Gelassen – nicht alleine lassen

Menschen, die ihre Angehörigen zuhause pflegen, sind großen Belastungen ausgesetzt. Im Forschungsprojekt „Gelassen – nicht alleine lassen“ entwickeln Prof. Dr. Dagmar Brosey und Prof. Dr. Renate Kosuch deshalb ein Instrument, mit dem insbesondere Angehörige von Demenzkranken den Grad ihrer Gelassenheit einschätzen können.

Menschen, die ihre Angehörigen zuhause pflegen, sind großen Belastungen ausgesetzt. Im Projekt „Gelassen – nicht alleine lassen“ , das seit dem 1.9.2017 als Begleitforschung durchgeführt wird, entwickeln Prof. Dr. Renate Kosuch und Prof. Dr. Dagmar Brosey deshalb ein Instrument, mit dem insbesondere Angehörige von Demenzkranken den Grad ihrer Gelassenheit einschätzen können. Träger des von der Stiftungs Wohlfahrtspflege NRW geförderten Projekts ist der Landesverband der Alzheimer Gesellschaften NRW e. V.

Zudem untersuchen sie die Vermeidung freiheitseinschränkender Maßnahmen im häuslichen Pflegekontext. Am 15. November 2019 kommt das Forschungsteam mit Praxispartnern aus der Region zum Workshop „Gewaltprävention in der häuslichen Pflege“ zusammen.

Warum ist das Thema Gewaltprävention in der häuslichen Pflege wichtig?
Prof. Dr. Renate Kosuch:
Wer seine Angehörigen zu Hause pflegt, ist herausgefordert – gerade bei Demenzerkrankung dieser vertrauten Menschen – sich über einen sehr langen Zeitraum dem zunehmenden Verlust der bisherigen Beziehung und dem schleichende Abschiednehmen zu stellen. Alleine das ist ein sehr hoher Stressfaktor. Die Begleitforschung der TH Köln zum Projekt „Gelassen – nicht alleine lassen“ hat zudem ergeben, dass die pflegenden Menschen sich wünschen, gelassen zu bleiben, es ihnen aber sehr schwerfällt. Die Diskrepanz zwischen früher und heute oder die Erwartungen an sich selbst versetzen sie in einen ständigen Alarmzustand, verbunden mit großer Anspannung. Daraus kann leider ein gewalttätiges Verhalten folgen – etwa in Form von freiheitsentziehenden Maßnahmen.

Wie können Pflegende an ihrer Gelassenheit arbeiten?
Prof. Dr. Renate Kosuch:
Zunächst einmal ist es wichtig, zu erkennen, dass es ein Problem gibt. Darum haben wir ein „Gelassenheitsbarometer“ als Instrument der Selbstreflexion entwickelt, das auf Gruppengesprächen zum Thema Gelassenheit mit 51 pflegenden Angehörigen basiert und auf deren spezifische Situation zugeschnitten wurde. Mit dem Instrument kann ermittelt werden, bei welchen Anlässen die Gemütsruhe verloren geht und es ermöglicht Rückschlüsse darauf, wo Veränderungen notwendig sind oder Unterstützung in Anspruch genommen werden sollte. Wichtig ist auch zu erkennen, welche Dinge sich nicht ändern lassen und dies anzunehmen. Gelassen sein bedeutet also – ganz im Sinnes des Wortes – unter Umständen etwas zu unterlassen und zu konstatieren: „So ist es nun mal.“

Ein wichtiger Aspekt Ihrer Begleitforschung waren die freiheitsentziehenden Maßnahmen. Was versteht man darunter und was sind die Gefahren?
Prof. Dr. Dagmar Brosey:
Dieser Begriff umfasst ein weites Spektrum. Teilweise werden die Betroffenen im Zimmer oder in der Wohnung eingesperrt, ihnen wird der Rollator weggenommen oder die Bremse am Rollstuhl festgestellt. Aber auch das Fixieren mit Gurten am Bett gehört dazu. In der professionellen, stationären Pflege sind freiheitsentziehende Maßnahmen gut erforscht und auch reglementiert. So müssen bei einem Menschen, der mit Gurten fixiert wird, permanent die Vitalfunktionen überprüft werden und es ist klar, dass der Bevollmächtige oder rechtliche Betreuer zustimmen muss und zur Kontrolle das Gericht eingeschaltet wird. Wir sind hier ja in einem Bereich, in dem es auch um den Schutz der Menschenrechte der Pflegebedürftigen geht. In der privaten Pflege zu Hause gibt es hingegen kaum vorbeugende Beratung und auch die Regeln für solche Entscheidungen sind weitgehend unbekannt.  Außerdem bergen freiheitsentziehende Maßnahmen erhebliche Gefahren für die Betroffenen, wie  Strangulationsgefahren  durch Fixiergurte.  Auch der drohende Muskelabbau bei einer häufigen Einschränkung der Bewegungsfreiheit ist eine Folge, über die aufgeklärt werden muss.

Wie werden die Ergebnisse Ihrer Forschungen den pflegenden Angehörigen zugänglich gemacht?
Prof. Dr. Dagmar Brosey:
Wir arbeiten zurzeit an eine Broschüre, die unsere wissenschaftliche Mitarbeiterin Nora Wilcke maßgeblich erstellt. Diese bereitet das Thema und unsere Erkenntnisse für Beratungsstellen und Fachkräfte auf. Zudem wird es einen Flyer geben, der in komprimierter Form den pflegenden Angehörigen Hilfestellungen bietet. Beides erscheint Anfang 2020. Zudem versuchen wir Politik und Gesellschaft auf das Problem hinzuweisen. Der Schutzbedarf und geeignete Maßnahmen zur Wahrung der Rechte und der Selbstbestimmung pflegebedürftiger Menschen sind in Deutschland nicht ausreichend berücksichtigt.

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