehen. Das Modell und die Vorgehensweise, die wir zusammen mit der Szene der inklusiven Kinder- und Jugendreisen entwickelt haben, sind nicht nur für diesen Bereich geeignet, sondern kann auf die gesamte non-formale Kinder- und Jugendarbeit übertragen werden. An einem entsprechenden Folgeantrag arbeiten wir.

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