Small-Talk: Unfallrisiken

Prof. Horst Müller-Peters (Bild: Thilo Schmülgen/TH Köln)

Die Angst vor einem Terroranschlag beeinflusst die Wahl unseres Urlaubsreiseziels, die täglichen Gefahren im Haushalt oder im Berufsverkehr blenden wir dagegen aus. Prof. Horst Müller-Peters vom Institut für Versicherungswesen hat zusammen mit Prof. Dr. Nadine Gatzert von der Universität Erlangen-Nürnberg eine Studie über unsere subjektive Risikoeinschätzung durchgeführt.

Das Ergebnis: Wir machen uns die falschen Sorgen.

Herr Müller-Peters, wie gut können wir im Alltag Unfallrisiken einschätzen?
In der Tendenz schätzen wir Ereignisse, die statistisch gesehen seltener vorkommen, zu hoch ein – und das Vorkommen häufiger Ereignisse zu gering. Hinzu kommt, dass die Gefährdung durch Unfälle oder Anschläge meist überschätzt wird. Dies gilt besonders für Flugzeugunglücke – statistisch gesehen ist Fliegen nämlich viel sicherer als Autofahren. Und das gilt für Terroranschläge, die trotz aller damit verbundenen Aufregung in der Todesfallstatistik faktisch keine Rolle spielen.

Warum kommen wir zu diesen Fehleinschätzungen?
Wir sind das Autofahren gewöhnt und verdrängen dadurch gerne das Risiko, nach dem Motto „Es ist noch immer gutgegangen”. Schließlich ist es unangenehm, sich bei einer alltäglichen Tätigkeit immer mit den damit verbundenen Gefahren auseinanderzusetzen. Außerdem überschätzen sich die meisten Autofahrer und unterliegen der Illusion, im Zweifelsfall noch reagieren zu können. Das ist bei Flugzeugabstürzen und Terroranschlägen anders: Hier fühlen wir uns zu recht völlig dem Zufall ausgeliefert. Ich verdeutliche das meinen Studierenden an einem – zugegeben etwas makabren – Gedankenspiel: Auf Deutschlands Straßen gibt es täglich ca. zehn Unfalltote. Nehmen wir an, die Zahl der Verkehrstoten sinkt durch Assistenzsysteme und andere Maßnahmen auf nur noch ein Unfallopfer täglich. Dafür würden aber jeden Tag zwei Fahrer willkürlich von der Polizei angehalten und erschossen. Der Verkehr wäre damit faktisch viel sicherer, aber trauten wir uns dann noch auf die Straße?

Spielen auch die Medien eine Rolle bei unseren Fehleinschätzungen?
Ja. Besonders Flugzeugabstürze und Terroranschläge sind enorm medienpräsent und damit leicht aus unserem Gedächtnis abrufbar. Die meisten Menschen sind im Alltag mit der Einschätzung von Wahrscheinlichkeiten heillos überfordert. Sie fragen sich eher: „Wie gut kann ich mir ein Ereignis vorstellen?“ statt „Wie gefährlich ist es wirklich?”. Und schon ist die Angst vor Terror und Flugzeugunglücken größer als die vor einem Autounfall. Die Dominanz von Negativmeldungen in den Medien ist auch mit dafür verantwortlich, dass die meisten Menschen die Gegenwart viel zu pessimistisch sehen. So glaubt eine Mehrheit, dass die Gewaltkriminalität in den letzten zehn Jahren gestiegen ist. Und nur jeder Dritte denkt, dass die Zahl der Verkehrstoten gesunken ist. Dabei ist die Zahl der Gewalttaten im selben Zeitraum faktisch um 15 Prozent und die der Verkehrsopfer sogar um mehr als ein Drittel gesunken.

Wie können wir Gefahren realistischer einschätzen?
Das ist gar nicht so einfach und auch nicht immer nötig. Schließlich hilft uns das Verdrängen mancher Risiken, zufriedener und psychisch gesunder durch den Alltag zu kommen. Die wichtigste Regel ist sicherlich, sich da keine Sorgen zu machen, wo sie statistisch gesehen nicht angebracht sind, also Angst vor Terroranschlag oder Flugzeugabsturz zu haben. Das heißt auch: Verklären Sie nicht die Vergangenheit. Vieles hat sich deutlich verbessert. Dann spielt die sogenannte Basisrate eine Rolle: Wie viele Menschen trifft ein bestimmtes Ereignis in Relation zu denen, die betroffen sein könnten? Und wie stark oder wie häufig ist man persönlich diesem Risiko ausgesetzt? Wenn man einmal unangeschnallt Auto fährt oder bei Rot über die Straße geht, bleibt das Risiko sehr gering. Das Risiko kumuliert sich aber erheblich, wenn man jeden Tag unangeschnallt fährt oder bei Rot über die Straße geht. Und wenn man sich wirklich große Sorgen macht oder es um eine teure Entscheidung geht, sollte man sich ein klares Bild von der Größe und der Wahrscheinlichkeit einer Gefahr machen. Und überschätzen Sie dabei nicht ihren eigenen Einfluss, das Schicksal selber abwenden zu können. Das gilt übrigens auch für Versicherungen: Menschen neigen zum Beispiel dazu, sich gegen Bagatellen wie defekte Handys, Glasbruch oder Fahrraddiebstahl abzusichern, lassen jedoch abstraktere, aber ungleich wichtigere Risiken wie Berufsunfähigkeit oder gesundheitliche Vorsorge außer Acht. Bereits in mittleren Lebensjahren sind Risiken wie Schlaganfall, Krebs, Herzinfarkt oder psychische Erkrankungen verbreiteter als alle Arten schwerwiegender Unfälle.
Interview: Monika Probst

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