Open Access: Das graphische Werk des Renaissancekünstlers Lucas Cranach
Mit 300 Zeichnungen und 600 druckgraphischen Werken einschließlich 2.700 Abzügen legt das Cranach Digital Archive erstmals ein Verzeichnis zum gesamten graphischen Werk Lucas Cranachs des Älteren, seiner Söhne und der Werkstatt mit umfangreichen neuen Forschungsergebnissen vor.
Im Rahmen des von 2023 bis 2026 durch die DFG und die Ernst von Siemens Kunststiftung geförderten Forschungsprojektes konnten über 300 Zeichnungen und 600 druckgraphische Werke der Cranach-Familie in ihren verschiedenen Druckzuständen und Ausgaben mit mehr als 2.700 Abzügen erstmals mit Hilfe eines interdisziplinären Ansatzes, der die Felder Kunstgeschichte, Kunsttechnologie, Konservierungswissenschaft und Informatik vereint, systematisch erschlossen und im cda frei zugänglich gemacht werden. Mit diesem Vorhaben wurden die methodischen, strukturbildenden und inhaltlichen Voraussetzungen geschaffen, um in den nächsten Jahren eine Vervollständigung zu ermöglichen.
Digitalisierung und Erschließung
In 36 Projektmonaten besuchte das Team 25 graphische Sammlungen in Bautzen, Dessau, Leipzig, Düsseldorf, Erlangen, Frankfurt/M., Göttingen, Heidelberg, Hannover, Nürnberg, Wittenberg (Lutherhaus, Cranach-Stiftung, Reformationsgeschichtliche Forschungsbibliothek), Wolfenbüttel, Gotha, Basel, Bern, Weimar und Coburg (Kunstsammlung der Veste, Landesbibliothek), Braunschweig, Berlin, Paris (Louvre, Bibliothèque nationale) und Dresden und insgesamt 320 Zeichnungen und malerische Studien auf Papier sowie 2.200 druckgraphische Abzüge hochauflösend fotografisch im Auflicht, Durchlicht und Streiflicht dokumentieren, Metadaten erheben sowie größtenteils unter Anwendung weiterer bildgebender und analytischer Verfahren untersuchen. Aus weiteren graphischen Sammlungen (u.a. Coburg und Wien) wurden Datensätze übernommen. Die Forschungsdaten wurden mittels eines Importprozesses in die Backend-Datenbank TMS überführt, dort weiter aufbereitet sowie anschließend in das cda transferiert. Parallel wurden 35 Zeichnungen und 340 Drucke im Kupferstichkabinett Berlin und 31 Zeichnungen sowie 244 Drucke im Kupferstich-Kabinett Dresden kooperativ kunsttechnologisch untersucht, dokumentiert und anschließend ebenfalls in TMS überführt.
Mit der Erstellung von über 600 Werkdatensätzen, in denen unter Einbeziehung der Archivmaterialien von Armin Kunz und Dieter Koepplin die gesammelten Informationen zu Cranachs druckgraphischen Werken, ihren jeweiligen Zuständen, Auflagen und Besonderheiten kulminieren und mit denen jeder neu digitalisierte und untersuchte Abzug verknüpft wird, konnte die Grundlage für eine bisher nicht erzielte Tiefe der Erschließung, Vergleichbarkeit der Abzüge und präzise Datenstrukturierung im Rahmen eines wissenschaftlichen Werkkatalogs geschaffen werden. Zugleich ließen sich durch die detaillierte Recherche zu den druckgraphischen Werken deutlich mehr für das Projekt relevante Arbeiten identifizieren, als zu Projektbeginn auf Grundlage der Forschungsliteratur absehbar war. Gegenüber den ursprünglich veranschlagten 600 Werken hat sich die Gesamtzahl inzwischen auf über 720 erhöht. Zudem sind in den großen Sammlungen auch mehr Abzüge erhalten als bisher unter Cranach registriert. Daraus ergeben sich Potenziale für ein Folgeprojekt.
Bildgalerie
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Fotografische Dokumentation einer Druckgraphik (Bild: Fotografische Dokumentation einer Druckgraphik)
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Untersuchung eines Altarmodells im Durchlicht (Bild: Foto: Thomas Klinke, Cranach Digital Archive)
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Mikroskopische Untersuchung einer Porträtstudie (Bild: Foto: Daniel Görres, Cranach Digital Archive )
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Workshop im Kupferstich-Kabinett der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (Bild: Foto: Gunnar Heydenreich, Cranach Digital Archive)
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Lucas Cranach der Ältere, „Zwei tote Seidenschwänze“ (um 1530), Zeichnung auf Vergé-Papier, Kupferstich-Kabinett, Staatliche Kunstsammlungen Dresden (Bild: Foto: Maleen Wittich, Staatliche Kunstsammlungen Dresden)
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Werkstatt Lucas Cranach der Ältere, „Grünspecht“ (um 1545), Zeichnung auf Vergé-Papier, Museum Bautzen (Bild: Foto: Thomas Klinke, Cranach Digital Archiv)
Kunsttechnologische Untersuchung
Im Rahmen des Projektes konnten über 260 Zeichnungen und malerische Werke auf Papier sowie über 2.200 druckgraphische Werke (Abzüge) in verschiedenen Sammlungen unter Einsatz der Lichtmikroskopie und weiterer Analyseverfahren vertiefend untersucht und anhand definierter Beschreibungskriterien durch das Kölner Projektteam dokumentiert werden. Infrarotreflektogramme (IRR, 900 – 1700 nm) von über 250 Zeichnungen dienen zusammen mit multispektralen Aufnahmen mit dem PhaseOne MSI System (Multi- und Narrowband) von 100 Zeichnungen und weiteren 80 Werken mit dem Xatra X71 MSI System erstmals der phänomenologischen Klassifizierung verwendeter Materialien, der Identifizierung möglicher Veränderungen im Entstehungsprozess sowie späterer Veränderungen durch Alterung oder Restaurierung. Ergänzend wurden bisher über 200 Zeichnungen und kolorierte Drucke mittels Röntgenfluoreszenzanalyse (RFA) und weitere 50 Werke unter Einsatz der VIS-Spektrometrie untersucht. Erstmals wurden diese Verfahren bei der Analyse der Cranach-Zeichnungen und Druckgraphiken systematisch eingesetzt. Die Auswertung lässt zahlreiche neue Erkenntnisse u.a. zur Datierung und Authentizität sowie ursprünglicher Entstehungszusammenhänge erkennen. Die weitere Erschließung und Auswertung der Forschungsdaten (u.a. Wasserzeichen, MSI) ist in einem Folgeprojekt konzipiert.
Entwicklung der Infrastruktur
Für den reibungslosen Austausch der Daten zwischen den in den Partnerinstitutionen eingesetzten Datenbanksystemen TMS (Düsseldorf), MuseumPlus (Berlin), Daphne (Dresden) und APS (Marburg) wurden Workflows entwickelt, getestet und angepasst. Datenfelder wurden abgestimmt sowie deren inhaltliche Befüllung nach Maßgabe des in Marburg entwickelten LIDO-Anwendungsprofils „Graphik“ und unter Berücksichtigung einschlägiger Fachvokabulare standardisiert, um einen bruchlosen Datenfluss zwischen verschiedenen Datenbankarchitekturen zu ermöglichen. Durch die Verwendung persistent referenzierbarer kontrollierter Fachvokabulare wird die Anschlussfähigkeit der Forschungsdaten an internationale Wissensnetzwerke im Sinne von Linked Open Data, gewährleistet. Die Homogenisierung der Erschließungspraktiken ist eine wichtige strukturbildende Maßnahme über den Rahmen des Cranach-Projekts hinaus.
Die bisherige monolithische Architektur des cda wurde erfolgreich in eine moderne, microservice-orientierte Struktur überführt. Anstelle eines direkten Datenbankimports erzeugt das System nun aus XML-Daten strukturierte, sowohl maschinen- als auch menschenlesbare JSON-Dateien. Diese werden in ElasticSearch indexiert und über eine facettierte Suche bereitgestellt. Die bereitgestellten Daten werden über eine REST-API allen anderen Services zugänglich gemacht. Die Suchoberfläche wurde als eigenständige React-Anwendung realisiert, die mit der API kommuniziert. Die Nutzer:innen können die Daten nach verschiedenen Kriterien filtern, wobei die Trefferanzahl pro Filter angezeigt wird. Die Artefaktseiten werden statisch generiert, was insbesondere für selten veränderte Inhalte eine deutlich bessere Performance sowie eine optimierte Suchmaschinenauffindbarkeit gewährleistet. Das Frontend wurde um neue Komponenten wie Geographical Mapping, Web-VR Ansicht und eine Timeline erweitert. Abbildungen der Druckgraphiken können über die Download-Funktion heruntergeladen werden. So wurde das im Antrag formulierte Ziel einer leistungsfähigen, modular aufgebauten und zukunftsorientierten Benutzeroberfläche erreicht und darüber hinaus erweitert.
Durch die kooperative Forschung unter Anwendung geistes- und naturwissenschaftlicher Methoden und die Bereitstellung der Forschungsdaten in einer leistungsfähigen Infrastruktur ermöglicht es das cda, ein erweitertes Verständnis der Werke, ihrer Entstehung und ihrer Bedeutung zu gewinnen. Die kunsttechnologische Untersuchung von Zeichnungen, Gemälden und druckgraphischen Werken und die systematische Auswertung der Befunde lässt im kontinuierlichen Diskurs mit der kunsthistorischen Forschung in Zukunft weitere Erkenntnisse hinsichtlich der Arbeitsprozesse innerhalb der Cranach-Werkstatt, der Zuschreibung und Datierung, der Funktion und ursprünglichen Zusammenhänge wie auch der medialen Publikationsprozesse und des künstlerischen Austauschs erwarten.
Im Mai 2026 offeriert das cda den freien Zugang zu:
- 2.570 Gemälden und Buchmalereien
- 320 Zeichnungen und malerische Studien
- 640 druckgraphischen Werken mit 3.300 Abzügen
- 1.340 Archivdokumenten
- 38.400 hochauflösenden Abbildungen
- 10.500 Textseiten in Deutsch und Englisch
- 1.110 weiteren pdf-Dokumenten
- 4.800 Literaturnachweisen
- 1.900 Infrarotreflektogrammen
- 800 Röntgenaufnahmen u.v.m.
Projektorganisation
Projektpartner des Forschungsprojektes „Das graphische Werk Lucas Cranachs d. Ä., seiner Söhne und der Werkstatt. Digitalisierung, Erschließung, interdisziplinäre Erforschung und Aufbau einer vernetzten Forschungsressource“ (2023-26): Technische Hochschule Köln; Kunstpalast, Düsseldorf; Digitales Kunst- und Kulturarchiv Düsseldorf; Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin; Deutsches Dokumentationszentrum für Kunstgeschichte – Bildarchiv Foto Marburg an der Philipps-Universität Marburg und das Kupferstich-Kabinett der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden sowie zahlreiche weitere Sammlungen in Deutschland und Europa. Allen Kolleginnen und Kollegen der beteiligten Institutionen gilt unser herzlichster Dank für ihre vielfältige Unterstützung und der Arbeit am gemeinsamen Projekt.
Zum Forschungsprojekt
Juni 2026