Politische Meinungsbildung und frühkindliche Bildung

Im NRW-Graduiertenkolleg „Digitale Gesellschaft“ ist die TH Köln mit gleich zwei Forschungsprojekten vertreten. Malte Bonart promoviert zum Einfluss von Suchmaschinen auf die politische Meinungsbildung, Scarlet Siebert untersucht, ob Roboter als Spielzeuge bei der frühkindlichen Bildung geeignet sind.

Machen Suchmaschinen Meinung?

Malte Bonart Malte Bonart (Bild: privat)

Tippt man in einer Suchmaschine den Namen „Angela Merkel“ ein, erhält man ergänzende, teilweise fragwürdige Suchvorschläge, wie „jüdische Abstammung“, „Urlaub“ oder „Ehemann getrennt“. Bei „Donald Trump“ hingegen folgen die Angebote „aktuelle Umfragewerte“, „Twitter“ oder „Vermögen“. Haben diese Vorschläge Einfluss auf unser Suchverhalten, auf unsere politische Meinungsbildung und Themensetzung? Denn im Gegensatz zu sozialen Netzwerken, deren Einfluss auf demokratische Prozesse und politische Meinungsbildung mittlerweile im Fokus sozialwissenschaftlicher Untersuchungen stehen, ist der Einfluss von Suchmaschinen bisher weitgehend unerforscht. Das will ein Forscherteam der TH Köln und der Universität zu Köln ändern. Als eines von sechs Promotionstandems im standortübergreifenden, interdisziplinären NRW-Graduiertenkolleg „Digitale Gesellschaft“ betreuen die Professoren Dr. Philipp Schaer (Institut für Informationswissenschaften der TH Köln) und Dr. Sven-Oliver Proksch (Cologne Center of Comparative Politics, Universität zu Köln) zwei Doktoranden bei der Frage nach dem „Einfluss von Suchmaschinen auf die politische Meinungsbildung“.

Malte Bonart, Volkswirt und Informatiker, hat sich während seines Studiums an der Uni Köln auf Statistik und Datenanalyse  spezialisiert. Für das Forschungsprojekt sind bisher bereits 80 Millionen Datensätze zusammengekommen, die der Doktorand der TH Köln für seine Untersuchungen heranziehen wird. Tendenz steigend. Seit bereits eineinhalb Jahren sammelt Professor Schaer Suchmaschinenvorschläge zu 3.000 deutschen Politikerinnen und Politikern auf Landes- und Bundesebene, u.a. der aktuellen Parlamente sowie  der vergangenen Legislaturperiode. Neben Google und Bing werden auch kleinere Suchmaschinen wie DuckDuckGo konsultiert. Dabei soll beispielsweise untersucht werden, ob diese Tools bei den Politikerinnen und Politikern rollenorientierte oder eher personenorientierte Suchvorschläge liefern, und wie sich das Verhältnis dieser Vorschläge vor und zwischen Wahlen verändert.

Neben dieser Analyse des Text-Minings sind Laborexperimente mit Probandinnen und Probanden die zweite Säule des Forschungsprojekts. Hier arbeitet Malte Bonart eng mit Franziska Pradel zusammen, Politikwissenschaftlerin der Uni Köln, die ebenfalls im Forschungsprojekt promoviert. Gemeinsam werden sie untersuchen, wie Probandinnen und Probanden auf Suchvorschläge und Suchergebnisse reagieren, und welche Rolle dabei die allgemeine politische Einstellung und demographische Faktoren besitzen.

„Neben den traditionellen Medien und sozialen Netzwerken stellen Suchmaschinen eine Hauptquelle der Informationsbeschaffung dar. Für die Leistungsbewertung eines Politikers kann es durchaus eine Rolle spielen, ob Suchvorschläge und -treffer charakterliche und persönliche Aspekte betonen oder eher programmatische Positionen. Wären die Suchalgorithmen öffentlich einsehbar und keine Blackbox, müssten wir diese aufwändige Datenanalyse gar nicht betreiben“, sagt Bonart.

Doch so liegt gerade in dieser Verbindung von Big Data, also großen Datenquellen, und experimentellen sozialwissenschaftlichen Methoden das Besondere dieses Forschungsprojekts.

Roboter als Spielzeug für frühkindliche Bildung?

Scarlet Siebert Scarlet Siebert (Bild: Thilo Schmülgen/TH Köln)

Ebenfalls im Kolleg „Digitale Gesellschaft“ angesiedelt ist das Vorhaben „Frühkindlicher Medienumgang und Sprachlernen mit sozialen Robotern zur Förderung von Teilhabechancen in der digitalen Gesellschaft“ (MERiTS).  Wissenschaftlerinnen unserer Hochschule und der Universität Paderborn gehen folgender Frage nach: Kann ein Roboter ein sinnvolles Spielzeug für die frühkindliche Bildung sein? Geleitet wird das dreijährige Forschungsprojekt von den Professorinnen Dr. Isabel Zorn, Leiterin des Instituts für Medienforschung und Medienpädagogik an der Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften, und Dr. Katharina Rohlfing vom Institut für Germanistik und Vergleichende Literaturwissenschaft in Paderborn.

Das damit verbundene Promotionstandem an beiden Hochschulen ermöglicht Scarlet Siebert, Alumna der TH Köln und Medienwissenschaftlerin, über den Einsatz von Robotern aus medienpädagogischer Perspektive zu promovieren.

„Schon bevor Kinder in die Schule gehen, sind sie von Medien umgeben. Allerdings hängt es sehr stark vom sozioökonomischen Status und dem Bildungsgrad der Eltern ab, wie die Kinder mit Medien umgehen und welchen Zugang sie haben. Wir sprechen in diesem Zusammenhang von ‚digitaler Spaltung‘ und ‚digitaler Ungleichheit‘. Diese Ungleichheit spiegelt sich auch in den Bildungschancen wider, die vor allem von den vorhandenen sprachlichen Fähigkeiten der Kinder abhängen“, sagt Siebert.

Dass digitale Medien die sprachliche Bildung durchaus fördern können, haben Scarlet Siebert und Isabel Zorn bereits im Projekt „Inklusion und sprachliche Bildung mit digitalen Medien im Kindergarten“ erkannt. Hier hatten sie Tablets benutzt für eine sprach- und interaktionsförderliche Gestaltung von Spiel- und Lernsituationen. Jetzt nehmen sie Roboter in den Blick, konkret Nao-Roboter. Durch ihre menschliche Gestalt und ihr kindliches Design erregen Naos bei Kindern große Sympathie. Sie können ihnen sozial interagieren, Bewegungen ausführen und sprechen. Allerdings gibt es auch Bedenken, ob die kleinen Roboter tatsächlich über die Funktion eines Spielzeugs hinaus eine kindgerechte Sprach- und Medienkompetenz vermitteln können .

Erste Gespräche, die Scarlet Siebert mit ErzieherInnen in Kölner Kitas geführt hat, zeigen, dass ein technischer Defekt, durch den sich der Roboter plötzlich anders verhält, Kinder in emotionale Schwierigkeiten bringt: Für kleine Kinder sei der Zusammenhang zwischen der funktionalen Störung und dem Verhalten nicht oder nur schwer nachvollziehbar, sagt Siebert. Außerdem zeigt sich, dass die Spracherkennung der Roboter die kindliche Sprache nicht so gut versteht, wie es eigentlich sinnvoll wäre. Nils Frederik Tolksdorf, ebenfalls Promovend, konzentriert sich im Team in Paderborn auf die Psycholinguistik. In einem aktuellen Versuch lernen 30 Kinder spielerisch in einer kontrollierten Laborsituation eins-zu-eins von einem Nao-Roboter Farbkomposita. Die Ergebnisse sind auch für Scarlet Sieberts weitere Arbeit in den Kitas relevant.

„Perspektivisch geht es nicht darum, die Erzieherinnen und Erzieher durch Roboter zu ersetzen, sondern sie zu unterstützen“, betont Siebert. Weil die digitalen Technologien neue Anforderungen an den Beruf und an die Bildung allgemein darstellen, wird sich das Projekt MERiTS auch mit datenschutzrechtlichen, ethischen und entwicklungspsychologischen Aspekten beschäftigen.

Das Graduiertenkolleg Digitale Gesellschaft wird vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen gefördert und fokussiert die Stärkung und Sicherung der Demokratie in einer zunehmend digitalen Gesellschaft.  

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