Werte der Ehrenamtlichen im Bevölkerungsschutz

Dr. Holger Spieckermann vom Institut für Angewandtes Management und Organisation in der Sozialen Arbeit erklärt im Interview die Werteorientierung ehrenamtlich Engagierter im Katastrophen- und Bevölkerungsschutz.

Das Ehrenamt im Katastrophen- und Bevölkerungsschutz leidet unter Nachwuchsmangel. Deshalb sucht der interdisziplinäre Forschungsschwerpunkt „Bevölkerungsschutz im gesellschaftlichen Wandel“ (BigWa) unter Leitung von Prof. Dr. Alexander Fekete nach Möglichkeiten, wie ein entsprechendes Engagement attraktiver gestaltet werden kann. Um einen Einblick in die Ehrenamtsszene zu erhalten, wurden Ende 2017 insgesamt 847 ehrenamtlich aktive Personen online befragt. Die gewonnen Daten wurden auch in der Fakultät für Sozialwissenschaften analysiert. Dr. Holger Spieckermann vom Institut für Angewandtes Management und Organisation in der Sozialen Arbeit wertete die Umfrage in Bezug auf die Werteorientierung aus.

Herr Spieckermann, welche Werte vertreten Ehrenamtliche im Katastrophen- und Bevölkerungsschutz?
Spieckermann:
Wir haben uns an den sogenannten individuellen reflexiven Werten nach Dieter Hermann orientiert,  mit den drei Hauptkomponenten „moderne materialistische Werte“, „moderne idealistische Werte“ sowie „traditionelle Werte“. Interessanterweise finden sich in allen drei Wertebereichen bestimmte Orientierungen, die von den ehrenamtlich Engagierten in hohem Maße geteilt werden.
Besonders ausgeprägt sind moderne idealistische Werte. So sind Menschen mit einer sozialintegrativen, ökologisch-alternativen oder politisch toleranten Orientierung unter den Ehrenamtlichen ausgesprochen häufig vertreten. Aber es gibt auch viele Ehrenamtliche mit einer hedonistischen Orientierung und einer normorientierten Leistungsethik.

Welche Wertorientierungen sind wenig vertreten?
Spieckermann:
Am schwächsten ausgeprägt sind der konservative Konformismus und eine religiöse Orientierung. Es stellt sich die Frage, ob Personen mit diesen Werteorientierungen überhaupt für das Engagement im Bevölkerungsschutz gewonnen werden können. Anderseits sind konfessionelle Bindungen die Grundlage für das soziale Engagement in der Nachbarschaft und Kirchengemeinde. Es wäre zu untersuchen, wie die Tradition des konfessionellen sozialen Engagements für den Bevölkerungsschutz genutzt werden kann.

Welche Schlussfolgerungen können Vereine aus Ihren Ergebnissen ziehen?
Spieckermann:
Insbesondere für die Werbung und die Ansprache potentieller Ehrenamtlicher sind unsere Erkenntnisse relevant. Da bestimmte Wertvorstellungen im Ehrenamt weit verbreitet sind, kann man davon ausgehen, dass Menschen mit den gleichen Werten, die sich noch nicht engagieren, leichter zu gewinnen sind.
So könnten sozialintegrativ eingestellte Menschen über eine Betonung des Teamgedankens und des Gemeinschaftsgefühls gewonnen werden; Hedonisten reizt der Aspekt des Abenteuers, der mit einem Einsatz im Katastrophenschutz verbunden ist; wer einer normorientierten Leistungsethik anhängt, ist daran interessiert, sich für eine gute Sache zu engagieren. Eine gezielte Nachwuchsförderung sollte daher diese Werte ansprechen.

Weitere Informationen
Zur Studie ist der Fachartikel „Werteorientierungen von ehrenamtlich engagierten Personen im Bevölkerungs- und Katastrophenschutz“ von Dr. Holger Spieckermann in der Zeitschrift Notfallvorsorge. Die Zeitschrift für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (Ausgabe 4/2018) erschienen.

M
M