Stell Dir vor, es ist Wahl – und niemand geht hin.

Vom 19.-23. Mai 2014 stehen die studentischen Gremienwahlen an. Doch sie haben ein Imageproblem: Die Wahlbeteiligung ist traditionell bescheiden, die Bereitschaft, sich in einem Amt zu engagieren, auch.

Ablehnung, Desinteresse oder pure Ahnungslosigkeit, woran liegt das? Kathrin Heinemann und Phillip Markus Beyer stellen sich in diesem Jahr wieder zur Wahl. Inside out hat sie interviewt.

Katrin Heinemann (23), Vorsitzende des Fachschaftsrat ElektrotechnikKatrin Heinemann, Vorsitzende des Fachschaftsrat Elektrotechnik (Bild: Costa Belibasakis/FH Köln)

Die Studierenden haben ja doch keinen Einfluss in der Hochschule.

Kathrin Heinemann: Von den Professoren und dem Dekanat werden wir ernst genommen. Und wenn wir Kritik und Beschwerden von Studierenden zu einzelnen Professoren oder Hinweise auf Missstände bekommen, gehen wir den Sachen nach und klären das mit den einzelnen Personen. Wir haben wichtige Dinge auf unserer Agenda: An unserer Fakultät wurde die dritte Prüfungsphase abgeschafft. Jetzt sind die Prüfungen zu Semesterbeginn, d. h. in den Ferien wird durchgelernt. Für viele Studierende ist das belastend, vor allem für die ausländischen. Sie haben keine Zeit mehr, daheim ihre Familien zu besuchen. Und es gibt dadurch Probleme mit den BAföG-Fristen. Es sind also viele Studierende betroffen. Wir wollen diese Regelung wieder ändern – und ich glaube, wir können dabei etwas bewegen.

AStA- und Senatsmitglied Phillip Markus BeyerAStA- und Senatsmitglied Phillip Markus Beyer (Bild: Costa Belibasakis/FH Köln)

Phillip Markus Beyer: Auch in anderen Bereichen zählt die studentische Stimme, zum Beispiel in den Hochschulgremien wie der Gleichstellungskommission und den Prüfungsausschüssen auf Fakultätsebene. Wenn man an diesen Stellen gute Leute postieren kann, ist der studentische Einfluss auf die Entscheidungen in der Hochschule groß.

Studium, Projekte, Nebenjob – der Tag hat nur 24 Stunden. 

Kathrin Heinemann: Viele denken, sie haben keine Zeit für Fachschaftsarbeit. Zum Semesterbeginn gibt es tatsächlich viel zu tun: wenn wir die Einführungswochen für die Erstsemester mitorganisieren, oder die Schlüsselkarten aktualisiert werden müssen. Aber im Semester entspannt es sich. Zu den Fachschaftssitzungen treffen wir uns alle zwei Wochen. Alles in allem ist es schwer zu überschlagen, wie hoch mein Zeitaufwand ist. Es ist eine Frage des Interesses und kommt mir nicht wie Arbeit vor.

Phillip Markus Beyer: Gerade durch die Bachelorumstellung und den Druck, möglichst schnell das Studium zu absolvieren, kommt alles zu kurz, was über den Erwerb der Creditpoints hinaus geht. Das StuPa trifft sich einmal im Monat, abends für zwei bis drei Stunden. Das kann man auch, wenn man in der Regelstudienzeit studieren will.

Arbeit ohne Lohn – ich bin doch hier nicht der Horst?

Kathrin Heinemann: Die Arbeit macht Spaß, weil sich wieder mehr Leute engagieren. Wir tun viel für die Studierenden, haben unter anderem einen zusätzlichen Lernraum organisiert. Um die Treffen attraktiver zu machen, schaffen wir einen gemütlichen Rahmen, machen Hotdogs. Außerdem hat man als Fachschaftler einen anderen Draht zu den Professoren. Sie kennen dich, nehmen dich anders wahr. Das hat Vorteile, kann manchmal aber auch von Nachteil sein.

Phillip Markus Beyer: Wenn man im AStA oder in den Gremien arbeitet, lernt man, wie die Dinge laufen. Für die Arbeit im AStA gibt es immerhin eine finanzielle Aufwandsentschädigung.

Wer sich zur Wahl aufstellen lässt, braucht ein Programm.

Kathrin Heinemann: Nein, man lässt sich für den Fachschaftsrat aufstellen. Das ist es auch schon. Man kann sich auch direkt für ein konkretes Amt aufstellen, aber meistens werden die erst nach der Wahl vergeben.

Phillip Markus Beyer: Im StuPa ist es genauso. Es gibt hier außerdem eine Wahlzeitung mit den wählbaren Listen und ihren Wahlprogrammen. Aber nicht jede Liste hat eins. Klar, ein Programm hilft immer. Aber wie in der Politik geht es darum nicht so sehr. In erster Linie müssen die Leute die Bereitschaft zeigen, ihr Amt auch ernst zunehmen, d. h. bei den Sitzungen anwesend zu sein.

Warum soll ich Leute wählen, die ich nicht kenne?

Kathrin Heinemann: Bei unserer Fachschaftswahl im letzten Jahr gab es Bilder der Kandidaten auf den Wahlplakaten. Dadurch kamen ein paar Stimmen mehr zusammen. Aber da ist noch Luft nach oben. Die Fachschaften müssen präsenter werden und die Wahlen besser kommunizieren.

Es stellen sich immer die gleichen Leute zur Wahl, das ist eine eingeschworene Gemeinschaft.

Phillip Markus Beyer: Das kommt so rüber, sollte es aber nicht. Ich bin froh über jeden Engagierten, der sich wieder aufstellen lässt. Aber ich bin noch glücklicher über jedes neue Gesicht. Wir sind keine verschworene Community.

In der Hochschulpolitik läuft es wie in den politischen Parteien – das will ich nicht unterstützen.

Phillip Markus Beyer: Anders als an vielen Unis sind die Studentenorganisationen der politischen Parteien an unserer Hochschule kaum aktiv. Das hat den Vorteil, dass es im StuPa recht harmonisch zugeht und die Inhalte sachbezogen sind. Es hat aber auch einen Nachteil, denn gerade das Engagement dieser Organisationen ist extrem hoch. Die wollen ihre Interessen durchbringen. Da passiert es nicht, dass das StuPa mehrere Monate lang nicht beschlussfähig ist.

Die wollen sich doch nur profilieren und sinnlos debattieren.

Phillip Markus Beyer: In letzter Zeit war es um die Arbeitsmoral im StuPa schlecht bestellt. Zuletzt war es mehrfach hintereinander nicht beschlussfähig, weil zu wenige der Mitglieder zu den Sitzungen kamen. Das geringe Interesse ist einfach schade. Dabei treffen wir im StuPa wichtige Entscheidungen: Die Weiterführung des Semestertickets zum Beispiel. Ich glaube, viele Studierende wären empört, wenn das Ticket plötzlich nicht mehr angeboten wird. Letztlich kennen unsere Arbeit nur jene, denen wir konkret helfen. Das tun wir vor allem mit unseren Ausschüssen, zum Beispiel dem für soziale Härtefälle. Hier geht es um Kostenerstattung und Leistungsansprüche für finanzschwache Studierende.

Liefern die auch Ergebnisse? Man hört nichts Konkretes.

Phillip Markus Beyer: Zwar stehen die Beschlüsse des Parlaments in den hochschulöffentlichen Protokollen, aber keiner liest sie sich durch. Wir müssen unsere Arbeit einfach mehr publik machen. Ich würde dazu gerne einen Stupa-Ticker einrichten. Selbst wenn vielen die im Parlament getroffenen Entscheidungen nicht gefallen, erfahren sie diese, sprechen darüber und geben uns im Idealfall eine Rückmeldung. Viele Parlamentarier fragen sich nämlich, ob sie eigentlich die Interessen der Studierenden vertreten. Sie kennen viele Wünsche der Studierenden nicht – weil sie ihnen nicht bekannt sind.

Gremien-Studenten vertreten nur ihre eigenen Interessen.

Kathrin Heinemann: Und woher wissen die das? Die wenigsten Studierenden machen sich Gedanken darüber, was passiert, wenn sich nicht genug Kandidaten für den Fachschaftsrat finden. Dann gibt es beispielsweise auch keine Vorlesungsskripte mehr, keine studentische Anlaufstelle für Probleme und Fragen. Diese Angebote nehmen viel mehr Studierende an, als wählen gehen. Wenn man sich schon nicht selbst engagieren will, sollte man wenigstens die wählen, die sich engagieren wollen.

Phillip Markus Beyer: Ich glaube, keiner, der sich zur Wahl aufstellen lässt, hat etwas dagegen, wenn man ihn mal auf dem Gang auf sein Programm anspricht. Wenn die Leute wollen, dass etwas passiert, müssen sie auch wählen gehen – oder sich selbst engagieren. Sonst darf man sich nicht beschweren, die Studierenden hätten kein Mitspracherecht. Wir bewirken mehr, als die meisten glauben.
Interview: Monika Probst

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