Gut gemeint und schlecht gemacht

Prof. Dr. Andrea Platte (Bild: Fachhochschule Köln)

Worüber sprechen wir eigentlich, wenn wir von Inklusion reden? Und wie wird Inklusion im deutschen Bildungssystem umgesetzt? Professorin Dr. Andrea Platte, Bildungsdidaktikerin an der Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften, über den ursprünglichen Inklusionsgedanken und die gelebte Realität: zwei Welten.

2006 ist die UN-Behindertenrechtskonvention in Kraft getreten, die Basis für die Einführung der Inklusion im deutschen Schulsystem. Wie beurteilen Sie deren Stand nach über zehn Jahren?
Ich würde sagen, dass es keine inklusive Klasse oder Schule im deutschen Bildungssystem gibt, obwohl sich viele so nennen. Denn es liegen Welten zwischen dem, was die Pioniere der inklusiven Bildung wie Andreas Hinz, Ines Boban, Hans Wocken oder Tony Booth unter diesem Begriff verstehen, und dem, was heute darunter diskutiert wird.

Was wäre denn idealtypisch inklusiv?
Was heute unter dem Label Inklusion praktiziert wird, ist eigentlich Integration. Diese beiden Begriffe werden oft verwechselt. Integration heißt zum Beispiel: Wir ermöglichen, dass ein als behindert diagnostiziertes Kind die Regelschule besuchen darf und nicht auf eine Förderschule gehen muss. Inklusive Bildung in ihrer ursprünglichen Form meint aber nicht, dass das bestehende Schulsystem Kinder mit sogenanntem sonderpädagogischem Förderbedarf aufnimmt. Der Gedanke ist anders herum und geht auch darüber hinaus. Wir sollten uns sagen: Hier sind unsere Kinder mit all ihren unterschiedlichen Eigenschaften. Und jetzt schauen wir, was sie brauchen, und gestalten dementsprechend Unterricht und Schulalltag, die ja einen viel größeren Teil der Lebenszeit von Kindern und Jugendlichen einnehmen als noch vor einigen Jahren. Auf welchem Entwicklungsstand das Kind ist, ob ihm eine Behinderung zugewiesen wird, welche Sprache es spricht oder woher es kommt – das alles kann im Sinne inklusiver Bildung nicht dazu führen, dass ein Kind einer bestimmten Klasse oder Schulform zugewiesen wird. Sondern diese Eigenschaften bilden die Grundlage und Bedingung gemeinsamen Lernens.

Was versteht unser Schulsystem denn unter einem „normalen” Kind?
Unser aktuelles Schulsystem geht von Kindern mit einer erwarteten durchschnittlichen Entwicklung aus, die je nach Alter bestimmte Fähigkeiten mitbringen. Man erwartet zum Beispiel von einem sechsjährigen Kind, dass es schon ein paar Buchstaben lesen kann. Gleichzeitig ist aber bekannt, dass Kinder im Alter von sechs Jahren so unterschiedlich entwickelt sind, dass eine Spanne von etwa drei Jahren noch völlig der „Normalität“ entspricht. Kinder, die diesen Erwartungen nicht entsprechen, werden als abweichend wahrgenommen und bekommen das auch zu spüren – ganz unabhängig davon, ob die vermeintliche Abweichung als Behinderung diagnostiziert oder anders begründet wird. Da müssen wir umdenken, um inklusive Bildung zu erreichen.

Wir sollten also das System völlig neu aufbauen und ausrichten?
Das wäre wünschenswert. Denn momentan werden Schülerinnen und Schüler aussortiert, indem sie eine Klasse wiederholen oder auf eine andere Schulform geschickt werden. Solange dies so ist, muss man doch nicht darüber nachdenken, ob in der gleichen Klasse zum Beispiel ein Schüler mit Down-Syndrom zieldifferent unterrichtet wird und gar keine Noten erhält.

Also würde Leistung in einem neu gestalteten Bildungssystem keine Rolle spielen?
Doch – natürlich ist auch Leistung relevant; Kinder freuen sich, wenn sie etwas lernen, und auch Eltern betrachten das als Auftrag von Schule, dem diese durchaus gerecht werden sollte. Und gemeinsames Lernen von behinderten und nicht-behinderten Kindern trägt zu einer guten Leistungsentwicklung bei. Das zeigen wissenschaftlich begleitete Schulversuche und Modellprojekte seit den 1980er Jahren. Im aktuellen Bildungssystem realisiert sich Leistung allerdings stark durch Konkurrenz zwischen den Kindern und Jugendlichen. Ein inklusives Schulsystem würde Gemeinschaftsbildung und Solidarität anstelle von Konkurrenz und Hierarchie verfolgen. Leistung muss nicht Wettbewerb sein.

Wenn man von der umfassenden Umgestaltung des Bildungssystems absieht – was bräuchten Bildungseinrichtungen, um die politischen Ansprüche und Forderungen zu erfüllen?
Sie bräuchten vor allem den Mut, die politischen Vorgaben nicht zu erfüllen! Sondern aus ihrer Erfahrung und ihrem Wissen heraus pädagogisch sinnvoll zu handeln. Ein Kind wird nicht dadurch besser gefördert, dass die Lehrerinnen und Lehrer regelmäßig Förderpläne schreiben. Vielmehr müssten die Schulen von Verwaltungsauflagen entlastet werden. Auf Seiten der Kitas ist der Druck der Schulen ein Problem, die sich möglichst „schulfitte“ Erstklässler wünschen – was immer das sein mag. Aber die Aufgabe der Kitas ist es nicht, Kinder fit für die Schule zu machen. Sondern sie zu stärken, Selbstbewusstsein zu vermitteln und ihnen drei entspannte Kindergartenjahre zu ermöglichen. Der Druck kommt früh genug. Aber kaum eine Kita traut sich, diesen Standpunkt zu vertreten. Wir brauchen eine Reautonomisierung der Pädagogik.

In NRW wurden in den letzten Jahren zahlreiche Förderschulen geschlossen und behinderte und nicht-behinderte Kinder zusammen unterrichtet. Die neue schwarzgelbe Landesregierung möchte nun möglichst viele Förderschulen erhalten. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?
Förderschulen halte ich für eine Sackgasse. Denn diese Schulform stigmatisiert: Sie ist verantwortlich für die Unterscheidung zwischen Kindern, die den Anforderungen genügen, und denen, die es nicht tun – und infolgedessen aus dem System Regelschule herausfallen. Außerdem vermittelt dieses System den Eindruck, man könne die Kinder ganz klar der einen oder anderen Schulform zuordnen. Aber viele Eltern finden für ihre Kinder unter den zehn Förderschultypen nicht die exakt passende. Auch darum wäre es logischer, eine Schule zu haben, die für alle Kinder geeignet ist. Zudem entstehen durch die Förderschulen Parallelwelten. Die Kinder dort haben mit den Kindern auf der Regelschule nichts zu tun – auch nicht in der Freizeit.

Wenn Schulen und Kitas auch Schülerinnen und Schüler mit Beeinträchtigungen aufnehmen sollen, dann heißt es oft: Wir brauchen mehr Geld. Stimmen Sie damit überein?
Das würde es sicher einfacher machen. Man könnte etwa mehr flächendeckende Fortbildung anbieten. Aber Berechnungen belegen, dass vor allem die Aufrechterhaltung zweier Parallelsysteme Kosten verursacht. Dass in Bildung mehr Geld investiert werden müsste, ist keine Frage, dennoch sind die Kosten nicht die ausschlaggebende Hürde zur Veränderung des Bildungssystems. Hier geht es um Fragen der Wertigkeit; was ist zum Beispiel soziale Arbeit an Schulen (auch finanziell) wert? Die inklusive Bildung soll für alle Schülerinnen und Schüler in unserem Schulsystem ein Menschenrecht einlösen. Die Behindertenrechtskonvention, die die Forderung nach Inklusion prominent gemacht hat, wurde nicht von oben, sondern von unten initiiert: Behinderte Menschen forderten ihr Recht auf uneingeschränkte Teilhabe ein. Das muss ernst genommen werden. Für das Schulsystem könnte es die Chance bedeuten, eingefahrene Selbstverständlichkeiten, Normierungen, Erwartungen, Vorgaben zu hinterfragen und einen Neuanfang zu finden, der die Bedingungen an die Kinder anpasst – und nicht umgekehrt. Leider wird stattdessen versucht, die Forderungen einem System anzupassen, das diesen nicht gerecht werden kann.

Interview: Christian Sander

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Index für Inklusion. Ein Leitfaden für Schulentwicklung.

Der Index für Inklusion ist ein Leitfaden zur Schulentwicklung, mit dem sich Bildungseinrichtungen möglichst unabhängig und selbstständig auf den Weg zur Inklusion machen können. Das 2000 erstmals in England erschienene Buch wurde von Prof. Dr. Andrea Platte gemeinsam mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus Deutschland, Österreich und der Schweiz übersetzt und an das deutschsprachige Bildungssystem angepasst. Das zentrale Element des Index sind über 500 Ja-Nein-Fragen, die als Anstoß zur Reflexion dienen.

Bruno Achermann, Donja Amirpur, Maria-Luise Braunsteiner, Heidrun Demo, Elisabeth Plate, Andrea Platte (Hrsg.) (2016)

Inklusive Momente. Unwahrscheinlichen Bildungsprozessen auf der Spur.

Auf ihrer Suche nach inklusiven Momenten haben sie Beobachtungen von Spiel-, Lern- und Begegnungsprozessen zusammengetragen, die in unserem exklusiven Bildungssystem eher unwahrscheinlich und unüblich sind – solidarische, unwissende, trotzige, nicht perfekte oder riskante Momente. Die Beobachtungen im Kleinen sollen Anstöße zu Reflexionen und damit Hinweise auf eine mögliche inklusive Bildungsgestaltung „im Großen“ geben.

Andrea Platte, Franz Krönig (2017)

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