Alles umkrempeln

(Wie) Ist eine Transformation zu einer zukunftsfähigen Wirtschaft möglich? Prof. Dr. Ursula Binder von der Fakultät für Wirtschafts- und Rechtswissenschaften hat zu dieser Frage die Konferenz "Ökosoziale Marktwirtschaft und Nachhaltigkeit" organisiert. Im Interview erklärt sie Ansätze des Wandels.

Prof. Dr. Binder, der Club of Rome hat vor 50 Jahren bereits "Die Grenzen des Wachstums" prognostiziert und ein Umdenken gefordert. Die Warnungen haben damals kaum Gehör gefunden. Erscheint nun, ein halbes Jahrhundert später,  eine Veränderung unseres Wirtschaftsmodells realistischer?

Prof. Dr. Ursula Binder: Die Voraussetzungen haben sich wesentlich verändert. Es ist nämlich klar geworden, dass es bei den Grenzen des Wachstums weniger um die Endlichkeit von Ressourcen geht - das vorausgesagte Ende verschiebt sich ja für einige Rohstoffe immer wieder weiter in die Zukunft, weil wir immer effizienter werden und ständig neue Reserven und/oder neue Förderungsmöglichkeiten finden. Sondern vielmehr darum, dass wir auf das Ende der Belastungsfähigkeit unseres gesamten Ökosystems zulaufen.

Bei den Demonstrationen im Zusammenhang mit dem Kohleausstieg tauchen immer häufiger auch Plakate auf, die einen Systemwechsel fordern („System Change not Climate Change“). Denn die Versprechungen, mit Wachstum sei automatisch auch Wohlstand verknüpft und vor allem die Drohung, ohne Wachstum sei kein Wohlstand möglich, funktionieren so nicht (mehr). Die durch die Digitalisierung wegfallenden Arbeitsplätze z.B. lassen sich nicht einfach durch Wachstum wiederherstellen. Da müssen völlig neue Ideen her. Wenn immer deutlicher wird, dass Wachstum nicht das Allheilmittel ist und Glück und Zufriedenheit nicht allein mit Geld zu messen sind, dann ist irgendwann auch die Bereitschaft da, radikalere Schritte zu tun.

Welche Auswirkungen hätte eine Hinwendung zu einem nachhaltigen ökologischen Wirtschaftsmodell für unser Wirtschaftswachstum und die Globalisierung?

Globalisierung ist und bleibt notwendig für die Lösung globaler Probleme. Daher ist gegen Globalisierung erst einmal gar nichts einzuwenden. Davon abgesehen lässt sie sich sowieso nicht mehr zurückdrehen. Nationalistische Abgrenzungen funktionieren nicht, nationale Autarkie zu erreichen ist nicht (mehr) möglich. Die Entwicklung hin zu internationalen Institutionen, Verabredungen, Verträgen, so wie es in der EU und im Rahmen der UN passiert, ist richtig. Daraus können sogar so durchaus revolutionäre Vereinbarungen wie die Agenda 2030 und die Formulierung der 17 Sustainable Development Goals entstehen. Wenn wir es schaffen, ein nachhaltiges Wirtschaftsmodell umzusetzen, brauchen wir kein Wachstum mehr. Das ist eine zwanghafte Idee, die aus den Zeiten stammt, wo die Rechnung: Wachstum = Arbeitsplätze = Wohlstand funktioniert hat. Es geht jetzt darum, herauszufinden, was Wohlstand, was Glück wirklich bedeuten und wie wir es erreichen können, auch ohne Wachstumszwang.

Fürchten Sie keine sozialen Unruhen, wenn die Wirtschaft nicht mehr brummt? Oder anders gefragt: Sind wir als Gesellschaft denn auf ein nachhaltiges ökologisches Wirtschaftsmodell vorbereitet?  

Die Frage, ob wir darauf vorbereitet sind, stellt sich meiner Meinung nach nicht (mehr). Wir haben gar keine Wahl. Entweder lassen wir uns darauf ein oder wir werden von der Entwicklung überrollt. Soziale Unruhen erwarte ich eher, wenn nichts passiert, weil „das Brummen der Wirtschaft“ längst nicht mehr alle mitnimmt. Wenn in Frankreich die „Gelbwesten“ auf die Straße gehen, dann doch nicht, weil sie gegen Klimaschutz sind, sondern weil sie die Erhöhung der Treibstoffsteuern zum Anlass genommen haben, auf die vielfältigen sozialen Missstände aufmerksam zu machen und Änderungen einzufordern. Wir brauchen ein Wirtschaftssystem, das endlich eine Balance zwischen Ökonomie, Ökologie und sozialer Gerechtigkeit schafft.

Wir erleben mit der Digitalisierung und den Sozialen Medien den Trend zum „Teilen“ – die größten Akteure sind allerdings private Unternehmen mit ausgeprägtem Geschäftssinn.

Sharing Economy kann immer dann zu bedenklichen Auswirkungen führen, wenn der Eigentümer gar nicht in erster Linie an der Idee des Teilens interessiert ist, sondern schlicht Geld damit verdienen will. Und natürlich ist der Missbrauch einer Idee immer möglich. Aber das ist doch kein Grund dafür, die Idee fallen zu lassen. Im Gegenteil: Es zeigt, dass „das System“ die falschen Anreize setzt. Wenn man gemeinwohlorientiertes Handeln haben möchte, muss man auch gemeinwohlorientiertes Handeln fördern und nicht an kurzfristigem Gewinn orientiertes Handeln.

Davon abgesehen nutzen wir unsere Macht als Konsumenten viel zu wenig. Unternehmen, die zugunsten des Gewinns auf Einhaltung von Sozialstandards verzichten und ihre Mitarbeiter schlecht bezahlen, kriegt man nur an der Stelle, wo es ihnen weh tut: am Gewinn. Wenn wir also mit der Geschäftspolitik eines Unternehmens nicht einverstanden sind, sollten wir schlicht von diesem Unternehmen nichts mehr kaufen. Es ist so einfach, wie es klingt. Trotzdem tun wir es viel zu selten, meist aus Bequemlichkeit.

Welche Rolle könnten private Unternehmen in einem am Gemeinwohl orientierten Modell  einnehmen?  

Diese Rolle füllen die kleineren und mittleren Unternehmen (KMU) bereits aus. KMU machen 99% aller Unternehmen in Deutschland aus; über 60% aller Beschäftigten arbeiten in diesen Unternehmen, aber nur ungefähr ein Drittel der Umsätze wird dort erwirtschaftet. KMU betreiben meiner Erfahrung nach  ihr Geschäft, weil es einen Bedarf gibt für das, was sie anbieten und weil sie das, was sie tun, gerne tun, ganz oft sogar mit nur sehr geringem Verdienst.

Ich sehe auch Potenzial in der Idee der Genossenschaften. Wenn sich viele Menschen, die das Gleiche brauchen, zusammentun, um mit dem gemeinsamen Geld gemeinsam für alle zu sorgen, dann wird die ursprüngliche Idee von Unternehmen – nämlich Bedürfnisse von Menschen zu befriedigen – wieder lebendig. Aber darüber hinaus gibt es noch ganz viele andere gute Ideen, wie ein neues Wirtschaftssystem aussehen könnte. Uns davon berichten zu lassen, haben wir am 26. März die Gelegenheit.

Wie lange würde es dauern, das Wirtschaftssystem zu verändern und einen gesellschaftlichen Kulturwandel zu erreichen, der einer ökologischen, nachhaltigen Wachstumsphilosophie Rechnung trägt?

Ich bin fest davon überzeugt, dass es diesen Wandel geben wird. Ich gehe davon aus, dass die Entwicklung nicht linear verläuft, sondern exponentiell bzw. dass es Kipppunkte geben wird, die einen Domino-Effekt auslösen. Es gibt bereits so viele Initiativen überall auf der Welt, die mit alternativen Modellen experimentieren oder sie lokal sogar schon erfolgreich betreiben – vom Global Ecovillage über Transition-Towns bis zum Einsatz von Regionalwährungen. Ich glaube daran, dass wir vernünftig, kreativ und innovativ genug sind, um diesen Wandel zu gestalten und uns nicht davon überrollen zu lassen.

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