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Ein Artikel aus dem Hochschulmagazin

Prof. Dr. Isabel Zorn

Angewandte Sozialwissenschaften
Institut für Medienforschung und Medienpädagogik (IMM)

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"Nutzungszahlen sind die neue Währung"

Prof. Dr. Isabel Zorn (Bild: Costa Belibasakis/FH Köln)

Haben wir unbewusst Lust an der eigenen Überwachung? Wie kann die Medienpädagogik uns zu einem sensibleren Umgang mit den eigenen Daten anregen? Und welche Vorbildfunktion kann eine Hochschule einnehmen, damit wir die Marktmacht der Konzerne nicht bedenkenlos unterstützen? Ein Interview mit Prof. Dr. Isabel Zorn.

Warum unterstützen wir als Nutzerinnen und Nutzer so bereitwillig die Marktmacht von Konzernen wie Facebook, Google oder Apple?
Isabel Zorn: Sobald eine kritische Masse von Usern eine App benutzt, entscheidet niemand mehr, welche Software ihm gefällt. Man entscheidet nur noch hinsichtlich der Frage: "Wo erreiche ich meine Freunde und Kollegen?" Selbst die Menschen, die die Thematik kritischreflexiv angehen und Alternativen kennen, nutzen diese nicht oder nur eingeschränkt, weil die meisten ihrer Kommunikationspartner es nicht tun. Das ist auch der Grund, warum Facebook für so viel Geld Whatsapp aufgekauft hat: Die Nutzerzahlen der App sind so hoch, dass sie Facebook den Rang ablaufen könnte, auch wenn über Whatsapp ein anderer Dienst bereitgestellt wird. Nutzungszahlen sind die neue Währung.

Man muss also den bequemen Weg gehen, wenn man die Technologie nutzen will?
Es geht sogar über die Bequemlichkeit hinaus. Denn Bequemlichkeit bedeutet: Ich habe eine bestimmte Idee, das brauche ich, und ich nehme das Erstbeste, statt mich nach Alternativen zu erkundigen. Aber hier geht es um mehr. Die Menschen waren doch nicht auf der Suche nach einer Software, die folgende Anforderungen hat: einen Like it-Button, die Möglichkeit des Statusreports und die Bewertung von Fotos. Aber wenn Freunde und Freundinnen sagen "gib mal deine Facebook-Adresse", und alle das nutzen, möchte man auf keinen Fall ausgeschlossen werden, sondern dabei sein. Die Angst vor der Exklusion überwiegt. Und man ist nur dann dabei, wenn man Facebook nutzt und nicht einen anderen Dienst, der vielleicht sicherer ist. Es kommt noch ein anderer Aspekt hinzu: Wir haben nur sehr wenige Bildungseinrichtungen, die uns die verschiedenen Medienangebote vermitteln. Wir lernen sie in informellen Kontexten kennen wie auf dem Schulhof oder auf der Straße, nicht im Unterricht. Es steht also nie zur Wahl, etwas anderes zu nehmen.

Und deshalb nimmt man achselzuckend in Kauf, dass ein umfassendes, persönliches Datenprofil entsteht. Sind wir so unkritisch?
Ja, leider schon. Wenn man sich eine App auf dem Mobiltelefon installiert, wird zwar angezeigt, dass dieser Dienst Zugriff auf die Telefonkontakte, Anrufe und den Standort hat. Aber man fragt sich: Wofür werden sie das schon brauchen? Und nimmt es billigend in Kauf. Die Alternative wäre: Man schaut sich ähnliche Apps an, und findet dann andere, die weniger Zugriffe fordern. Allerdings geht es nicht nur um ein billigendes in Kauf nehmen, sondern auch um den Genuss an der Überwachung. Indem Leute meinen Facebook-Status kommentieren, werde ich beachtet, erlebe Anteilnahme. Dieses Bedürfnis geht sicher einher mit unseren stark individualisierten Lebensverläufen, der Flexibilität und Mobilität.

Das heißt aber auch, dass die realen und fiktiven Schreckensszenarien nicht helfen, um Menschen zu sensibilisieren?
Stimmt. Das Interesse an den Skandalen nimmt ab. Es ist schon erstaunlich, wie wenig Konsequenzen aus den Enthüllungen durch Edward Snowden erfolgt sind. Und das sind ja reale Schreckensszenarien: Unsere Kommunikationsdaten werden gespeichert und verarbeitet, egal ob es Verdachtsmomente gibt oder nicht. Die Medienpädagogik hat immer mit diesen Schreckensszenarien gearbeitet. Sie hat zum Beispiel zu Beginn des Kinos davor gewarnt, dass die Menschen den Bezug zur Realität verlieren und zwischen ihr und der Fiktion nicht mehr unterscheiden können. Das hat aber nicht gefruchtet. Und tatsächlich können wir das durchaus differenzieren.

Wie kann Medienpädagogik heute sensibilisieren, damit man bewusster mit seinen Daten umgeht, ohne dabei den moralischen Zeigefinger zu heben?
Ich glaube, es ist ganz wichtig zu vermitteln, welche Bedeutung die Datenverarbeitung hat, wenn sie in falsche Hände gerät oder für den Bürger nicht transparent ist. Das sind Gefahren für die Demokratie, Meinungsfreiheit und Privatsphäre. Vielen Bürgerinnen und Bürgern ist nicht bewusst, dass eine Drogeriemarktkette anhand der Daten auf der Rabatt-Chipkarte mittlerweile weitaus früher weiß als die Familienmitglieder, wann jemand schwanger ist. Da muss man vermitteln und Alternativen aufzeigen. Solange ich nicht weiß, wie ich einen Rabatt ohne diese Karte bekommen kann, welche Software die gleiche Funktion anbietet, ohne dass sie meine Rechte einschränkt, welche Suchmaschine genauso gut funktioniert wie Google, so lange werde ich mein Nutzungsverhalten nicht ändern. Alternativen vermitteln, Konsequenzen darstellen und mit gutem Beispiel vorangehen. Darin liegt die Aufgabe der Medienpädagogik.

Sind Crypto-Partys ein Mittel, solche Informationen in die Gesellschaft bringen?
Crypto-Partys sind eine spannende Möglichkeit, von Peers zu Peers in einer lockeren, unterhaltsamen Atmosphäre zu vermitteln, wie man E-Mail-Botschaften so verschlüsselt, dass sie nicht mehr so sichtbar sind wie handschriftliche Postkarten. Wir haben auf unserer Tagung "Digitale (Un-)Abhängigkeit" erlebt, dass auf diesen Partys viele Gespräche am Rande entstehen. Es wurde zum Beispiel die Frage diskutiert, ob durch das gegenseitige Unterzeichnen der E-Mail-Schlüssel auch wieder die sozialen Kontakte abbildet werden: zum Beispiel ob mein Netzwerk aus Hochschulkontakten besteht oder aus einem politischen Spektrum. Auch hier werden Daten gesammelt, die man eigentlich nicht vermitteln will. Wir haben ebenfalls darüber diskutiert, ob Hochschulen als neutrale Einrichtungen solche Schlüssel unterzeichnen könnten, weil an ihnen nur wenige Sozialinformationen bekannt gegeben werden. Ich finde, Hochschulen sollten generell hier über ihre medienpädagogische Vorbildfunktion nachdenken.

Inwiefern?
Wenn wir nur proprietäre Software von Konzernen benutzen, ohne Alternativen anzubieten, was vermitteln wir dann unseren Studierenden? Dann können wir noch so viel medienpädagogische Arbeit leisten, die unterschwellige Botschaft ist: Es ist alles egal. Aber was wäre, wenn man beim Login in den Hochschulrechner die Wahl hat, mit welchem Betriebssystem man arbeiten will: Microsoft, Apple oder Linux? Viele meiner Studierenden denken bei Open Source direkt: Das ist ganz kompliziert und nur etwas für Informatiker. Sie kennen es aber nicht. Linux Mint zum Beispiel bietet eine ähnliche Benutzeroberfläche und Software wie Microsoft. Diese Wahlfreiheit anzubieten ist zwar ein Aufwand, aber ein vertretbarer. Denn man gibt den Studierenden und Mitarbeitern die Möglichkeit, etwas Neues auszuprobieren. Ich glaube, das würde viel verändern.

Interview: Monika Probst

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