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Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften

Campus Südstadt
Ubierring 48, 50678 Köln

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Prof. Dr. Markus Ottersbach

Angewandte Sozialwissenschaften
Institut für interkulturelle Bildung und Entwicklung (INTERKULT)

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Für Freiheit und Demokratie in unseren Migrationsgesellschaften – gegen Gewalt und Terror!

Mit Fassungslosigkeit haben wir die Ereignisse der vergangenen Tage in Frankreich verfolgt. Das Attentat auf die Satire-Zeitschrift "Charlie Hebdo" mit zwölf Toten und die Ermordung der jüdischen Geiseln und einer Polizistin in Paris hat auch bei uns Entsetzen, Wut und Empörung ausgelöst. Die Opfer und ihre Angehörigen haben unser uneingeschränktes Mitgefühl, wir trauern mit ihnen.

Die Anschläge erfordern jedoch mehr als Trauer und Mitgefühl, sie erfordern umso mehr ein mutiges Eintreten für eine Gesellschaft, in der "man ohne Angst verschieden sein kann" (Adorno). Sich dem Terror entgegenzustellen, das heisst aber auch, sich angesichts des Schreckens nicht blind machen zu lassen und damit gerade dem Vorschub zu leisten, was Terror und Gewalt bezwecken, nämlich der menschlichen Würde und dem Respekt anderen gegenüber ein Ende zu bereiten. Ziel des Terrors ist es, Angst und Schrecken zu verbreiten, es soll jeden und jede irgendwo treffen können, das Vertrauen in die politischen und staatlichen Kräfte soll dadurch unterminiert werden. Die Menschen sollen dadurch so organisiert werden, "als gäbe es sie gar nicht im Plural, sondern nur im Singular" (Arendt). Das was Menschsein ausmacht, nämlich eine unbeschreibliche Vielfalt und zahllose Differenzen, die uns voneinander unterscheiden und zu einzigartigen Personen machen, soll nicht mehr Geltung haben, soll ausgelöscht werden. Dabei geht es nicht nur darum, die eigenen Reihen zu schliessen, sondern es geht auch darum, den vermeintlichen Gegner sich gleich zu machen. Dem müssen wir, die wir für uns in Anspruch nehmen, die Freiheit zu lieben, uns entgegenstellen: Freiheit und Demokratie sind unteilbar. Sie stehen aber immer dort auf dem Spiel, wo die Einzigartigkeit des  Menschen nicht mehr zählt.

Damit kämen wir zu der für uns entscheidenden Frage: Was können wir tun angesichts dieser neuen Entwicklungen? Als Migrationsforschende in der Sozialen Arbeit haben wir uns bereits seit vielen Jahren mit den Problemen und Herausforderungen von Migrationsgesellschaften befasst und sind immer wieder auf vergleichbare Problemlagen gestossen, nämlich auf einen Mangel an Akzeptanz gegenüber Diversität und eine vielfach unzureichende und fehlende soziale und politische Partizipation von Menschen mit Migrationshintergrund in den westlichen Gesellschaften. Wir haben uns darum bemüht, Lösungen zu finden. Vieles, was von uns vorgebracht wurde, hat gesellschaftlich und politisch nicht immer unmittelbar seinen Niederschlag gefunden bzw. wurde umgesetzt. So ist die Forderung nach Akzeptanz der Diversität und nach Partizipation von Migrantinnen und Migranten bereit seit den 1970/80er Jahren mit Vehemenz eingefordert worden, allerdings wird sie erst seit der Jahrtausendwende tatsächlich und mit politischem Nachdruck betrieben. Dass die Umsetzung dieser Forderungen  nicht von heute auf morgen gelingt, muss an dieser Stelle nicht betont werden. Radikalisierungen im Sinne von Rassismus, Sexismus, Hass, Ressentiment und Ausgrenzung Anderer sind vielfach Antworten auf langfristig nicht erfüllte Bedürfnisse und Hoffnungen. Hierin unterscheiden sich marginalisierte Gruppierungen kaum voneinander, ob es sich nun um rechtsradikale oder um religiös-fundamentalistische Strömungen handelt. Was sie eint, ist ihr ideologisches Denken, das keine Weltanschauung im eigentlichen Sinne hervorbringt. Die Gefahr dieses Denkens besteht vielmehr darin, dass es von aller weiteren Erfahrung völlig unberührt ist: "Ideologisches Denken ist, hat es einmal seine Prämisse, seinen Ausgangspunkt statuiert, prinzipiell von Erfahrungen unbeeinflussbar und von der Wirklichkeit unbelehrbar" (Arendt).

Für die Soziale Arbeit können hieraus folgende Schlussfolgerungen gezogen werden:

1) Im Sinne der Sozialen Arbeit als eine Menschenrechtsprofession gilt es, gesellschaftlichen Verhältnissen entgegenzutreten, in denen Menschen Opfer von Ausgrenzung, Gewalt und Verfolgung werden, und zwar sowohl im Privaten als auch im Öffentlichen, denn eigene Erfahrungen von Ausgrenzung und Gewalt bilden oft die Grundlage für spätere Gewaltkarrieren – dies gilt unabhängig von der jeweiligen Herkunft oder dem Migrationskontext;

2) Für Menschen, die an ihrer desolaten Lebenssituation zu zerbrechen drohen, die mit sich und der Welt unzufrieden sind, scheitern und verzweifeln, müssen bessere und wirksamere Möglichkeiten der Unterstützung angeboten werden, damit sie wieder in die Lage versetzt werden, für sich "einen Ort in der Welt" (Arendt) finden zu können;

3) Gesellschaftliche Aufklärung über die Bedingungen, unter denen Menschen leben, die von Marginalisierung betroffen sind, ist erforderlich, damit im politischen Diskurs ein besseres Wissen um gesellschaftliche Problemlagen vorhanden ist. Damit wird ein Beitrag dazu geleistet, dass konkrete Vorschläge und Massnahmen eine bessere Unterstützung finden, um solche Problemlagen besser zu bearbeiten.

Wir verstehen  es als unsere Aufgabe, angesichts des Schreckens, der sich in den vergangenen Tagen ausgebreitet hat, mit vermehrter Anstrengung darüber nachzudenken, was wir selbst in unserem Tätigkeitsbereich tun können, welche Anregungen und Impulse wir in Ausbildung, Weiterbildung, Forschung & Entwicklung sowie in Dienstleistungen geben können, um zu einem besseren Verständnis der aktuellen gesellschaftlichen Problemlagen und der Möglichkeiten ihrer Bearbeitung beizutragen. Wir denken, dass dies unmittelbar und dringend erforderlich ist. Denn wir sind davon überzeugt, dass die Ereignisse der vergangenen Tage durch die Bedrohung der Meinungsfreiheit als fundamentaler Bestandteil jeder Demokratie eine neue gesellschaftliche Situation geschaffen haben, die uns in den nächsten Wochen und Monaten auf vielfältige Weise herausfordern wird und auf die wir Antworten finden müssen, damit Freiheit und Demokratie nicht nur in Frankreich, sondern auch in unseren Ländern – in Deutschland und der Schweiz – keinen Schaden nehmen.

Wir sind der Überzeugung, dass allein eine der Freiheit verpflichtete und sich für Partizipation aller Mitglieder und für Toleranz gegenüber Minderheiten einsetzende Gesellschaft in der Lage ist, dem Terror zu widerstehen, der seit dem 11. September 2001 begonnen hat, sich auch im Innern unserer Gesellschaften auszubreiten. Dafür wollen wir eintreten!

An folgenden Anlässen werden wir unsere Positionen und Überlegungen einbringen:

1) Internationales Modul "Arbeit, Migration und Soziale Arbeit" der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW, der Fachhochschule Köln und der Katholischen Hochschule NRW vom 15. bis 17. Januar 2015 in Köln.

2) 15. Internationale Migrationskonferenz www.migrationskonferenz.ch "Migration und Geschlecht" vom 18. bis 20. Juni 2015 in Dudelange/Luxemburg,  - an deren Organisation und Durchführung die Autoren und die Autorin dieses Beitrags mit beteiligt sind.

Prof. Dr. Thomas Geisen (Hochschule für Soziale Arbeit der Fachhochschule Nordwestschweiz), Prof. Dr. Markus Ottersbach (Fachhochschule Köln), Prof. Dr. Ria Puhl (Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen)

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