Diversitätsgerechtes Lehren und Lernen

Frank Linde (Bild: Thilo Schmülgen/FH Köln)

Mit Enhance IDM!, einem von der EU über Erasmus+ finanzierten, internationalen Projekt, möchten vier Hochschulen das Thema Diversität stärker in die Curricula der Studiengänge einbringen.

Neben unserer Hochschule sind das die FH Oberösterreich, die Birmingham City University und die Laurea University of Applied Sciences in Finnland. Warum das Projekt vor allem die StudiengangsleiterInnen ansprechen möchte, erklärt Dr. Frank Linde, Professor für Informationsökonomie und Experte für Diversitätsgerechtes Lehren und Lernen.

Warum ist es wichtig, dass sich die Studiengänge noch stärker der Diversität zuwenden?
Vor dem Hintergrund der neuen Lehrkonzepte erlebe ich tatsächlich bei einigen Lehrenden die Reaktion „auch das noch“. Aber es ist nun mal keine Überraschung, dass Menschen sehr verschieden sind. Wenn man die Durchfallquoten in Prüfungen oder die Zahl der Studienabbrecher senken will, macht es Sinn, diese Unterschiede zu berücksichtigen. In den englischsprachigen Ländern wird das bereits sehr intensiv angegangen. Bei Enhance IDM (Enhanced Programme Leadership for Inclusion and Diversity Management in Higher Education)! wollen wir schauen, wo es innerhalb der Studiengänge Ansatzpunkte zur Verbesserung der Studierbarkeit gibt, um sie diversitätsgerechter zu machen.

Was ist denn alles Diversität?
Ich finde es problematisch, dass Diversität oft kategorial gesehen wird: Neben dem Geschlecht, der Herkunft oder selbst bei der Haarfarbe lassen sich ganz viele Unterschiede festmachen. Das ist aber nicht zielführend. Entscheidend ist, welche Unterschiede relevant sind für die Situation, in der ich mich befinde. In einer Lernsituation stellt sich demnach die Frage, was hinderlich ist für einen guten Lernfortschritt. Da macht es wenig Sinn, Kategorien in den Vordergrund zu stellen und dann zum Beispiel nur nach entsprechenden Lehrempfehlungen zu suchen für Menschen mit Migrationshintergrund oder Frauen im Maschinenbaustudium. Diese gibt es zwar teilweise schon, aber damit nimmt man eine defizitorientierte Perspektive auf eine selbst festgelegte Minderheit ein. Ich propagiere daher einen Mehrebenenansatz: Studierende wollen erst mal als Studierende gesehen und nicht aufgeteilt werden nach einzelnen Merkmalsgruppen.  Parallel schaut man aber dennoch, welche Gruppenzugehörigkeiten evtl. Schwierigkeiten bergen könnten. Zum Beispiel, wenn gerade Ramadan ist, könnte durch das Fasten die Leistungsfähigkeit herabgesetzt sein. Das sollte man ansprechen und schauen, ob sich daraus Angebote ergeben, die man – und das ist wichtig – dann allen Studierenden macht. Auf der untersten Ebene widmet man sich dann der oder dem einzelnen Studierenden, und bei denen man ebenfalls schauen kann, wie man ihnen individuell zu einem guten Lernerfolg verhilft.

Auf welchem Weg ist die Hochschule zurzeit?
Ganz herausragend ist die Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften, die vor einigen Jahren einen inklusiven Fakultätsentwicklungsplan auf die Beine gestellt hat. Es ist toll zu sehen, wie die Kolleginnen und Kollegen miteinander arbeiten und  die Studierenden unterstützen, damit sie gut durchs Studium kommen. Das ist sehr aufgeklärt und fortschrittlich. Auf hochschulstrategischer Ebene haben wir ja bereits eine gute Tradition über das Stifterverbandsprogramm „Educational Diversity“ und über das KomDim-Projekt, das wir gemeinsam mit der Universität Duisburg-Essen entwickelt haben. Im Leitbild der Hochschule ist die Heterogenität der Studierenden explizit angesprochen. Natürlich habe ich keinen Einblick in alle unserer Studiengänge. Aber ich nehme an vielen Stellen wahr, dass man dort, wo man versucht die Qualität der Lehre zu adressieren, sich parallel auch immer mehr fragt, wie man unterschiedliche Studierende ansprechen und unterstützen kann.

Sie wenden sich mit Enhance IDM! gezielt an StudiengangsleiterInnen. Warum?
Weil sie eine Multiplikatorenfunktion haben, die Curriculums-Entwicklungsprozesse mitbegleiten oder oft Modulbeauftragte sind und insgesamt stärkeren Einfluss auf Kolleginnen und Kollegen haben. Diesen Personenkreis wollen wir im ersten Schritt sensibilisieren und für sie Bildungsangebote aufbauen.

Welche Angebote sind das?
Wir werden verschiedene web-basierte Trainings anbieten, die typische Situationen erlebbar machen und Entscheidungsmöglichkeiten anbieten. Außerdem wollen wir eine Toolbox mit Lehr- und Moderationsmethoden aufbauen, die einen besonderen Blick auf Diversität haben. Das Ganze soll zusammengeführt werden in einem Blended-Learning-Angebot, also einer Präsenzphase mit einem Training und eigenständigen Lernmodulen, die sich später aber an alle Lehrenden richten werden. Für das Training, das ich gerade konzipiere, wollen wir im Mai 2019 von jeder Hochschule vier StudiengangsleiterInnen einladen. Wer daran also Interesse hat, kann sich gerne bei mir melden.

Gibt es noch weitere Möglichkeiten für Lehrende, sich am Projekt zu beteiligen?
Durchaus. Wir suchen StudiengangsleiterInnen, die das Projekt als eine Art Board of Advisors begleiten, über die Trainingstools schauen und prüfen, ob sich die Fragestellungen auch tatsächlich eignen. Wir haben außerdem gerade eine Befragung an alle StudiengangsleiterInnen gestartet, welche Themen für sie für die Weiterbildung relevant und welche besonders wichtig sind.

Bedeutet Diversität in der Lehre auch langfristig einen Mehraufwand für die Lehrenden?
Es ist ähnlich wie beim Thema Digitalisierung. Man muss erst mal verstehen worum es geht und sich damit beschäftigend, was natürlich einen gewissen Aufwand erfordert. Ebenso wie die anschließende Umsetzung. Hinter der Digitalisierung steckt ja immer auch die Verheißung, dass sich durch die Automatisierung der Mehraufwand später aufhebt – was ich aber nicht so recht glaube. Bei der Diversität, würde ich sagen, bleibt der Mehraufwand, weil man lernt, differenzierter zu sehen und dann mehr Studierenden gerecht werden möchte. Ich denke, Diversität wird selbstverständlicher, aber die Lehre dadurch  auch intensiver, weil sie ein anderer Prozess werden wird.

Text: Monika Probst

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