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Prof. Dr. Friederike Waentig

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Institut für Restaurierungs- und Konservierungswissenschaft (CICS)

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Andreas Krupa

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"Schraube für Schraube" - Die Restaurierung des Motorwagens 125 aus dem Jahr 1902/1903

Das Kölnische Stadtmuseum zeigt am neuen Standort nach einer spannenden Restaurierungsphase ein besonderes Exponat. Der Motorwagen 125 wurde 1902/1903 in der Motorenfabrik Köln-Sülz gebaut und wurde durch den Alumnus des CICS Philip Mandrys untersucht und restauriert. Der folgende Artikel gibt Einblicke in das durch das CICS begleitete Restaurierungsprojekt.

Untersuchung und Restaurierung des Motorwagen 125

Kategorie Beschreibung
Projekt Restaurierungsprojekt eines Alumnus des CICS im Bereich des technischen Kulturguts
Projektpartner Kölnisches Stadtmuseum
Projektbegleitung Prof. Dr. Ing. Frank Herrmann (Institut für Fahrzeugtechnik der TH Köln), Prof. Dr. Friederike Waentig, Andreas Krupa M.A. (TH Köln - CICS)
Projektzeitraum März 2022 bis März 2024

Der Vis-à-Vis-Motorwagen Nr. 125

Der Vis-à-Vis-Motorwagen Nr. 125 wurde im Jahr 1902/03 von der Kölner Motorenfabrik Köln-Sülz (ab 1903 in Motorfahrzeugfabrik Köln umbenannt) gefertigt. Der Motorwagen verfügt über einen wassergekühlten Einzylinder-Viertaktmotor, die Kraftübertragung erfolgt mittels Lederriemen auf das montierte Zweiganggetriebe. Bei der eingesetzten Hinterachskonstruktion, die den eingesetzten Riemen zusätzlich spannt, handelt es sich um eine patentierte Eigenkonstruktion des Kölner Unternehmens.

Optisch erscheint der Motorwagen mehr wie eine Kutsche als wie ein Automobil und steht somit als technisches Kulturgut für den technischen Wandel in der Mobilität, außerdem als stadtgeschichtliches Exponat (nach gegenwärtigem Kenntnisstand) als letzter Zeitzeuge der automobilen Pionierzeit in Köln.

Die Fahrzeuggeschichte lässt sich nur grob umreißen: der Motorwagen wurde wohl im Jahre 1908 an die Familie Frauz in Rottenburg am Neckar übergeben. Die Familie Frauz war Mitinhaber der Schraubenfabrik Fouquet & Frauz und wohl Zulieferer der Kölner Motorenfabrik Köln-Sülz.

Vermutlich in den 1990er Jahren kommt der Motorwagen in ein Automobilmuseum nach Ladenburg und wird im Jahre 2011 durch das Kölnische Stadtmuseum zur Präsentation in der Dauerausstellung angekauft.

Verlust der ästhetischen Wirkung und der gestalterischen Aussagekraft

Über den Nutzungszeitraum wurde der Motorwagen in zwei Überarbeitungsphasen überlackiert. Die Überarbeitungsphasen sind zeitlich nicht einzuordnen, die Art der Ausführung weist aber auf wenig Feingefühl bei der Ausführung der Maßnahmen.

So wurden im Rahmen beider Überarbeitungsphasen weitgehend alle Bauteile, wie die lederne Bespannung im Bereich der Sitzbänke, die metallenen Zierelemente, die farblich abgesetzten Liniierungen sowie der Antrieb und das Fahrwerk komplett in einem einheitlichen Rotton überlackiert. 

Das ursprünglich fein-detaillierte Erscheinungsbild aus dunkelgelben Liniierungen in Kontrast zur dunkelroten Lackierung, der polierten Oberfläche der vernickelten, metallenen Zierelemente war durch die Überarbeitungen somit nicht mehr nachvollziehbar.

Die gestalterische Intention sowie die Ästhetik der verwendeten Materialien waren somit nicht mehr gegeben. Gerade die Art der Gestaltung in Kombination mit der Technik vermittelt uns heute aber die Bedeutung früher Automobile und lassen uns den damaligen Zeitgeist nachvollziehen.

Speziell die letzte Überarbeitungsphase negiert zudem, ehemals vorhandene Spuren der Nutzung und des Gebrauchs.

Das kunstvoll, individuell auf Käuferwunsch gestaltete Automobil war ein reines Luxusgut, das dem Besitzer und der Besitzerin maximale Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit sicherte. Neben der Darstellung der gesellschaftlichen Stellung war das Automobil auch das Symbol eines beginnenden, neuen Zeitalters und des technischen Fortschritts.

Konzeption und praktische Umsetzung der Maßnahmen

Die Grundlage zur Konzeption der durchzuführenden Maßnahmen bildeten naturwissenschaftliche Untersuchungen und Analysen zur Materialität sowie die Recherche zur Fahrzeuggeschichte, Herstellerunternehmen sowie zur Bedeutung früherer Automobile und der automobilen Pionierzeit. Hierbei wurde der Ansatz verfolgt, das Immaterielle mit dem Materiellen in Balance zu setzen. Welche Aussagekraft liegt in den Überarbeitungsphasen und in dem vorliegenden Zustand? Welche Aspekte werden negiert bzw. hervorgehoben?

Neben den objektgeschichtlichen, gesellschaftlichen und materiellen Aspekten muss bei technischen Kulturgütern grundsätzlich auch die Technik als elementarer Bestandteil des Objektes und somit als Teil der Konzeptionierung begriffen werden.

Für was steht der Motorwagen Nr. 125? Als handwerklich gefertigtes Automobil mit hohem gestalterischem Anspruch? Als letzter öffentlich zugänglicher Zeitzeuge der automobilen Pionierzeit in der Stadt Köln? Für die Industriegeschichte und Stadtentwicklung Kölns? Die individuelle Nutzung der Eigentümer und Eigentümerinnen? Als technisches Artefakt?

Der Motorwagen steht für all die genannten Aspekte - die letzte Überarbeitungsphase führte aber zu einem Erscheinungsbild, an welchem diese kaum erkennbar und nachvollziehbar waren. Die Flächen wurden überlackiert, ohne den Untergrund entsprechend vorzubereiten, Akzente in schwarz wurden willkürlich gesetzt, aber auf die Rekonstruktion der nicht mehr vorhandenen Sitzbank wurde verzichtet. Ein einheitliches Gesamtbild des Motorwagens Nr. 125, an dem in der musealen Didaktik die Bedeutung des Wagens vermittelt werden kann, war nicht mehr gegeben.

So fiel die Entscheidung, die ursprüngliche Lackierung freizulegen, um dem Motorwagen sein ursprüngliches Erscheinungsbild wiederzugeben. Sehr hilfreich hierfür war die mit dem Motorwagen übergebene, historische Schwarz-Weiß-Fotografie der ersten Besitzer, auf dem das ursprüngliche Erscheinungsbild der ersten Nutzungsphase erkennbar ist.

Dies erforderte die Rekonstruktion der Sitzbank, teilweise der Beschichtung des Fahrgestells, sowie partiell der technischen Bauteile und Funktionen und sehr umfangreiche Kittungen und Retuschemaßnahmen.

Es erfolgte die Demontage in alle einzelnen Bauteile, die gemäß dem Motto „Schraube für Schraube – Schraubenmutter für Schraubenmutter“ gereinigt und konserviert wurden.

Im Zuge der gesamtheitlichen Bearbeitung zeigte sich, dass naturwissenschaftliche Untersuchungen, Analysen und eine Proberestaurierung immer nur einen kleinen Einblick in ein solch komplexes Objekt gewähren. Die Restaurierung eines solch komplexen Objektes muss grundsätzlich als Prozess gesehen werden und ein im Vorfeld definiertes Erscheinungsbild im Arbeitsprozess muss hinterfragt und reflektiert werden.

Durch die Eröffnung der neuen Dauerausstellung des Kölnische Stadtmuseums ist der Vis-à-Vis-Motorwagen Nr. 125 nun als technisches Artefakt und als Zeitzeuge der automobilen Pionierzeit in Köln in seinem ursprünglichen Erscheinungsbild der Öffentlichkeit zugänglich.

Ein ausführlicher Vortrag zur Geschichte des Motorwagens, dessen Bedeutung für die Stadt Köln, die Konzeptionierung der Maßnahmen und deren Umsetzung findet am 18.07.2024 im Rahmen des Restaurierungskolloquiums im TECHNOSEUM Mannheim als hybride Veranstaltung statt. (https://www.restauratoren.de/termin/vortrag-der-vis-a-vis-motorwagen-nr-125-zeugnis-frueher-koelner-automobilgeschichte/)

Alle Interessierten sind dazu eingeladen!

März 2024

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