Migrationsbezogenes Wissensmanagement

Die Flüchtlingssituation in den Jahren 2015 und 2016 war ein Ausnahmezustand – auch für die Organisationen des Bevölkerungsschutzes. Das Forschungsprojekt „WAKE – Migrationsbezogenes Wissensmanagement für den Bevölkerungsschutz der Zukunft“ will das in in den Organisationen aufgebaute Wissen sichern und nutzbar machen.

Allein 2015 sind nach offiziellen Angaben etwa 800.000 Flüchtlinge nach Deutschland eingereist. Menschen, die registriert, untergebracht und versorgt werden mussten. Eine Ausnahmesituation für alle Beteiligten – auch für die Organisationen des Bevölkerungsschutzes wie zum Beispiel das Technische Hilfswerk, das Deutsche Rote Kreuz oder die Johanniter-Unfall-Hilfe. Für viele dieser Organisationen war es  einer der größten flächendeckenden Einsätze überhaupt. Petra Tiller, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Rettungsingenieurwesen und Gefahrenabwehr, erklärt im Interview, wie das Forschungsprojekt „WAKE – Migrationsbezogenes Wissensmanagement für den Bevölkerungsschutz der Zukunft“ die in den Jahren 2015/16 gesammelten Erfahrungen nutzbar machen will.

Frau Tiller, worum geht es im Forschungsprojekt WAKE?
In den Organisationen des Bevölkerungsschutzes sind in der Flüchtlingssituation viele Erfahrungen gesammelt und ein umfassendes Wissen aufgebaut worden. Diesen Bestand so gut wie möglich zu sichern, damit er für zukünftige Einsätze genutzt werden kann, ist das Ziel des Forschungsprojektes.

Was ist in der Situation gelernt worden?
Genau das wollen wir auswerten, strukturiert aufbereiten und letztlich den Organisationen des Bevölkerungsschutzes wieder zugänglich machen. Oft ist Wissen beispielsweise an Personen gebunden. Wenn sie eine Organisation verlassen, geht es mit ihnen. Denken Sie etwa an die vielen Ehrenamtler und Spontanhelfer, die zu der Zeit im Einsatz waren. Viele von ihnen sind jetzt schon nicht mehr zu erreichen, um ihre Erfahrungen zu teilen. Damit aufgebautes Wissen nicht einfach wieder verschwindet, braucht es ein systematisches und fortlaufendes Wissensmanagement. Unser Forschungsprojekt soll daher die Organisationen des Bevölkerungsschutzes dabei unterstützen, ein Wissensmanagementsystem zu etablieren. Ein solches System kann vieles umfassen: Datenbanken, Newsletter, Ausbildungsunterlagen, aber auch eine Arbeitsatmosphäre, in der die Mitarbeiter ihr Wissen gerne teilen. Wichtig ist, dass all diese Komponenten miteinander verbunden sind und nicht zusammenhanglos nebeneinander herlaufen.

Wo stehen Sie zurzeit: Was ist schon erreicht, was sind die nächsten Schritte und was ist ihr Ziel?
Meine Kollegin Celia Norf und ich haben zunächst ein Glossar zum Wissensmanagement im Bevölkerungsschutz erarbeitet. Es gibt einen Überblick über die wichtigsten Begriffe und Konzepte und ist eine gemeinsame Arbeitsgrundlage für das WAKE-Projekt. Wenn viele Partner zusammenarbeiten, ist es wichtig, dass sie  verwendete Begriffe gleich verstehen. Das Glossar soll aber auch alle Interessierten, vor allem aus dem Bevölkerungsschutz ansprechen, die einen ersten Einblick in das Thema Wissensmanagement erhalten wollen.

Als nächstes planen wir eine quantitative Abfrage bei den Organisationen des Bevölkerungsschutzes, die mit der Flüchtlingssituation befasst waren. Wir wollen dadurch ein Bild davon bekommen, wo schon Wissensmanagementsysteme implementiert und wie sie gestaltet sind. Konkret möchten wir herausfinden: Wie läuft Wissensmanagement in den Organisationen allgemein ab? Wie war es in der Flüchtlingssituation? Und: Was können wir daraus lernen?

Unser Ziel ist, daraus eine Handreichung zu entwickeln, die die Organisationen mit Handlungsempfehlungen beim Aufbau oder der Optimierung ihres Wissensmanagementsystems und der Anwendung im Alltag unterstützt.

Was macht das Projekt besonders?
Etwas Besonderes ist für mich unser sozialwissenschaftlicher Ansatz in einer am Institut für Rettungsingenieurwesen und Gefahrenabwehr ansonsten sehr technischen Disziplin. Dieses interdisziplinäre Arbeiten ist eine Herausforderung aber auch eine große Stärke des Projekts.

WAKE

Das Projekt WAKE läuft unter der Leitung von  Prof. Dr.-Ing. Alexander Fekete seit Oktober 2019 bis September 2021. Projektpartner sind die Katastrophenforschungsstelle der Freien Universität Berlin, die Bundesanstalt Technisches Hilfswerk (THW), das Generalsekretariat des Deutschen Roten Kreuzes e.V. und die Johanniter-Unfall-Hilfe e.V.
WAKE wird gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung.
Assoziierte Partner sind unter anderem der Arbeiter Samariter Bund (ASB) und das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF).

9. Oktober 2019

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