"Chemie ist ein Stück weit Handwerk"

Porträt (Bild: Thilo Schmülgen/TH Köln)

Nicht alle Lehrinhalte lassen sich in digitale Formate transformieren. Das gilt vor allem für die praktischen Übungen in den Laboren, zum Beispiel in den Chemiestudiengängen am Campus Leverkusen. Wie sich die Lehrenden an die neue Situation anpassen, zeigt Studiendekan Prof. Dr. Dirk Burdinski.


Wie waren die Praktika an der Fakultät für Angewandte Naturwissenschaften vor der Corona-Pandemie organisiert?
Unsere Bachelorstudiengänge beinhalten in den ersten Semestern weitgehend feste Zeiten für Laborpraktika. Die Studierenden werden im Vorfeld über Aufgabenstellung, Versuchsanordnung, Handlungsabläufe, Funktion der Geräte und potentielle Gefahren informiert. Dieses Handlungswissen wird jeweils in Form eines Zugangskolloquiums überprüft. Alleine oder in Kleingruppen führen sie die Versuche dann durch, notieren ihre Beobachtungen sowie gemessene Werte und erstellen ihre Versuchsprotokolle. Die Leistungsbewertung erfolgt basierend auf der Dokumentation der Versuchsergebnisse.

Dieser Ablauf lässt sich jetzt nicht mehr umsetzen. Wie hat die Fakultät auf die neuen Rahmenbedingungen reagiert?
Erste Praktika haben bereits einen Teil Ihrer Laboraufgaben auf einen Online-Betrieb umgestellt. Der Beginn eines Versuchs – also die Vorbereitung – wird dabei wie gewohnt durchgeführt. Das Kolloquium wird als E-Test in Ilias oder über die Konferenzplattform Zoom durchgeführt. Der praktische Teil ist durch ein virtuelles Szenario ersetzt worden. Haben die Studierenden bislang selbst Synthesen, Messungen oder Analysen durchgeführt, erhalten sie diese Informationen jetzt in Textform oder bildlich: also eine Beschreibung der Situation vor Ort, des Ablaufs des Tages, der eingesetzten Stoffe und Messwerte sowie der Abweichungen vom eigentlichen Plan, wie ein Geräteausfall oder eine falsche Dosierung. Von einigen Versuchsabläufen haben wir bereits Videos angefertigt, mit denen die virtuelle Praktikumserfahrung realitätsnäher wird.
Insgesamt hat sich der Schwerpunkt der betreffenden Praktika etwas verschoben, und die Vorbereitung und Dokumentation gewinnen an Gewicht. Interessanterweise haben viele Studierenden ähnliche Probleme wie im regulären Betrieb. So fällt es Vielen noch schwer, das eigene – jetzt virtuelle – Handeln kritisch zu reflektieren und aus Abweichungen vom Plan die richtigen Schlüsse zu ziehen.

Werden sich durch die neuen Erfahrungen die Praktika auch nach Ende der Pandemie verändern?
Die jetzige Form des Praktikums funktioniert zwar erstaunlich gut, kann aber kein Dauerzustand sein. Den Studierenden fehlen einfach die praktische Erfahrung und der sichere Umgang im Labor. Auch die nötige Fingerfertigkeit kann so nicht entwickelt werden. Chemie ist ein Stück weit Handwerk und ein Chemiestudium ohne Zeit im Labor undenkbar. Trotzdem nehmen wir als Lehrende und die Studierenden einiges aus dieser Phase mit – nicht zuletzt eine steile Lernkurve im Hinblick auf digitales Lernen. So ist geplant, Versuche im Live-Stream durchzuführen, so dass eine direkte Interaktion mit den Studierenden möglich wird.
Wir werden künftig noch mehr Versuche per Video dokumentieren. Das hilft uns jetzt in den virtuellen Szenarien und wird im Normalbetrieb später die Vorbereitung unterstützen.

23.6.2020

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