Kekse und Trinkwasser für den Notfall

In Folge der Energiekrise sorgt sich die EU-Kommission um mögliche Stromausfälle in Europa. Prof. Dr. Alexander Fekete vom Institut für Rettungsingenieurwesen und Gefahrenabwehr spricht im Interview über den Status Quo des Krisenmanagements im Falle eines Blackouts in Deutschland.

Prof. Fekete, was ist ein Blackout?

Von einem Blackout als kompletten Ausfall einer Infrastrukturversorgung spricht man hauptsächlich im Zusammenhang von Stromausfällen. Jedoch gibt es auch noch Ausfälle in anderen Versorgungsinfrastrukturen, zum Beispiel in der Energie-, Informations-, Lebensmittel- oder Wasserversorgung.

Hat Deutschland Krisenkonzepte für solche Situationen?

Seit 2009 gibt es vom Bundesinnenministerium eine nationale Strategie zum Schutz kritischer Infrastrukturen, also zur Versorgung der Bevölkerung mit lebensnotwendigen Gütern. Auch sogenannte Basisschutzkonzepte und Notfallmanagement-Leitfäden im Bereich IT-Sicherheit oder Bevölkerungsschutz sind vorhanden. Diese werden in der Industrie und Wirtschaft häufig verwendet, Städte oder Gemeinden setzen diese ebenfalls vereinzelt um. Allerdings ist der Vorbereitungsgrad auf kommunaler Ebene sehr heterogen umgesetzt und gleicht einem Flickenteppich. Wichtig zu wissen: 80 Prozent der kritischen Infrastruktur liegen in privater Hand. Damit liegt der Großteil der Verantwortung in privater Hand und danach sind die Kommunen beim Katastrophenschutz in der Pflicht.

Strommasten Sorge um Energie: Die EU-Kommission beschäftigt sich mit der Vorsorge für mögliche Stromausfälle in Europa. (Bild: blackdiamond67/AdobeStock.com)

Welches Vorgehen wird im Falle eines Blackouts eingeleitet?

Es besteht kein einheitliches Vorgehen, da die Zuständigkeiten auf private Unternehmen und Kommunen aufgeteilt sind. Im Fall der Fälle sind also zuerst die Versorger oder Kommunen in der Pflicht, bei nicht lokal bewältigbaren Schadenslagen springen dann Bundesland oder gar nationale Akteure mit ein zur Unterstützung. Glücklicherweise kam es in Deutschland bisher nur zu wenigen und kurzen Versorgungsunterbrechungen. Diese konnten von den Versorgungsunternehmen selbst oft innerhalb von wenigen Stunden behoben werden. Je nach Gefahr können aber sowohl technisch als auch organisatorisch schnell Grenzen erreicht werden. Das sieht man bei zunehmenden Cyberangriffen auf Gesundheitseinrichtungen oder zuletzt bei Sabotage-Angriffen auf Infrastruktur auf dem Meeresboden. Auch beim Hochwasser in Deutschland 2021 hat man deutlich gespürt, dass unzugängliche Straßen sowie der Ausfall von Kläranlagen, Stromversorgung und Heizung eine Katastrophenlage zusätzlich erschweren. Not- und Ersatzaggregate für Strom und Wasserversorgung müssen dann oft überörtlich aus ganz Deutschland oder sogar aus den Nachbarländern einbezogen werden.

Wo sehen Sie Verbesserungspotenzial?

Das Problem sind fehlende Mittel zur Umsetzung der Katastrophenvorsorge. Investitionen in Rücklagen oder Ersatzaggregate lassen sich rein monetär kaum rechtfertigen, weil extreme Schäden bislang zumindest sehr selten eingetreten sind. Bei gewissen Gefahren, wie etwa Hochwasser oder Waldbränden, kann man allerdings jetzt schon eine Zunahme der Ereignisse durch den Klimawandel voraussehen. Die größte Schwierigkeit ist, die Menschen von der Notwendigkeit privater Vorsorge zu überzeugen. Wir in Deutschland leben in einer Hochverlässlichkeitsgesellschaft, in der entweder üblicherweise nichts passiert, oder – wenn etwas passiert – man auf Hilfe oder die nötige Vorbereitung von anderen hofft.

Prof. Dr. Alexander Fekete Prof. Dr. Alexander Fekete lehrt und forscht am Institut für Rettungsingenieurwesen und Gefahrenabwehr. (Bild: privat)

Wie können sich Bürgerinnen und Bürger auf einen Blackout vorbereiten?

Seit vielen Jahren wird versucht, Bürgerinnen und Bürger dafür zu sensibilisieren. Das Thema taucht aber regelmäßig mit starker negativer Konnotation als Hamsterkäufe auf – dabei ist es vernünftig, ein paar Kekse, Dosen und etwas Trinkwasser auf Vorrat vorzuhalten. Jeder und jede kann überlegen, was man bei einem Stromausfall nach spätestens acht Stunden vermissen würde. Ganz konkret empfehle ich Back-ups von Daten, aufgeladene Ersatzakkus und warme Decken für zu Hause, im Auto oder auch am Arbeitsplatz. Man sollte sich zudem bewusstmachen, wie besonders vulnerable Gruppen betroffen sein könnten, beispielsweise Patientinnen und Patienten mit Dialysegeräten. Gerade im Winter ist auch die Wärmeversorgung für Säuglinge zu berücksichtigen.

Was sollte die EU Ihrer Meinung nach zur Vorbereitung tun?

Mit der EU hat man eine weitere Ebene der Verantwortung oberhalb der Befindlichkeiten von Nationalstaaten. Es wäre zum Beispiel wichtig zu regeln, wie beim Ausfall der Gas- oder Stromversorgung eine faire Verteilung geschieht und wie man europäische Reserven in größerem Maßstab aufbaut. In der Vergangenheit hat sich gezeigt, dass hier Konzepte für Katastrophenvorsorge entwickelt werden können, die durch das ,Klein-Klein‘ in einzelnen Staaten nicht möglich sind oder sich sehr lange verzögern. Hochwassergefahren und -risikokarten für Flüsse gibt es in Deutschland so zum Beispiel flächendeckend nur durch eine Richtlinie der EU seit etwa 2012. Die EU ist aber sicherlich nicht geeignet, die Bedürfnisse kleiner Regionen genügend zu berücksichtigen. Hier sind dann wieder Kommunen und bei uns auch Bundesländer zuerst in der Pflicht. Sie müssen es aber selbst schaffen, sich viel besser als bisher vorzubereiten und über die eigenen Grenzen hinaus zu vernetzen.

Oktober 2022

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