8. Vernetzungstreffen zur Sozialpolitikforschung in Nordrhein-Westfalen
Am 27. Februar 2026 fand an der Technischen Hochschule Köln das 8. Vernetzungstreffen zur Sozialpolitikforschung in Nordrhein-Westfalen statt. Unter der wissenschaftlichen Leitung von Sigrid Leitner und Ragnar Hoenig fokussierte die Veranstaltung die Analyse von Sozialpolitik in ausgewählten Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit.
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Hier finden Sie (in Kürze) die Präsentationen und Poster des Treffens
Die einleitende Keynote von Antonio Brettschneider thematisierte das grundlegende Spannungsverhältnis zwischen dem programmatischen Anspruch gesellschaftlicher Teilhabe und den Restriktionen kommunaler Kostenkontrolle. Dieser Dualismus bildete den analytischen Rahmen für die nachfolgenden Handlungsfelder, in denen die Diskrepanz zwischen sozialpolitischer Programmatik und organisationaler Umsetzung erörtert wurde.
Antonio Brettschneider
(Bild: Dirk Osterkamp)
Im Handlungsfeld Kinder- und Jugendhilfe stand der Jugendhilfeausschuss im Fokus. Janine Birwer präsentierte Ergebnisse einer 1,5-jährigen Feldphase zu (in-)formellen Strukturen und Prozessen. Während der JHA theoretisch als „Demokratie von unten“ Mitbestimmungsrechte für die Soziale Arbeit auch rechtlich festschreibt, verweisen die empirischen Daten auf eine Verlagerung politischer Handlungsmacht in vorgelagerte informelle Räume, durch deren Analyse ein Verständnis der Rolle der Sozialen Arbeit als politische Akteurin im JHA erst möglich wird.
Katharina Gosse, Janine Birwer (v.l.n.r)
(Bild: Dirk Osterkamp)
Das Handlungsfeld Arbeitsförderung widmete sich verschiedenen Umsetzungspraktiken des SGB II. Nojin Malla Mirza rekonstruierte mittels qualitativer Interviews die Umsetzung der sozialraumorientierten Beratung im SGB II als programmatische Neujustierung der Jobcenter-Praxis. Die Ergebnisse illustrierten, dass Soziale Arbeit hier keine fest verankerte Praxis ist, sondern eine variable Referenzgröße darstellt: Während sich das Eigenpersonal der Jobcenter oft bewusst von sozialarbeiterischen Rollenbildern abgrenzt und Beratung als koordinierende Weiterleitung versteht, nutzen Fachkräfte bei externen Trägern organisationale Freiräume für eine beziehungsorientierte oder methodisch differenzierte Hybridpraxis.
Nojin Malla Mirza
(Bild: Dirk Osterkamp)
Jan Gellermann stellte Ergebnisse aus seiner Forschung zur Umsetzung der ganzheitlichen Betreuung / Coaching (§ 16k SGB II) vor, in welchem die Verbesserung der Beschäftigungsfähigkeit von Bürgergeld-Empfänger:innen durch den Abbau individueller Hindernisse beabsichtigt wird. Seine empirischen Ergebnisse zeigten, dass das Instrument erfolgreich ist und stärker zum Einsatz kommen sollte als bisher.
Im Handlungsfeld soziale und gesundheitliche Teilhabe wurden lokale kompensatorische Instrumente zur Steigerung der Teilhabe marginalisierter Personen analysiert.
Im Handlungsfeld soziale und gesundheitliche Teilhabe wurden lokale kompensatorische Instrumente zur Steigerung der Teilhabe marginalisierter Personen analysiert.
Theresa Zanders und Luisa Meyer untersuchten den Beitrag zur Gesundheitsversorgung marginalisierter Personen durch den Anonymen Krankenschein (AKS). Angesichts struktureller Ausschlüsse im Gesundheitssystem übernimmt die Soziale Arbeit hier administrativ-kompensatorische Aufgaben. Es wurde kritisch hinterfragt, inwieweit solche lokalen Ansätze lediglich als „Reparaturbetrieb“ eines exkludierenden Systems fungieren und wie diese in eine dauerhaft gesicherte staatliche Daseinsvorsorge überführt werden können.
Johannes Schütte, Luisa Meyer, Theresa Zanders (v.l.n.r.)
(Bild: Dirk Osterkamp)
Anna Liza Arp und Werner Schönig präsentierten ihre Bestandsaufnahme von kommunalen Sozialpässen, die im Rahmen des Projekts SOZPASS NRW für das Jahr 2025 entstand. Aus ihren Ergebnissen geht hervor, dass etwa 35,1 % der Kommunen in NRW einen Sozialpass anbieten, wobei der Typus des reinen „Kulturpasses“ (58,3 %) dominiert. Die Analyse zeigt eine geringe Vernetzung der Akteure und eine Tendenz zum Bestandserhalt ohne weitreichende Entwicklungsperspektiven, wobei die Digitalisierung als zentraler Hebel zur Steigerung der Inanspruchnahme identifiziert wurde.
Die Tagung konstatierte, dass die Wirksamkeit sozialpolitischer Instrumente in NRW maßgeblich von lokalen Handlungsspielräumen und der professionsbezogenen Selbstverortung der Fachkräfte bestimmt wird. Die Sozialpolitikforschung bleibt somit gefordert, die Auswirkungen dieser fragmentierten Umsetzungsstrukturen auf die tatsächliche Teilhabe vulnerabler Gruppen weiter zu untersuchen.
Mai 2026