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20 Jahre deutsch-türkische jugendpolitische Zusammenarbeit

20 Jahre deutsch-türkische jugendpolitische Zusammenarbeit (Bild: Christian Herrmann, CC-Lizenz: BY-SA)

Ein Blick in die Zukunft und die Rückschau auf die vergangenen 20 Jahre standen im Mittelpunkt der Jubiläumsveranstaltung des Ressortabkommens zur deutsch-türkischen jugendpolitischen Zusammenarbeit am 26. Juni 2014 in Bonn.

Der deutsch-türkische Jugend- und Fachkräfteaustausch hat Konjunktur. Kommunale Träger fragen verstärkt nach Partnern in der Türkei, in Istanbul wurde in der vergangenen Woche die Deutsch-Türkische Jugendbrücke gegründet. Wohl auch deshalb geriet die Veranstaltung des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend am 26. Juni zum 20-jährigen Jubiläum des Ressortabkommens zur deutsch-türkischen jugendpolitischen Zusammenarbeit mehr zum Ausblick als zur Rückschau.

Die deutsch-türkischen Beziehungen sind traditionell gut und die Arbeitsmigration hat in diesem Verhältnis neue Akzente hinzugefügt, daran erinnerte Baha Güngör, Leiter der Türkeiredaktion der Deutschen Welle, der als Hausherr die Tagung in den Bonner Räumen des Senders eröffnete. 1961 ging der erste türkischsprachige Beitrag der „Welle“ auf Sendung. „Die türkischen Tageszeitungen waren völlig veraltet, wenn sie in Deutschland ankamen“, erklärte Güngör die Bedeutung dieses Ereignisses, „sie waren ja vier bis fünf Tage mit der Post unterwegs, bis sie hier waren“.

Die besondere Bedeutung der Migration für den deutsch-türkischen Austausch sah auch Thomas Thomer, der für das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend den jugendpolitischen Teil des Tages eröffnete. Er erinnerte an die rassistisch motivierten Anschläge von Mölln und Solingen in den Jahren 92 und 93, die die Frage aufwarfen, wie rassistischer Gewalt entgegengewirkt werden könne. Als ein Mittel wurde damals der Jugendaustausch und der von ihm erhoffte Abbau von Vorurteilen identifiziert. Thomer erinnerte daran, wie stabil sich diese Beziehung seither mit Jugendaustausch, Fachkräfteaustausch, Partnerbörsen und dem deutsch-türkischen Fachausschuss entwickelt habe.

Für Kamil Ispir von der Abteilung Jugenddienste des neuen Ministeriums für Jugend und Sport ist der Austausch mit Deutschland sogar der wichtigste bilaterale Austausch der Türkei. Und er möchte mehr davon haben. Vehement setzte er sich in seiner Rede für mehr Jugend- und Fachkräfteaustausch, mehr Partnerbörsen, mehr gemeinsame Projekte, eine Verbesserung der Qualität und mehr finanzielle Mittel ein.

In einem sehr persönlichen Beitrag rief Ahmet Uzak, ebenfalls aus dem türkischen Ministerium für Jugend und Sport, in Erinnerung, worum es bei Jugend- und Fachkräfteaustausch geht: „Wir möchten, dass unsere Jugend neue Horizonte entdeckt, sie soll Vielfalt als Reichtum entdecken und sie soll lernen, das Leben aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten“. Zur Illustration hatte er eine Fotopräsentation von Austauschprojekten mitgebracht. „Das ist schön, nicht wahr?“ fragte er ins Publikum. „Da möchte man sofort hin!“

Dieser Sichtweise konnten sich auf jeden Fall die Jugendlichen anschließen, die von Moderatorin Anneli Starzinger (IJAB) zu ihren Erfahrungen befragt wurden. Ein bisschen Mut habe es am Anfang schon gekostet, wussten sie übereinstimmend zu berichten, aber dann habe sich das Gastland doch als ganz anders erwiesen als erwartet oder befürchtet. „Ich will da wieder hin!“ rief eine junge Frau ins Mikrofon, die ein Praktikum in einer Bäckerei in Alanya absolviert hatte, und stampfte dabei energisch mit dem Fuß auf.

Dass dennoch nicht alles eitel Sonnenschein sein muss, darauf verwies Ute Handwerg von der BAG Spiel & und Theater in ihrem Beitrag, den sie bewusst aus der Perspektive einer NGO gestaltete. Für sie steht die Stärkung der Zivilgesellschaft in beiden Ländern im Zentrum der Aktivität ihrer Organisation, die immerhin bereits 30 Jahre im Austausch mit der Türkei aktiv ist. „Für mich ist nicht immer transparent, nach welchen Kriterien in der Türkei Partner für den Austausch ausgewählt werden“, merkte sie kritisch an. Zugleich beklagte sie die fehlende Perspektive einer EU-Vollmitgliedschaft der Türkei. Die Folge sei eine EU-Müdigkeit der Bevölkerung, deren Folgen nicht abzuschätzen seien.

Einen tieferen Einblick in die Praxis des deutsch-türkischen Austauschs bot ein World Café, in dem sich 8 Good-Practice-Projekte beispielhaft vorstellten. Damit ergab sich für die knapp 90 Teilnehmenden, Akteurinnen und Akteure des deutsch-türkischen Austauschs, auch die Möglichkeit miteinander ins Gespräch zu kommen, Kontakte zu knüpfen und damit weitere deutsch-türkische Brücken zu schlagen.

20 Jahre deutsch-türkische jugendpolitische Zusammenarbeitv.l.n.r.: Ahmet Sinoplu, Marie-Luise Dreber, Anneli Starzinger, Prof. Andreas Thimmel, Prof. Hayati Besirli, Ali Ihsan Cokan (Bild: Christian Herrmann, CC-Lizenz: BY-SA)

Prof. Dr. Andreas Thimmel von der Fachhochschule Köln hat deutsch-türkische Austauschprojekte wissenschaftlich begleitet und ausgewertet. Was denn dabei herausgekommen sei, wollte Moderatorin Anneli Starzinger in der anschließenden Podiumsdiskussion von ihm wissen. „Wir verdanken dem deutsch-türkischen Austausch ganz wesentlich einen Ressourcen-Blick und die Abkehr vom Defizit-Blick“, erklärte Thimmel. Ahmet Sinoplu von der Deutsch-Türkischen Jugendbrücke sah seine eigene Biografie dafür als gutes Beispiel. „In unserem Jugendzentrum durften wir noch nicht mal Türkisch reden“, erinnerte er sich. „Also sind wir woanders hingegangen, dahin, wo man uns ernst genommen hat, und das war dann sogar ein Jugendzentrum, das einen Austausch mit der Türkei hatte. Da war ich dann angefixt. Später habe ich selbst solche Programme organisiert und heute kann ich meine Erfahrung bei der Deutsch-Türkischen Jugendbrücke einbringen.“ Für Ali Ihsan Cokan vom Jugendzentrum Sakarya war dies ein Hinweis, Jugendlichen mehr Partizipationsmöglichkeiten zu bieten und auch die Aspekte non-formaler Bildung stärker in den Blick zu nehmen. „Austausch heißt Erleben und Erfahren. Man lernt, durch das, was man erfährt, und Lernen ist Sich-Ändern“, fasst er seine Philosophie zusammen. Marie-Luise Dreber, Direktorin von IJAB, schlug dann noch einmal einen größeren Bogen zu übergreifenden Fragen. Man müsse die ganze Vielfalt der Jugendarbeit in den Jugend- und Fachkräfteaustausch mitnehmen, von der politischen Jugendbildung bis zur Jugendsozialarbeit, forderte sie. Das Problem des Rechtsextremismus dürfe nicht aus den Augen verloren werden, ebenso müsse Europäisches mitgedacht werden und die Partnerfindung – im Besonderen im Bereich der Zivilgesellschaft – verbessert werden.

„Die uns Nachfolgenden sind schon weiter als wir selbst“, fasste Thomas Thomer seine Wahrnehmung über das bereits Erreichte zusammen. Zufriedengeben mag er sich trotzdem nicht. „Wir werden den Rahmen setzen, dass es noch besser wird“, kündigte er in seinem Schlusswort an.

(Quelle: Christian Herrmann, 27. Juni 2014, CC-Lizenz: BY-SA)

Weitere Informationen: Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland e.V. (IJAB)

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