Augsburger Wissenschaftspreis 2016 für Donja Amirpur

Donja Amirpur (Bild: privat)

Dr. Donja Amirpur wird mit dem mit 5.000 Euro dotierten Augsburger Wissenschaftspreis für Interkulturelle Studien 2016 ausgezeichnet. Die Auszeichnung erhält sie für ihre Dissertation über Zusammenhänge von Migration und Behinderung.


Im kooperativen Promotionsverfahren mit der Universität Bremen wurde sie betreut von Prof. Dr. Andrea Platte von der Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften. Die Preisverleihung findet am 7. Juli im Rathaus der Stadt Augsburg statt.

Migrationsbedingt behindert?

Warum werden Familien mit Migrationshintergrund und muslimischer Religionszugehörigkeit seltener durch Angebote der Behindertenhilfe erreicht? Mit dieser Frage hat sich Donja Amirpur in ihrer Dissertation „Migrationsbedingt behindert? Zur Interdependenz der Wahrnehmung von Behinderung und strukturellen Rahmenbedingungen im Kontext migrationsbedingter Heterogenität“ auseinandergesetzt.

Ausgangspunkt ihrer Untersuchungen war, dass in vielen Publikationen und Fortbildungen im Kontext von Migration und Behinderung die Kultur die zentrale Erklärungskategorie ist, warum viele Familien mit Migrationshintergrund schlecht erreicht werden.

„In dieser Sichtweise existieren die Barrieren vor allem innerhalb der Familien und ihrem Umgang mit behinderten Familienangehörigen. Diese Familien werden oft als fremd, anders und sich selbst benachteiligend dargestellt“, so Amirpur.  


Um diese Aussagen zu prüfen, besuchte sie Familien türkischer oder iranischer Herkunft, die mit einem behinderten Kind zusammen leben, die unterschiedlich religiös sind und unterschiedliche formale Bildungsabschlüsse haben. In den biografisch ausgerichteten Interviews berichteten die Familien von Diskriminierungserfahrung mit Behörden, aber auch von Unterstützung durch die Umgebung, in der sie leben.

Kulturelle und religiöse Aspekte spielen kaum eine Rolle

Die Suche nach Unterstützungs- und Fördermöglichkeiten sei bei den Familien zentrales Thema. Dabei spielten die häufig angenommenen kulturellen und religiösen Aspekte eine untergeordnete bis gar keine Rolle. Im Gegenteil: Die Eltern legen großen Wert auf schulmedizinische Behandlungen und Untersuchungen. Doch vor allem Diskriminierungen sowie rechtliche und sprachliche Barrieren würden die Inanspruchnahme von Hilfeleistungen verhindern. Ein hoher Bildungshintergrund könne diese Benachteiligungen kaum ausgleichen.

Donja Amirpur kommt zu dem Schluss, dass die Familien auf diese Barrieren verschieden Reaktionen zeigen: das sind unter anderem Autonomiebestrebungen, Rebellion gegen das System und Verlust von Vertrauen in das System, oder Gefühle der Isolation, Passivität und Aufgabe.  Die Wissenschaftlerin fordert, dass das Hilfesystem sich stärker interkulturell öffnet, Barrieren abbaut und Familien gezielter anspricht.

„Ich freue mich sehr, dass die Dissertation auf diesem Weg gewürdigt wird“, sagt Professorin Platte. „Ihre im Sprachspiel ‚Migrationsbedingt behindert?‘ angelegte Frage führt zum Erkennen struktureller Benachteiligungen, die bisher so nicht deutlich waren. Sie steht damit für eine kritische und interdisziplinäre Inklusionsforschung - und ist zudem sehr spannend zu lesen. Ich bin stolz, dass ich den Prozess dieser Arbeit begleiten konnte.“

Nach Lehraufträgen an der TH Köln ist Donja Amirpur zur Zeit Post-Doc an der Uni Paderborn in der AG Inklusive Pädagogik und beschäftige sich mit der Schnittstelle von Migration und Behinderung, das auf den Ergebnissen ihrer Doktorarbeit aufbaut.

4. Juli 2016

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