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Individuelle Unterstützung für jedes Kind – Durch Kooperation zur erfolgreichen Ganztagsgrundschule

Fast alle Grundschulen in Nordrhein-Westfalen sind als offene Ganztagsschulen (OGS) organisiert. Eine gute Zusammenarbeit zwischen den Lehrerinnen und Lehrern sowie den sozialpädagogischen Fachkräften ist dabei die Voraussetzung für ein qualitativ hochwertiges und ganzheitliches Bildungsangebot. Häufig lernen sich die beiden Professionen allerdings erst im Berufsalltag kennen.

Das hat Nachteile: So fehlt es teilweise an einer gemeinsamen Konzeptentwicklung, Unterricht und außerunterrichtliche Angebote sind zu wenig verknüpft. Um einen fachlichen Austausch beider Professionen bereits in der Ausbildung zu ermöglichen, haben die Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften der Fachhochschule Köln und das Zentrum für schulpraktische Lehrerausbildung (ZfsL) das Projekt „Die offene Ganztagsschule im Primarbereich gemeinsam gestalten“ ins Leben gerufen. Sie werden dabei vom LVR-Landesjugendamt Rheinland unterstützt. Studierende der beiden Bachelorstudiengänge Soziale Arbeit sowie Pädagogik der Kindheit und Familienbildung der Hochschule und Lehramtsanwärterinnen und -anwärter des Kölner Grundschulseminars hospitierten dabei gemeinsam in Ganztagsgrundschulen. Eine Fortsetzung der Kooperation im kommenden Jahr ist geplant.

„Die Ganztagsschule hat einen hohen Bildungs- und Erziehungsanspruch. Wenn die Kooperation zwischen Lehrkräften und sozialpädagogischen Fachkräften gelingt, kann jedes Kind in seiner individuellen Situation unterschiedliche Angebote bekommen, je nachdem welche Unterstützung es benötigt“, erläutert Dr. Gabriele Nordt, Leiterin des Schwerpunktseminars „Lern- und Förderkulturen in der Ganztagsschule“ an der Fachhochschule Köln. In ihrem Seminar setzen sich 20 angehende Sozialpädagoginnen und -pädagogen mit Ansprüchen, Ausgestaltung, Qualität und der Weiterentwicklung des offenen Ganztags auseinander.

Diese Studierenden trafen bei einer Auftaktveranstaltung Mitte März rund 110 Lehramtsanwärterinnen und -anwärter aus dem Seminar für das Lehramt an Grundschulen des ZfsL. Dort sprachen sie über zentrale Themen der offenen Ganztagsgrundschule wie den Bildungsauftrag, die individuelle Förderung oder die Lernzeiten und bereiteten die gemeinsamen Hospitationen vor. Alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer hospitierten in Ganztagsgrundschulen, zum Teil in Tandems von Studierenden und Lehramtsanwärtern. Bei einem Fachtag am 2. April stellten sie ihre Erfahrungsberichte vor und tauschten sich über ihre Eindrücke aus.

Ganztag neu erkundet
„Bei der Präsentation der Erlebnisse auf dem Fachtag ist deutlich geworden, dass alle Beteiligten den Ganztag noch einmal ganz bewusst und neu erkundet haben“, sagt Annette Voß, Leiterin des Grundschulseminars. „Besonders spannend war der Perspektivwechsel – wenn die Teilnehmerinnen und Teilnehmer erfahren haben, was es heißt, in der jeweils anderen Profession im offenen Ganztag zu arbeiten. Da gab es unglaublich viele Ideen, wie Ganztag gelingen kann. Diese Anregungen sind uns sehr wichtig, da sie unsere jungen Lehrerinnen und Lehrer ermutigen, in diesem Sinne pädagogische Konzepte weiterzuentwickeln und den Ganztag produktiv zu nutzen und mitzugestalten.“ Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Seminars befinden sich in der zweiten Phase der Lehrerausbildung, dem 18-monatigen Vorbereitungsdienst. In dieser Zeit erhalten sie eine fachliche und überfachliche Ausbildung in zentralen schulischen Handlungsfeldern, wie beispielsweise Unterrichtsgestaltung, Leistungsdokumentation und -rückmeldung sowie die Zusammenarbeit im System Schule.

Dr. Karin Kleinen, Fachberaterin für die offene Ganztagsschule im Primarbereich und Inklusion in der Jugendförderung beim LVR, begrüßt die neue Kooperation: „Je früher sich die beiden Professionen kennenlernen, umso mehr Barrieren bauen wir ab. Und auch im Schulalltag sind Aktivitäten wichtig, die die Teamentwicklung fördern. Wenn sich die Professionen erst begegnen, wenn eine Krise da ist, werden sie gegeneinander arbeiten. Aber wenn es eine vertrauensvolle Zusammenarbeit auf der Basis gemeinsamer Konzepte gibt, dann werden sie auch die Probleme gemeinsam bewältigen.“

Keine Hierarchien zwischen den Pädagogen
Während des Fachtags zum Abschluss des Kooperationsprojektes stellten vier Kölner Grundschulen Best Practice-Beispiele für den Ganztag vor. Mariekatrin Tigges, Studierende der Sozialen Arbeit, berichtet von den vielen neuen Ideen, die sie während der Veranstaltung erhalten hat: „In einer Schule gibt es beispielsweise eine Wäscheleine, an die Kinder während der Lernzeit eine Klammer mit ihrem Namen hängen können, wenn sie Hilfe brauchen. So ist direkt klar, wer Unterstützung braucht, ohne dass sich eine Schlange vor dem Pult bildet oder die Kinder laut auf sich aufmerksam machen müssen.“ Die Lehramtsanwärterin Kathrin Eberhardt kennt dieses Modell aus der Praxis und ergänzt: „Wenn Lehrer, Sozial- und Sonderpädagogen die Lernzeiten gemeinsam betreuen, arbeiten wir diese Klammern auch gemeinsam ab. Da gibt es gar keine Hierarchien und wir sind alle gleichwertig, auch gegenüber den Kindern. Schon während der Ausbildung und jetzt im Projekt habe ich bemerkt, wie wichtig mir diese Zusammenarbeit ist. Ich kann mir nicht vorstellen, an eine Schule zu gehen, an der die beiden Bereiche nicht so eng verzahnt sind.“

Pilotprojekt wird fortgesetzt
„Die Kooperation ist ein Pilotprojekt. Die Ergebnisse und Erfahrungen, die wir jetzt gesammelt haben, sind so wertvoll, dass wir das Konzept auf jeden Fall weiterführen möchten. Mit den nächsten Lehramtsanwärterinnen und Lehramtsanwärtern, die im Mai in den Vorbereitungsdienst starten, sind ebenfalls Hospitationen geplant“, sagt Nordt. „Gemeinsam werden wir das Projekt jetzt auswerten und dann überlegen, wie wir es noch weiter qualifizieren und verstetigen können. Es wäre gut, wenn wir eine solche Initiative auch in der Fläche hätten“, betont Kleinen.

Im Erlass zur offenen Ganztagsgrundschule legte das nordrhein-westfälische Ministerium für Schule und Weiterbildung fest, dass die Schulen und die Jugendhilfe die Angebote der Ganztagsschule gemeinsam in multiprofessionellen Teams gestalten sollen. Den Kindern eröffnen sich auf diese Weise verschiedene Wege des Lernens und unterschiedliche Bildungserlebnisse. Seit ihrer Einführung vor zehn Jahren ist die offene Ganztagsschule in Nordrhein-Westfalen stark ausgebaut worden. Gab es bei ihrem Start im Schuljahr 2003/2004 lediglich 235 Grundschulen mit ganztägigem Angebot, waren es im Schuljahr 2012/13 rund 3.000 offene Ganztagsschulen.

„Die offene Ganztagsschule im Primarbereich gemeinsam gestalten“ wird unterstützt durch das ProfiL²-Team. ProfiL² steht für ein spezielles Lehrformat der Fachhochschule Köln, das sich durch problembasiertes und forschendes Lehren und Lernen in projekt- und praxisbezogenen Strukturen auszeichnet.

3.April 2014

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