Kioske sind soziales Bindemittel

Kioske sind aus dem Kölner Stadtbild nicht wegzudenken. Prof. Marco Hemmerling von der Fakultät für Architektur hat sich mit dem Phänomen befasst und das Buch „Kiosk Parcours“ mitherausgegeben. Wir haben ihn interviewt.

Oldies but Goldies: „Am Bickendorfer Büdchen“ und „Kaffeebud“ sind Oden an den Kölner Kiosk. Mit geschätzten 1.000 Büdchen gilt Köln als Deutschlands Kiosk-Hauptstadt. Warum sie aus dem Stadtbild nicht wegzudenken sind und welche Funktion sie für die Stadtentwicklung haben, beschreibt Prof. Marco Hemmerling von der Fakultät für Architektur. Er hat das Buch „Kiosk Parcours“ mitherausgegeben.

Prof. Marco Hemmerling Prof. Marco Hemmerling (Bild: privat)

Herr Hemmerling, haben Sie einen Stammkiosk?
Mein Lieblingskiosk befindet sich in der Südstadt und war für mich einer der ersten Anlaufpunkte als ich vor 12 Jahren nach Köln gezogen bin. Brigittes Büdchen kommt recht unscheinbar daher, ist aber seit Jahrzehnten eine Instanz und Treffpunkt für die Bewohner im Veedel. Der Kiosk lebt von der offenen, warmherzigen Atmosphäre und der vielfältigen Klientel, die man dort trifft.

Das Büdchen stand allerdings im letzten Jahr schon kurz vor der Schließung. Spontan hat sich eine Gruppe aus der Nachbarschaft zusammengefunden und eine Rettungsaktion ins Leben gerufen. Mit einem Renovierungs-Sparschwein im Kiosk, einer eigenen Facebook-Seite und dem Büdchen-Bier-Gewinnspiel sollte der Traditions-Kiosk wieder auf die Beine kommen. Bis ins Radio und die Lokalzeitung hat es die Aktion geschafft. Unter #Büdchenliebe kann man die weitere Entwicklung verfolgen oder am besten direkt bei Brigitte in der Merowinger Straße vorbeischauen. Zwei Straßen weiter musste ein angestammter Kiosk schließen. Heute ist dort ein Pilates-Studio eingezogen.

Kioske sind aus dem Kölner Stadtbild nicht wegzudenken. Was zeichnet sie aus?
Jeder Kiosk hat sein spezielles auf die Kunden ausgerichtetes Angebot. Neben den Standards wie Zigaretten, Getränke, Zeitungen und Süßigkeiten gehören Spezialprodukte wie Backwaren, Kaffeespezialitäten und besondere Markenwaren sowie erweiterte Dienstleistungen, wie Internetzugang, Paketservice, Lottoannahme und Schlüsseldienst dazu. Vor allem aber wirkt die Person hinter der Theke prägend auf die Identität des Kiosks. Es gehört zum Leben eines Kioskbesitzers, sich die Geschichten aus dem Alltag der Kunden anzuhören - ein Ohr zu haben für die Wünsche und Sorgen der Menschen. Dies schafft Vertrautheit in einem oft anonymen städtischen Kontext. Der Besuch des Kiosks bleibt unverbindlich und ist trotzdem persönlich. Vor dem Kiosk sind alle gleich. Hier gibt es weder sichtbare noch unsichtbare Schwellen für unterschiedliche Milieus. Jeder ist willkommen und kann Teil dieser losen Gemeinschaft werden, unabhängig von Herkunft, Alter, Geschlecht oder Einkommen. Es entstehen im besten Sinne temporäre Wahlverwandtschaften.

Welchen Einfluss haben die Büdchen auf das architektonische Gesicht Kölns?
Kioske gibt es in verschiedenen Stilen, Farben und Formen. Sie tauchen in unterschiedlichen Kontexten auf: Mal freistehend als Pavillon, mal angeschmiegt an ein bestehendes Gebäude, als Ladenlokal oder auch nur als Fenster in einer Hauswand im städtischen Straßenzug. Häufig ergänzt mit allerlei provisorischen Anbauten, Schildern, Markisen und Leuchtreklamen und der Einnahme des Stadtraumes vor dem eigentlichen Kiosk.

Diesen sonderbaren Ein-Raum-Verkaufsstätten liegt kein erkennbares architektonisches oder gestalterisches Konzept zu Grunde. Alles ist auf Zweckmäßigkeit und maximale Aufmerksamkeit ausgerichtet. Und doch bilden Sie, trotz ihrer großen Diversität, einen leicht wiedererkennbaren Typus in der Stadt: als ein ungeschöntes, ehrliches Phänomen des urbanen Alltags sind sie in ihrer Ausprägung ein Gegenentwurf zu Design und Trend und somit zeitlos. Gleichzeitig passen sich Kioske ihrer räumlichen und sozialen Umgebung optimal an. Und diese Anpassungsfähigkeit ist vermutlich das entscheidende Kriterium für ihre Akzeptanz und Überlebensfähigkeit in einem dynamischen urbanen Kontext.

Insofern erzeugt der Kiosk ein verdichtetes Abbild der Stadtgesellschaft und einen Raum des urbanen Austauschs. Zufall und Offenheit statt Planung und Abgrenzung. Diese integrative Rolle des Kiosks steht für einen situativen Urbanismus, den man in unserer individualisierten Digitalmoderne nur noch sehr selten findet: Als Möglichkeitsraum und Bühne städtischen Lebens.

Einerseits ist öfters vom Kiosksterben die Rede, die Gastronomie sieht die Büdchen dagegen als Konkurrenz. Warum sind die Büdchen für die Stadtentwicklung wichtig?
Trotz der allgegenwärtigen Präsenz scheint die Kiosk Kultur bedroht. Besonders die verlängerten Öffnungszeiten der Supermärkte und die steigenden Mietkosten machen den Kioskbetreibern seit einigen Jahren zu schaffen. Der Kiosk ist ein Einzelhandelsbetrieb und unterliegt somit den Ladenöffnungsgesetzen. Konzessionen werden von den jeweiligen Kommunen vergeben. Die Kioskbetreiber dürfen während der Ladenöffnungszeiten ihre Waren an jedermann über die Straße verkaufen. Allerdings dürfen bei dieser Betriebsart keine Getränke ausgeschenkt werden.  Denn damit würde der Kioskbetreiber zum längeren Verweilen einladen und müsste Gästetoiletten nachweisen. Das Aufstellen von Tischen, Bänken und Stühlen ist zudem untersagt. Soweit die Theorie. Trotz aller Gesetze und Verbote fällt auf, dass vor Ort vieles umgangen, vergessen oder nicht so genau genommen wird. So findet man diverse Sitzgelegenheiten und trifft die Kioskgänger gesellig beim Bier am Büdchenfenster. Wenig verwunderlich also, dass die Mitarbeiter des Ordnungsamts nicht zu den gern gesehenen Gästen am Kiosk gehören. Auf der anderen Seite wird vieles toleriert. Man schaut nicht so genau hin.

Diese doch recht zwiespältige Situation trägt ganz wesentlich zur Identität der Kioske bei. Sie bewegen sich ein Stück weit in der Grauzone und man bekommt bei näherer Betrachtung das Gefühl, dass sich hier ein fragiles Gleichgewicht eingestellt hat. Der Bedeutung von Kiosken für die Bildung von Nachbarschaften steht ein Kontrollsystem entgegen, das eben diese besondere Qualität wiederum einschränkt. Die Städte sind aufgefordert hier aktiv zu werden und einen gelingenden Rahmen für diese Orte des städtischen Lebens zu schaffen. Denn Kioske sind weit mehr als nur Verkaufsstätten. Sie übernehmen Quartiersfunktionen und bieten eine Bühne für den öffentlichen Diskurs. Als spontane Treffpunkte, unvermittelte Orte des Austauschs und Transitzonen sind sie mehrdimensional und nie gleich.

Welche Zukunft prognostizieren Sie der Kiosk-Kultur?
Kioske scheinen in der Tat ein wenig aus der Zeit gefallen zu sein. Als Teil der urbanen Realität sind sie aber weiterhin wichtige Kraftorte. Sie bringen Nachbarn zusammen, haben immer das Notwendige auf Vorrat, laden zum Verweilen und Diskutieren ein und stiften Identität. Kioske sind somit Teil des sozialen Bindemittels einer Stadt und wirken als Schnittstelle unterschiedlicher Milieus. Insofern bleibt Ihre Bedeutung auch zukünftig wichtig.

Neben den alteingesessenen Kiosk-Urgesteinen, die ihr Büdchen bereits seit mehreren Jahrzehnten betreiben, finden sich auch junge und engagierte Kioskbesitzer, die mit eigenen Konzepten frischen Wind in die Kiosklandschaft bringen. So erweitert sich das klassische Warenangebot hin zu kulinarischen Besonderheiten, wie italienischem Espresso oder veganen Speisen. Darüber hinaus entstehen neue Formate, die mit innovativem Corporate Design, Co-Working-Plätzen und digitalen Angeboten – von der Internetpräsenz bis zur Kiosk-App – dem Büdchen ein zeitgemäßes Erscheinungsbild verleihen.

Als Teil der Kölner Stadtromantik wirken die Kioske weiterhin in andere Bereiche des städtischen Lebens hinein und sind oft Gegenstand oder Ort kultureller Veranstaltungen. Neben Kiosk-Konzerten, Ausstellungen und Lesungen gibt es mittlerweile auch Stadtführungen, die dem Phänomen „Kiosk“ nachspüren. Letztendlich entscheiden wir selbst, ob die Kioske überleben oder nicht. Ein Besuch lohnt sich immer, denn der Kiosk inspiriert und bereichert. Den echten Büdchenzauber erlebt man eben nur, wenn man sich auf den Weg zum nächsten Kiosk macht!

11. Februar 2019

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