Digital vernetzt, aber machtlos

Der 15. Kinder- und Jugendbericht, den die Bundesregierung in Auftrag gegeben hat, kommt zu einer klaren Empfehlung: „Jugend zu ermöglichen”. Prof. Dr. Angela Tillmann hat als eine von zwölf Sachverständigen den Bericht mitverfasst und erklärt, warum es jetzt eine neue Strategie in der Jugendpolitik braucht.

Wo steht unsere Jugend heute?
Dass lässt sich so pauschal nicht beantworten, da sehr verschiedene Bilder über Jugendliche kursieren: in der Politik und Schule, in der Ökonomie und den Medien, in der Jugendforschung. Und auch die Lebensbedingungen und individuellen Möglichkeiten von Jugendlichen unterscheiden sich sehr. Im Jugendbericht sprechen wir daher nicht von einer oder der Jugend, sondern fragen danach, welche Aufgaben junge Menschen in der Jugendphase zu bewältigen haben. Welche Anforderungen stellt die Gesellschaft an Jugend? Wir haben drei gesellschaftliche Herausforderungen identifiziert: die Qualifizierung, die Verselbstständigung und die Selbstpositionierung. Hiermit sind Jugendliche heute teils bis ins dritte Lebensjahrzehnt beschäftigt. Wie sie diese Herausforderungen bewältigen können, hängt dabei auch von politischen Rahmenbedingungen ab. Jugend ist also keine individuelle Durchgangsphase. Sie muss von politischer und gesellschaftlicher Seite gestaltet werden. Die Frage sollte daher lauten, wie Jugend gegenwärtig politisch und pädagogisch möglich ist.

​​Prof. Dr. Angela Tillmann
Prof. Dr. Angela Tillmann ist Leiterin des Instituts für Medienpädagogik und Medienforschung sowie des Forschungsschwerpunkts Medienwelten. Sie beschäftigt sich u. a. mit der Mediensozialisation von Kindern und Jugendlichen und setzt sich für eine verstärkte Förderung von Medienkompetenz und -bildung ein. (Bild: Thilo Schmülgen/TH Köln)


2015 lag der Teil der 15- bis 25-Jährigen bei nur elf Prozent der Bevölkerung in Deutschland. Hat die nachwachsende Generation ein Problem, die eigenen Interessen vertreten zu können?
Jugendliche werden in den nächsten Jahrzehnten, selbst wenn sie sich alle einig sind, keine Wahl mehr gewinnen können. Bereits 2013 waren nur 8,8 Prozent der Wahlberechtigten bei der Bundestagswahl unter 25 Jahren. Bei den über 50-Jährigen zählten 55,9 Prozent zu den aktiven Wählern. D.h. die Wahlmacht der Jugendlichen ist im Generationenvergleich verschwindend gering. Der Jugendbericht plädiert auch aus diesem Grund für eine Senkung des Wahlalters auf 16 Jahre. Außerdem gilt es deutlich mehr Möglichkeiten der gesellschaftlichen Mitwirkung für Kinder und Jugendliche zu schaffen: Zum Beispiel in der betrieblichen Arbeitswelt, im schulischen und beruflichen Übergangssystem, in Schulen und Hochschulen oder in der Stadtentwicklung. Und auch die Medienpolitik und -anbieter sollten Jugendliche nicht nur als AdressatInnen in den Blick nehmen. Wichtige wäre insgesamt auch eine bessere Darstellung und Vermittlung der wichtigsten Rechte von Jugendlichen und jungen Erwachsenen.

Sie haben sich in der Kommission u. a. auf den Umgang der Kinder und Jugendlichen mit den sozialen Medien konzentriert. Jugendliche sind laut repräsentativen Studien viel mit dem Smartphone im Internet, verfügen aber anscheinend nicht über ausreichende Medienkompetenz. Wie passt das zusammen?
In der Medienpädagogik wird seit vielen Jahren daraufhin gewiesen, dass Nutzungskompetenz nicht gleichzusetzen ist mit Medienkompetenz. Kinder und Jugendliche nähern sich den „neuen“ Medien in der Regel zwar offener, neugieriger und experimentierfreudiger als Erwachsene und sind auch häufig motorisch flinker. Aus diesem Grunde werden sie ja gern auch als „Digital Natives“ bezeichnet. Aber dass sie sich die digitalen Medien offenbar schneller aneignen können, bedeutet noch nicht, dass sie sich dann auch gleichzeitig souverän in der Medienumgebung und Gesellschaft bewegen können. Auch sie müssen sich erst mit der Netiquette vertraut machen und einen Umgang finden – mit dem Datenschutz, Phänomenen wie Fake News, Hatespeech, Cybermobbing usw. Whatsapp zum Beispiel steht ganz oben auf der Nutzungsliste, mit dem Datenschutz setzen sich aber nur wenige Jugendliche auseinander. Medienkompetenz beschränkt sich somit nicht auf instrumentelle Fähigkeiten, sondern beschreibt einen kritisch-reflexiven, sozialverantwortlichen und kreativen Umgang mit Medien, der Menschen dazu befähigt, sich gestaltend in die Gesellschaft einzubringen.

Was sind die wichtigsten Empfehlungen, wo muss die Politik jetzt handeln?
Zusammengefasst spricht sich der Jugendbericht grundsätzlich für eine neue Jugendorientierung aus. Jugend ist nicht nur eine Verlängerung der Kindheit, sie ist eine eigene Lebensphase: Jugendliche sollen sich hier für die Zukunft qualifizieren, eine Haltung zu wertebezogenen, sozialen und politischen Fragen entwickeln und auch lernen, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Aktuell liegt der gesellschaftliche Schwerpunkt auf der Qualifizierung, hierauf hat sich vor allem die Schule konzentriert. Dieser Fokus ist aber zu eng. Hier ist unbedingt eine jugendspezifische Neuausrichtung erforderlich. Man darf auch nicht vergessen, dass das Jugendalter eine Zeit der Umwege, Sprünge und Neuanfänge ist. Dies gilt es anzuerkennen oder auch wiederzuentdecken. Die Politik muss die Übergangskonstellationen deutlicher in den Blick nehmen. Der Abschluss der Berufsausbildung und des Studiums, der Auszug aus dem Elternhaus, die eigenständige Haushaltsführung – all diese Passagen haben sich weit ins dritte Lebensjahrzehnt verschoben. Hier gilt es Jugendliche über die Volljährigkeit hinaus zu begleiten und zu fördern – auch, weil dadurch neue soziale Risiken gemindert werden können. So beobachten wir nach wie vor soziale Ungleichheiten im Jugendalter. Es entscheidet noch immer die familiäre und regionale Herkunft, der soziale Status, die ethnische und nationale Zugehörigkeit, das Geschlecht, aber auch die körperliche Verfasstheit darüber, ob Jugendliche sozial und kulturell teilhaben können.

Und hinsichtlich der Medien?
Hier wird deutlich, dass Bildungs- und Teilhabeerfahrungen für Jugendliche heute unmittelbar mit Medienerfahrungen verknüpft sind. Sie organisieren über Medien ihren Schul-, Ausbildungs- und Studienalltag, ihre Freizeit, ihre Freundschafts- und Partnerbeziehungen. Medien werden außerdem zur Beziehungs- und Identitätsarbeit genutzt. Sie stellen für junge Menschen daher einen attraktiven „Ermöglichungsraum“ dar – vielleicht umso mehr, je weniger öffentliche Plätze ihnen zur Verfügung stehen und je mehr Grenzen die Institutionen ihnen setzen. Der virtuelle Raum ist allerdings zunehmend kommerzialisiert und das digitale Ökosystem beschränkt sich auf wenige Unternehmen. In jeder Sekunde werden unvorstellbare Mengen an Daten über uns gesammelt, verarbeitet und vermarktet. Die Folgen dieser Entwicklungen sind schwer abzusehen, sie betreffen die Gesellschaft insgesamt. Jugend ermöglichen bedeutet hier, auch die Rechte Jugendlicher zu stärken. Aber auch die Erwachsenen sind in der Pflicht – bei der Förderung von Medienbildung und Medienkompetenz. Und die Unternehmen sind stärker zur Verantwortung zu ziehen. Das Ziel sollte ein möglichst datensicheres Auswachsen sein. Es gibt aber noch einiges mehr zu tun, deshalb lohnt sich also, einen Blick in den Jugendbericht zu werfen. : )

Sie wurden zum ersten Mal in eine Sachverständigenkommission des Bundes eingeladen. Wie fällt Ihr Fazit aus?
In diese Kommission kann man tatsächlich nur einmal im Leben berufen werden, so ist es bisher zumindest gehandhabt worden. Es war eine einmalige Erfahrung mit WissenschaftlerInnen und auch PraktikerInnen aus ganz Deutschland über anderthalb Jahre intensiv zum Thema Jugend arbeiten zu können. Wir haben uns jeden Monat für ein bis drei Tage getroffen. Zwischen den Treffen wurde recherchiert, geschrieben und überarbeitet. Die Diskussionen waren intensiv, teils kontrovers und oft inspirierend. Wir haben in dieser Zeit viel voneinander gelernt. Nicht immer war es einfach, neben den eigentlichen beruflichen Verpflichtungen an dem Bericht zu arbeiten. Wünschenswert wäre hier auch eine strukturelle Unterstützung von Seiten der Hochschule gewesen.

Und wie geht es jetzt weiter mit den erarbeiteten Empfehlungen?
Unsere Empfehlungen richten sich sowohl an den Bund als auch an die Länder und Kommunen, an die Kinder- und Jugendhilfe, die Schulen und außerschulischen Bildungsorte und nicht zuletzt an die Gesellschaft insgesamt. Es sind also alle eingeladen, den über 500 Seiten starken Bericht zu lesen und ihre politischen und professionellen Schlüsse daraus zu ziehen. Es wäre schön, wenn der Bericht alle Menschen, die sich mit Jugendlichen beschäftigen, dazu einlädt, darüber nachzudenken, wie sie und ihre Institutionen Jugend ermöglichen, also Jugendliche bei der Bewältigung der Jugendphase unterstützen können. Es wäre außerdem erfreulich, wenn nicht nur die jetzige sondern auch die zukünftige Regierung die Empfehlungen der Kommission prüfen und daraus entsprechende jugendpolitische Maßnahmen ableiten würde. Auf großes Interesse stoßen wir bereits bei vielen Akteuren aus der Kinder- und Jugendhilfe, die die Ergebnisse des Berichts mit uns auf Tagungen diskutieren

Interview: Monika Probst

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