Kontakt & Service

Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften

Campus Südstadt
Ubierring 48, 50678 Köln

Prof. Dr. Ute Müller-Giebeler

Angewandte Sozialwissenschaften
Institut für Kindheit, Jugend, Familie und Erwachsene (KJFE)

  • Telefon+49 221-8275-3825

„Quo vadis Familienbildung – ins Abseits oder ins Zentrum gesellschaftlicher Herausforderungen?“

Aus Der Forschungswerkstatt (Bild: Anna-Lena Mertens)

Unter diesem Titel trafen sich am 7.6.2018 ca. 100 Vertreter*innen von Einrichtungen und Verbänden der Familienbildung zu einem Fachtag der Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften, zu dem Studierende der Forschungswerkstatt „Professionalität von Familienbildner*innen“ im Studiengang Pädagogik der Kindheit und Familienbildung zusammen mit Prof. Dr. Ute Müller-Giebeler eingeladen hatten.

Die Teilnehmer*innen kamen überwiegend aus NRW – so waren viele Vertreter*innen der Landesarbeitsgemeinschaften der Familienbildung in NRW dabei,  aber auch z.B. von der Bundesebene von „Elternchance ist Kinderchance“ aus Berlin, Fachvertreter*innen von anderen Hochschulen und Ausbildungseinrichtungen sowie Lehrende und Studierende der TH Köln an der Tagung interessiert. Thema des Tages waren Spannungsverhältnisse in der Familienbildung zwischen neuen gesellschaftlichen Herausforderungen und struktureller Unterfinanzierung, zwischen Professionalisierung und Nebentätigkeit, zwischen Prävention und Bildung, zwischen sozialer Arbeit und Weiterbildung, zwischen Instruktion und Eigensinn.

Prof. Dr. Christine Wiezorek trägt vor Prof. Dr. Christine Wiezorek trägt vor (Bild: Anna-Lena Mertens)

Das Thema wurde am Vormittag zunächst entfaltet von Christine Wiezorek, Erziehungswissenschaftlerin und Familienforscherin an der Universität Gießen, in einem Vortrag zum „professionellen Blick auf Familie“. Anhand von Fallanalysen verwies Frau Wiezorek darauf, wie stark Handeln von Fachkräften der sozialen Arbeit sich immer wieder an unterkomplexem Regelwissen – dass sich zudem z.T. eher aus privaten und medialen Familien(leit)bildern als aus Wissenschaftswissen herleitet – orientiert, und wie so eigentlich angestrebtes individuelles Fallverstehen durchkreuzt wird. Christine Wiezorek wies noch mal sehr deutlich auf das Verfassungsrecht von Eltern auf Erziehung ihrer Kinder hin, darauf, dass es der Staat ist, der für Kinder aus unterschiedlichen Milieus Bildungsgerechtigkeit herstellen muss, aber eben nicht, in dem er überregulierend und maßregelnd in elterliche Lebenswelten eingreift, sondern durch gute Bildungsinstitutionen. Sehr deutlich machte Christine Wiezorek in ihrem Vortrag, dass die Rede von der Erziehungspartnerschaft, die Institutionen der außerfamilialen Bildung und Betreuung neuerdings Eltern anbieten, einen gedanklichen Fehler enthält: Wegen des erwähnten Erziehungsrechtes der Eltern können nur diese außerfamilialen Akteuren Partnerschaft anbieten, niemals umgekehrt.

... Und Werden Diskustiert Die Poster aus der Forschungswerkstatt werden diskutiert (Bild: Anna-Lena Mertens)

Nach einer lebhaften Diskussion dieses Vortrages präsentierten die Studierenden der Forschungswerkstatt „Professionalität von Familienbildner*innen“ die Ergebnisse ihrer Werkstattarbeiten. Eine Präsentation gab einen Überblick über die gefundenen professionellen Leitvorstellungen von Familienbildner*innen; eine Auseinandersetzung mit den auf Forschungspostern präsentierten Einzelfällen machte deutlich, wie auch bei Familienbildner*innen explizite Leitvorstellungen und implizite Handlungsorientierung in Widerspruch geraten können. So bekennt man sich etwa zur Anerkennung von Heterogenität, die Interpretation des Interviewmaterials macht aber deutlich, wie ambivalent das Anderssein der Anderen dann fallweise doch bewertet wird; Familienbildner*innen wollen Eltern als Expert*innen für ihre Kinder anerkennen und sehen sie dann doch als verunsichert, nichtwissend, sich selbst dagegen beschreiben sie als die Wissenden. Auch für die Familienbildung stellt sich also die, die Debatte über Logik professionellen (sozial)pädagogischen Handelns prägende Frage: „Weiß die professionelle Fachkraft – auch in der pluralen Gesellschaft  - `es besser´ als die Adressat*in  oder unterstützt sie diese beim Erarbeiten einer eigenen Lösung auf der Basis eigenen Wissens und Könnens?“

Nach einer Mittagspause mit einem von den Studierenden organisierten Buffet, in der die Forschungsposter betrachtet werden konnten und sich schon lebhaft über diese Denkanstöße ausgetauscht wurde, startete der Nachmittag mit einem hochkarätig besetzten Podium: Prof. Dr. Sabine Fischer, Professorin für Kindheitswissenschaften an der Ev. Hochschule Darmstadt; Anna Žalac, Leiterin des Familienbildungswerkes des Deutschen Rotes Kreuzes des Kreisverbandes Duisburg e.V.; Astrid Gilles-Bacciu vom Referat für Erwachsenen- und Familienbildung des Erzbistums Köln; Bianca Bremer, Erzieherin, Gordontrainerin, PädKiFa-Studierende;  Karolin Königsfeld, Koordinatorin des Netzwerkes Frühe Hilfen und Leiterin der Präventionsstelle Hürth und Hans Georg Nelles von der Fachstelle Väterarbeit in NRW. Das waren die Personen, die zunächst in kurzen Statements ihre Visionen für die Zukunft der Familienbildung entwickelten.

Impressionen Von Podiumsdiskussion Und Fishbowl Am Nachmittag Fishbowl-Diskussion am Nachmittag (Bild: Anna-Lena Mertens)

In die anschließende Fishbowl-Diskussion konnte sich jede/r Interessierte aus dem Plenum einbringen. Das lebhafte Gespräch, in das sich dankenswerterweise auch Prof. Dr. Christine Wiezorek noch mal einbrachte, fokussierte zum einen das Pro und Contra von Prävention als Zielvorstellung von Familienbildung, zum anderen die mangelnde finanzielle und strukturelle Ausstattung der Familienbildung, aber auch eine Fülle weiterer Themen, die den Anwesenden auf den Nägeln brennen. Die Diskussion musste von der Moderatorin Prof. Ute Müller-Giebeler um 16.00 Uhr wegen Erreichung des Zeitlimits mit den Worten „Ich versuche jetzt nicht, das zusammenzufassen; wir waren heute aber auch nicht hier, um den Sack zu, sondern um das Fass aufzumachen“ gestoppt werden.

Die Veranstalter*innen und die Chronistin haben den Austausch auf dem Fachtag als äußerst konstruktiv und auf hohem Niveau erlebt, alle Beteiligten waren bereit, ihre Positionen argumentativ zu vertreten, aber auch, sich in Frage stellen zu lassen. Es war ein großes Interesse an solchen Austauschformaten mit derartigen Themenstellungen spürbar. Die Veranstalter*innen möchten sich hiermit nochmal bei allen Beteiligten bedanken und freuen sich auf baldige nächste Gelegenheiten, den Diskurs zwischen Wissenschaft, Lehre, Studierenden, Praxiseinrichtungen und -verbänden fortzuführen.

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