Auslandssemester in Zeiten der Corona-Krise

Blick aufs Meer (Bild: H Coskun)

Zu Beginn des Sommersemesters brachte das Corona-Virus den Hochschulalltag weltweit ziemlich durcheinander. Mobilitäten ins Ausland oder zur TH Köln wurden verschoben, abgebrochen, zurückgezogen oder ganz abgesagt. Nur wenige Studierende wagten trotzdem den Schritt ins Ausland und berichten uns von ihren Erfahrungen.

Özcan*, Halit, und Bülent* (*Namen auf Wunsch geändert) studieren Fahrzeugtechnik/Maschinenbau an der TH Köln. Sie haben sich dazu entschlossen, den Schritt ins Ausland zu wagen und sich für ein Erasmussemester an unserer Partnerhochschule İstanbul Teknik Üniversitesi (ITÜ) entschieden.
Niemand von Ihnen hätte ahnen können, dass ihnen dieses Auslandssemester auf eine ganz besondere Art und Weise in Erinnerung bleiben würde. Die 3 Studenten sind trotz der Covid-19 Pandemie in Istanbul geblieben und folgen den Onlinekursen der Gastuniversität von Zuhause aus. Wie es ihnen geht, erzählen Sie im Interview mit Jennifer Hartmann vom Referat für Internationale Angelegenheiten.

Wie geht es Ihnen zurzeit?

Halit: Uns geht es gut. Danke der Nachfrage.

Wie sieht Ihr derzeitiger Studienalltag aus?

Halit: Diese Frage ist schwierig zu beantworten, da der Studienalltag zurzeit schlecht zu vergleichen ist, da in der Türkei sehr harte Maßnahmen getroffen wurden, um die Corona Krise zu bekämpfen! Fünf meiner Kommilitonen und ich sind zusammen hierhergekommen, um schöne Erfahrungen zu sammeln, doch wegen der Online-Vorlesungen sind unsere Pläne geplatzt. Meistens gab es von Donnerstag bis Montag eine Ausgangssperre, somit mussten wir zuhause bleiben und konnten nichts von der Stadt oder Universität sehen. […] Leider sah unser Alltag hier in Istanbul immer gleich aus. Wir hatten montags bis freitags von meistens 09:00 bis 17:00 Online Vorlesungen, zusätzlich hatten wir Hausaufgaben auf, Projekte in Gruppenarbeiten und die Vorbereitung zu den Prüfungen, die eigentlich ab Ende Mai beginnen sollten. Jedoch wurde die Semesterzeit bis zum 26.06.2020 um einen Monat verlängert und somit auch die Prüfungszeit bis Anfang August.

Warum haben Sie sich speziell für die ITÜ entschieden?

Bülent: Die ITÜ ist eine weltweit renommierte Universität und zugleich in einer der schönsten Städte auf diesem Planeten gelegen. Allein das war schon Grund genug, mich für diese Uni zu entscheiden. Aber auch die Sprache hat meine Entscheidung vereinfacht, da ich Türkisch als Muttersprache spreche und daher auch keine Kommunikationsprobleme haben würde. Das dachte ich zumindest, bis ich in Istanbul war, da ein großer Unterschied zwischen meinem gesprochenen Türkisch und dem hier verwendeten Türkisch war. Mein Wortschatz ist nicht ausreichend genug. Das habe ich durch die Vorlesungsfolien und die Telefonate, die ich hier manchmal führen musste, bemerkt.

Halit: Die ITÜ ist eine sehr hoch angesehene Universität der Türkei, bei der nur ausgewählte Personen mit sehr guten Noten angenommen werden. Von meiner Familie, Umfeld und Freunden hatte ich oftmals Gutes über die ITÜ gehört und hatte einen Traum, mein Auslandssemester dort zu absolvieren. Dank des Erasmus-Teams gelang es mir, meine Erfahrungen hier zu sammeln. Da die ITÜ eine technische Universität ist und ich Ingenieurwissenschaften im Bereich Fahrzeugtechnik studiere, war dies ein passendes Angebot. Zusätzlich kommt diese Erfahrung im späteren Arbeitsleben bzw. im Lebenslauf sehr gut rüber!

Laptop online Mit dem Laptop online Vorlesungen folgen (Bild: Jörg Schmitz-Michiels)

Haben Sie noch normale Vorlesungen mitbekommen? Und wie genau wurden die Onlinevorlesungen aufgebaut?

Özcan: Vom „normalen“ Präsenz-Unterricht und der Art und Weise, wie die Lehrenden den Lernenden den Lernstoff beibringen, ist nicht viel bei mir beziehungsweise uns angekommen, da nach unserer Ankunft sofort auf Online-Vorlesungen umgestellt wurde. Und bei Online-Vorlesungen gibt es jetzt nicht viel Kreatives zu erzählen, außer, dass die Professoren*innen einen trockenen Frontal-Unterricht durchführen.

Halit: Wir hatten keine Präsenz-Veranstaltung. In unseren Plänen war es, unser Türkisch weiter zu verbessern, doch wegen den Online-Vorlesungen wurden die Veranstaltungen umstrukturiert, sodass wir manche Kurse überhaupt nicht besuchen, mit anderen Menschen unterhalten oder im Türkisch-Kurs unsere Sprache aufbessern konnten. Aus diesem Grund verlor ich die Gelegenheit, bei manchen Kursen alles mitzukriegen, da diese nicht mehr angeboten wurden. Da die Online-Vorlesungen schnell vorgetragen werden, um die Termine nicht zu überziehen, gelang es mir nicht, alles zu verstehen und meine Fragen wurden auf das Ende der Vorlesungen verschoben. Wenn auch andere Kommilitonen Fragen hatten gelang es manchen Professoren es nicht, auf alle Fragen einzugehen.

Wie beeinflusst die Corona-Pandemie derzeit Ihren Studienalltag? Was läuft gut/schlecht?

Özcan: Eigentlich gibt es nicht viel Positives über die Lage zu berichten. Die negativen Aspekte haben wir bereits erwähnt. Das einzig Positive ist, dass man sich nicht morgens bereit machen muss für den Weg zur Schule, aber sogar das vermisst man mittlerweile.

In Deutschland wurde viel über finanzielle Hilfe für Studierende diskutiert, hätten Sie ebenfalls mehr finanzielle Unterstützung benötigt?

Halit: Ich persönlich habe eine Unterstützung aus dem Erasmus-Programm erhalten, jedoch muss ich zugeben, dass diese Unterstützung nicht ausreichend war. Ich empfehle jedem Studierenden, der einen Auslandsaufenthalt plant, mehr Geld anzusparen, denn bei dieser Corona-Krise musste ich viel mehr Geld ausgeben als geplant. Das Essen in der Mensa was kostengünstig angeboten worden wäre, konnte ich nicht nutzen, stattdessen musste ich oft von außerhalb mein Essen bestellen, mehr Lebensmittel einkaufen, um Zuhause zu kochen und auch viel mehr Nebenkosten zahlen, da man Zuhause mehr Zeit verbringt. Wenn man, wie ich, zusätzlich Probleme mit dem Flug hat, sodass man neue Tickets kaufen muss oder die Banken hohe Gebühren anfordern, um Geld abzuheben und die Lebensmittel wegen einer Krise preislich steigen ist es natürlich nicht angenehm.

Was nehmen Sie aus der Zeit im Ausland mit?

Özcan: Aus dem Auslandssemester nehme ich mit, dass nicht immer alles nach Plan läuft und man sich im Leben mit den verschiedensten Situationen konfrontiert. Diese tragen immer zur persönlichen Weiterentwicklung bei, denn negative Erfahrungen sind auch letztendlich Lebenserfahrungen, die man im Leben gemacht haben muss, um etwas daraus zu lernen. Daher haben wir uns auch entschieden weiterhin hier zu bleiben.

Warum würden sie jedem anderen Studierenden empfehlen, ebenfalls ein Auslandssemester zu absolvieren?

Halit: Unter normalen Umständen würde es für jeden ein Traum sein, in einer über 16 Millionen Metropole eine gewisse Zeit zu leben und sich mit vielen verschiedenen Menschen, Orten und auch Kulturen auseinanderzusetzen. Hierbei lernt man, selbstständig mit eigener Verantwortung zu leben. Mit dieser Erfahrung steht man mit zwei Beinen im Leben und kann sich für die Zukunft vorstellen, ob man im Ausland leben oder arbeiten möchte.

Özcan: Aufgrund der aktuellen Situationen würde ich es keinem explizit empfehlen, doch unter „normalen“ Umständen ist es - und da bin ich mir zu 100% sicher - eine Gelegenheit, die man sich nicht entgehen lassen sollte. Man wird wahrscheinlich in seinem Leben nie wieder einen Zeitpunkt haben, zu dem man für ein halbes Jahr in ein anderes Land reisen darf und dabei finanziell tatkräftig vom Erasmus-Programm unterstützt wird.
Reist in ein anderes Land, lernt dabei die Kultur und Lebensweise kennen und seht einiges von der Welt!

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