Bewegte Zeiten – Berufung zwischen Transfer und Transformation

Wie erleben wir Zeit? Stets getaktet und fragmentiert? Oder fließend? Als immer zu knapp und gegen uns gerichtet – wir im Wettlauf mit der Zeit? Oder als wohlwollend – die Zeit auf unserer Seite?

Das waren einige der Fragen, mit denen die Promovierenden und Postdocs des Karriereentwicklungsprogramms „Karriere hoch 3“ gemeinsam mit Prof. Dr. Dr. Oliver Reis von der Universität Paderborn ihre Beschäftigung mit Zeit, Rollen und der Berufung zwischen Transfer und Transformation einleiteten.

Unser Erleben von Zeit ist historisch gewachsen. Dass wir in Zeiteinheiten denken, in die wir (so gut wie) all unsere Zeit aufteilen, ist nicht etwa gegeben, sondern – mit der Zeit – erst geworden. Prof. Reis machte klar: Mit dem Beginn des Messens, Einteilens und Markierens von Zeit ist diese knapp geworden. Menschen eilen seither von einer Zeiteinheit zur nächsten. Und jede Zeiteinheit hat ihre eigenen Anforderungen: Sie will etwas von uns, will gefüllt, will möglichst effizient genutzt werden. Das wiederum erfordert Zeitorganisation, verstanden als die Planung und Steuerung der eigenen Zeit, damit Aufgaben effizient erledigt, Ziele erreicht und die eigene Produktivität gesteigert werden können.

Dass Zeit ein wertvolles Gut ist, zeigten auch die exemplarischen Wochenpläne der Teilnehmenden des K³-Programms. Große Blöcke an Zeit für die Arbeit beim Praxispartner, weitere für die TH Köln. Darum herum: Care-Arbeit, ehrenamtliches Engagement, Sport, Regeneration, Zeit mit Freund*innen. Wo bleibt eigentlich Zeit für Ich- und Wir-Zeit im Privaten? Darf diese auch einmal in die Mitte des Tages rücken oder muss sie sich stets um die Arbeit herum arrangieren? Wann entstehen Stress und Druck? Wie kleinteilig muss die eigene Zeit aufgeteilt werden, um möglichst viele Anforderungen zu erfüllen? Diese Fragen reflektierten die Teilnehmenden zusammen mit Prof. Reis.

Im Anschluss erkundeten die Teilnehmenden die verschiedenen Rollen, die sie in ihrem ganz individuellen Konstrukt aus Arbeit für die TH Köln und für den Praxispartner sowie abseits des Arbeitskontexts einnehmen. Rollen – wie etwa Postdoc, Geldverdienende oder Elternteil – werden als die Gesamtheit der Erwartungen und Verhaltensweisen verstanden, die an eine soziale Position gerichtet sind. Sie sind flexibel und situationsabhängig. So reflektierten die Teilnehmenden, in welchen Zeiten sie in ihrem Handeln ihrer Initiative folgen können, wann sie Rollen übernehmen, mit denen bestimmte Konventionen und Haltungen einhergehen, und wann sie diese wechselseitigen Beziehungen im Sinne eines Mead’schen Self zu integrieren vermögen.

Bei all diesen Überlegungen wurde klar: Transformation – verstanden als radikale strukturelle Veränderungen in komplexen Systemen und damit als mutiges Infragestellen des bisher Gekannten zugunsten eines umfassenden, gesamtgesellschaftlichen Wandels in Richtung Nachhaltigkeit – braucht Zeit und Freiraum. Menschen haben nicht die nötigen mentalen und zeitlichen Kapazitäten, zieloffen an die großen gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit heranzugehen und die Zusammenarbeit von Wissenschaft und Gesellschaft voranzutreiben, wenn sich die zahlreichen – teils konvergierenden – Anforderungen an ihre Terminkalender kaum noch in Einklang bringen lassen. Neben der (inneren) Verpflichtung zu beruflicher und gesellschaftlicher Verantwortung braucht es aber auch Zeit für Erholung und Selbstentfaltung und nicht zuletzt zwecklose Zeit; Zeit des Daseins statt des Tuns. Die Wochenübersichten der Teilnehmenden offenbarten bereits an vielen Stellen Momente des Transfers: Gelegenheiten, in denen Potenziale, Fähigkeiten, Arbeitsweisen und Inhalte der einen Sphäre bereits auf eine andere übertragen werden und in denen Synergien entstehen. Wie verschiedene Sphären im Sinne der Transformation in einen fruchtbaren, wechselseitigen Dialog treten und sich gegenseitig irritieren, herausfordern und bereichern können – das bleibt weiterhin zu entdecken.

Februar 2026

Ein Beitrag von

Dr. Lavinia Kamphausen

Team Hochschuldidaktik


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