Megacitys – Lebensraum und Klimakiller

Die meisten Teilnehmerstaaten des Klimaabkommens von Paris 2015 haben individuelle selbstverpflichtende Maßnahmen für den Klimaschutz entwickelt. Prof. Dr. Johannes Hamhaber ist Co-Autor einer Studie, die untersucht, ob und in welchem Maße Großstädte bei den Klimaschutzbemühungen dabei im Blickpunkt stehen.

Unsere Städte wachsen und breiten sich aus. In die Höhe, aber vor allem in die Breite und bei den Einwohnerzahlen. Auf den zukünftigen Weltklimakonferenzen will die UN deshalb Städte und ihre Auswirkungen auf Klima- und Umweltschutz stärker fokussieren. Deshalb hat sie für ihr Wohn- und Siedlungsprogramm UN-Habitat eine Studie in Auftrag gegeben: In ihr wurden alle individuellen selbstverpflichtenden Maßnahmen (NDCs), die die meisten der Teilnehmerstaaten des Klimaabkommens von Paris 2015 entwickelt haben, darauf untersucht, ob und in welchem Maße Großstädte bei den Klimaschutzbemühungen im Blickpunkt stehen. Einer der Autoren ist Prof. Dr. Johannes Hamhaber vom Institut für Technologie und Ressourcenmanagement in den Tropen und Subtropen (ITT).

Prof. Dr. Johannes Hamhaber Prof. Dr. Johannes Hamhaber (Bild: Costa Belibasakis/TH Köln)

Warum haben Sie sich in Ihrer Auswertung der NDCs auf die Städte konzentriert?
Städte sind oft besonders stark vom Klimawandel betroffen und gleichzeitig ein wichtiger Hebel der Vorsorge: In Städten lebt die Hälfte der Weltbevölkerung. Städte verbrauchen drei Viertel der Ressourcen und verursachen drei Viertel der Emissionen. Unabhängig davon, ob in den einzelnen Ländern die Zahl der Bevölkerung steigt oder stagniert: Der Zuzug in die Städte ist überall zu beobachten. Alleine in Europa beträgt die Urbanisierungsrate fast 80 Prozent.
Und obwohl Städte der Motor unseres globalen Konsums sind, wurde ihnen auf den Klimakonferenzen bisher wenig Beachtung geschenkt. Die Organisation UN-Habitat will das ändern und den Fokus auf die Verantwortung der Städte für den Klimaschutz richten. Deshalb wurden mein Kollege Nicola Tollin und ich damit beauftragt, die insgesamt 164 Selbstverpflichtungen der Unterzeichnerstaaten daraufhin zu prüfen, welche Bedürfnisse die Länder formulieren, um die Klimaziele erreichen zu können. Wir haben die einzelnen Länderprofile geprüft im Hinblick auf Ökonomie, Demografie und Emissionen. Gibt es Schwerpunkte bei der Anpassung an den Klimawandel? Werden vorbeugende Maßnahmen formuliert? Und welche Rolle haben dabei vor allem die Städte? Bei unseren Auswertungen wurden wir übrigens von Kolleginnen und Kollegen aus unserem CNRD-Netzwerk unterstützt.

Wie sehr identifizieren die Länder ihre Städte als wichtiges Kriterium beim Klimaschutz?
Unsere Ergebnisse zeigen, dass einige Länder bei städtischen Themen schon sehr weit vorne sind, viele haben diese Problematik aber noch nicht auf dem Schirm. 113 von insgesamt 164 NDCs beschäftigen sich mit Maßnahmen im urbanen Kontext. UN-Habitat nutzt den Report, um diese Problematik jetzt gezielt an alle Länder zu adressieren. Und wir unterstützen sie dabei, indem wir auf internationalen Klimaforschungskonferenzen unsere Studie vorstellen und versuchen, die Stadtforschung in die Klimaforscher-Community hineinzutragen. Wenn in den zukünftigen NDCs städtische Themen stärker berücksichtigt würden, wäre das für uns ein Ritterschlag!

Welche Staaten formulieren denn besonders die städtischen Themen?
Das sind vor allem afrikanische und asiatische Staaten, unter anderem auch China. Die EU, USA, Kanada und Australien beschäftigen sich in ihren Selbstverpflichtungen kaum mit städtischen Themen. Wir wissen aber viel zu wenig über die Kohärenz in den einzelnen Ländern zwischen ihren Selbstverpflichtungen und dem, was dort bisher an Klimapolitik realisiert wurde. Teilweise sind die NDCs sehr ambitioniert, schwanken aber auch in ihrer Qualität. Wir vermuten, dass in Entwicklungsländern, die anspruchsvolle NDCs formulieren, diese nicht von den Ministerien geschrieben wurden, sondern von internationalen Experten, die von den Ländern beauftragt wurden. Diese Kolleginnen und Kollegen sind mitten im Klimaschutzdiskurs und wissen ganz genau, welche Maßnahmen notwendig sind. Und wir vermuten auch, dass die Länder diese Umsetzung nicht zur Gänze leisten können.

Warum?
Die Gründe sind vielfältig: Zum einen werden sie wohl nicht den geforderten und benötigten Support durch die Industriestaaten bekommen. Zum anderen gibt es in einigen der Staaten Widersprüche in den gesetzgebenden Strukturen, die die Umsetzung erschweren. Deshalb wollen wir im nächsten Schritt Beispielländer identifizieren und eine Mehr-Ebenen-Politikanalyse starten. Denn die Verpflichtungen sind zwar national, die Umsetzungen funktionieren aber auf lokaler Ebene. Ist ein Staat stark zentralistisch organisiert, kann die Umsetzung relativ einfach von oben organisiert werden. Im Gegensatz zu einer föderalen Struktur, in der die einzelnen Städte eine hohe Planungsfreiheit genießen. Dann kommt man in Aushandlungsprozesse, die die international getätigten Zusagen auf nationaler Ebene wieder verändern.

Viele der westlichen Industriestaaten haben föderale Strukturen. Können dort Städte und ihre Bürgermeisterinnen und Bürgermeister sich nicht unabhängig machen von nationalen politischen Interessen und mehr Eigenverantwortung in der Klimaschutzpolitik übernehmen?
Das können sie durchaus und tun das auch bereits: Vancouver hat sich zum Ziel gemacht, bis 2020 die grünste Stadt der Welt zu werden. Und auch wenn sich beispielsweise die Nationalregierung in den USA momentan aus allen internationalen Vereinbarungen herauszieht: Die Bundesstaaten schwenken deshalb nicht automatisch auf diesen Kurs ein. Im Gegenteil: Kalifornien hat eine der aggressivsten Klimaschutzregulierungen weltweit. Und einen eigenen Emissionshandel. Mit 39 Millionen Einwohnern stemmt dieser Bundesstaat 14 Prozent des Bruttosozialproduktes der USA. Als unabhängiger Staat wäre Kalifornien die fünftgrößte Wirtschaftsmacht weltweit. Und auch Städte wie San Francisco oder Los Angeles verfolgen ihre eigenen Strategien. Städte können dazu ihr Planungsrecht nutzen, ihr Steuerungsrecht für kommunale Straßen, das Ordnungsrecht. Je föderaler ein Staat ist, umso mehr Gelegenheiten haben die Städte, Klimapolitik zu betreiben. Es gibt auch Städteverbünde, die zum Ziel haben, Städte nachhaltig zu gestalten: Das ist zum einen der Covenant of Mayors, eine Vereinigung lokaler Regierungen, die sich als eigenständige Akteursgruppe etabliert haben. Ein anderes Beispiel ist ICLEI mit Sitz in Bonn. Diese Vereinigung gibt den Städten unter anderem Handreichungen zur Senkung ihres CO2-Ausstoßes.

Welche Maßnahmen können und sollten in den Städten ergriffen werden?
Wir sollten Städte mit einem mehrperspektivischen Ansatz betrachten: Sie sind resilienter, wenn sie nachhaltiger sind. Städte sind ein sozio-ökologisches System. Es leben zu viele Menschen in ihnen, als dass man zulassen sollte, dass sie schlecht funktionieren. Deshalb müssen sie effizienter gestaltet werden. Verluste müssen reduziert werden, um dadurch zum Beispiel den Druck auf die Landwirtschaft zu reduzieren. Denn die produziert ja überwiegend für die Städte. Und in denen wird zu viel Nahrung sinnlos konsumiert und weggeworfen. Ein Beispiel: In den qualitativ schlechten Wasserleitungen von Städten des globalen Südens gehen 30 bis 40 Prozent des Wassers verloren. Die kommen gar nicht bei den Endnutzern an. Für die jordanische Stadt Amman wurde jetzt eine massive Pipeline gebaut, um noch mehr frisches Wasser in die Stadt zu bringen – von dem also 40 Prozent nicht bei den Konsumenten ankommen werden. Es stammt aus einem nicht erneuerbaren Grundwasserleiter, und so ist es dramatisch, noch mehr fossilen Rohstoff in die Stadt zu pumpen! Für jedes dieser metabolischen Themen sollten wir stattdessen erst einmal versuchen, die Nachfrage zu ändern. Im Fall der Energie heißt das, energieeffizient zu bauen, um den Technikbedarf gering zu halten und dann im zweiten Schritt die Technik möglichst effizient zu gestalten, so dass im dritten Schritt der verbleibende Energiebedarf durch erneuerbare Energie gedeckt wird. Aus dieser Logik heraus sollten wir uns also nicht darauf beschränken, erneuerbare Energien zu entwickeln. Das Gleiche gilt für das Wasser: Es gibt Analysen, wie in Haushalten Wasser gespart werden kann. Vieles hat mit falschem, kurzsichtigem Verbraucherverhalten zu tun. Das gilt auch für unseren Umgang mit Nahrung und mit jeder Form von Konsumgütern.

Das setzt aber voraus, unser kapitalistisches Wirtschaftssystem zu ändern und unsere Gesellschaft aufzuklären und zu sensibilisieren.
Das ist richtig. Eine Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger an diesen Prozessen ist besonders wichtig. Wir müssen einen Wiederverwertungskreislauf schaffen, der sich vom Wachstumsparadigma löst, dem alles unterworfen ist. Städte müssen autarker werden, das heißt unter anderem, wieder mehr Nahrungsmittel direkt in den Städten zu produzieren. Dadurch würde auch ein Großteil der Logistik wegfallen. Je stärker sich Städte ausbreiten, umso mehr fruchtbaren Boden rauben sie der Landwirtschaft und damit ihrer eigenen Nahrungsquelle. In Ägypten, wo der schmale Uferstreifen des Nils und das Delta den einzigen fruchtbaren Boden bieten, ist genau dies bereits Realität. Momentan plant man stattdessen, Nahrungsmittel in der Wüste zu produzieren. Das ist eigentlich absurd.

Wie könnten Städte aussehen, in denen Lebensmittel selbst produziert werden?
Je nachdem, wie man stadtplanerisch vorgeht, könnten in unseren Städten hocheffiziente, technische, vertikale Landwirtschaften entstehen. Dadurch könnte man landwirtschaftliche Flächen von 1:100 bis 1:500 einsparen. Wir haben in Europa kaum auf dem Schirm, dass ein substanzieller Anteil aller Neubauten in den nächsten Jahrzehnten in Indien und China gebaut wird. Mit mehreren hundert Millionen Wohneinheiten. Wenn die nicht effizient gebaut werden, dann hilft China auch die komplette Elektrifizierung seines Straßenverkehrs nichts. Afrika wird seine Bevölkerung bis 2060 wahrscheinlich auf über drei Milliarden heben. Entsprechend viele Flächen der Landwirtschaft und der Natur werden dieser Expansion zum Opfer fallen. Aber die Staaten der Nordhalbkugel sollten nicht mit erhobenem Zeigefinger diese Missstände anmahnen. Wir haben unseren Wohlstand schließlich auch auf Kosten des globalen Südens gebaut.

Wie können die Industriestaaten den afrikanischen Staaten am besten helfen?
Im Grunde sind alle Hilfsmaßnahmen in Klimaschutz und Entwicklung in den NDCs angelegt: Um ihre Ziele zu erreichen, fordern die Staaten entweder finanzielle, technische oder kapazitätsunterstützende Maßnahmen. Also Ausbildungsmaßnahmen, und das muss nicht unbedingt die akademische Qualifizierung sein. Wir haben auf unseren Forschungsexkursionen oft gesehen, dass es beispielsweise in den Kläranlagen Ingenieure gibt, die die Anlagen leiten, aber keine Arbeiter, um sie zu warten und zu betreiben. Dann läuft eine Anlage nach ein paar Jahren auch nicht mehr. Es fehlt also an ganz vielen Stellen, und man muss schauen, welche Maßnahme im jeweiligen Kontext lokal langfristig am besten funktioniert. Das geht nicht ohne die Unterstützung der nördlichen Hemisphäre. Gleichzeitig gibt es den Green Climate Fund, über den diese Länder Finanzmittel bekommen können. Hier muss von den Industrieländern mehr kommen. Man sollte sich nicht hinter den vermeintlichen Sorgen verstecken, dass die Gelder in dunkle Kanäle abwandern könnten. Gegenseitige Schuldzuweisungen bringen uns nichts.

Die Bundesregierung hat eingeräumt, dass sie ihre Klimaschutzziele bis zum Jahr 2020 verfehlen wird. Ihr Kommentar?
Das ist sehr schade, denn dadurch ist die Rolle Deutschlands als Beispiel- und führende Technologienation in Sachen Klimaschutz nicht mehr haltbar. Außerdem bietet dieses Eingeständnis anderen Ländern eine Entschuldigung – und das halte ich für das größere Problem. Dabei stand uns diese Vorreiterrolle gut zu Gesicht und hat uns im Hinblick auf erneuerbare Technologien durchaus Märkte erschlossen. Wir sind eines der wenigen Länder, das die technische Kompetenz und die finanziellen Mittel hat, um Erneuerbare Energie zu realisieren. Das Umweltbewusstsein ist in unserer Gesellschaft angekommen. Diese Kombination können weltweit nur wenige Länder vorweisen. Und wir ziehen zurück? Das ist eigentlich ein Armutszeugnis.


Interview: Monika Probst

Interdisciplinary Master for Resource Efficient Cities (IMaREC)
Im CNRD-Programm hat die TH Köln zusammen mit der Ain Shams University (ASU) in Kairo und drei weiteren Partnern aus Mexiko, Kenia und Indonesien den neuen Interdisciplinary Master for Resource Efficient Cities (IMaREC) entworfen. Dieser wird seit dem Herbst 2017 an der ASU in Ägypten angeboten, weitere Partner sollen folgen. Der Studiengang versteht Städte als sozio-ökologische Systeme und ordnet Module in drei thematische Säulen: Der städtische Metabolismus folgt den Sektoren Energie, Wasser, Nahrung, Abfall und Mobilität; die zweite Säule umfasst die Skalen vom Haushalt bis zur Stadtregion; zum Governance-Schwerpunkt zählen Planung und Partizipation, Stadt-Management und Smart City. Neben der Internationalisierung der Partner durch Süd-Süd-Mobilität beteiligt sich unsere Hochschule am Austausch von Studierenden und Lehrenden. Die Curriculumsentwicklung verlief in knapp zwei Jahren über fünf internationale Workshops und wurde vom Zentrum für Lehrentwicklung der TH Köln begleitet. www.cnrd.info

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