Studierende entwickeln Nutzungsszenarien für eine nachhaltige Zukunft des Rheinischen Reviers
Wie können ehemalige Tagebauflächen ökologisch geschützt und zugleich zukunftsfähig genutzt werden? Dieser Frage gingen – in enger Zusammenarbeit mit der Forschungsstelle Rekultivierung (FRK) der RWE Power AG – Studierende des Studiengangs Raumentwicklung und Infrastruktursysteme im 3. und 5. Fachsemester in zwei Projekten zur ‚Schutzgebietsausweisung in der Tagebaufolgelandschaft' nach.
Im Mittelpunkt steht das Gebiet rund um den Tagebau Hambach im Rheinischen Revier – ein ideales Reallabor für praxisnahe Lehrforschung direkt vor den Toren Kölns.
Reallabor Tagebaufolgelandschaft
Die jahrzehntelange, massive Förderung der Braunkohle hat einen kaum vergleichbaren Eingriff in die Natur und Landschaft nach sich gezogen. Bei der RWE Power ist die Forschungsstelle Rekultivierung verantwortlich für die ökologischen Maßnahmen bei der Rekultivierung von landwirtschaftlichen Flächen, Waldgebieten und Sonderstandorten. Die RWE Power hat im Rheinischen Braunkohlerevier bereits über 200 km2 ehemaliger Bergbauflächen rekultiviert.
Drei Entwicklungsszenarien im 3. Semester
Die Projektgruppe “Warum der frühe Vogel gewinnt.” des 3. Semesters untersuchte drei unterschiedliche Basisszenarien:
„Ökonomisch-touristischer Schwerpunkt“ (Sanfter Tourismus):
Wie gelingt der Ausgleich zwischen der Steigerung des touristischen und ökonomischen Potenzials und dem notwendigen Natur- und Gebietsschutz? Die Studierenden erarbeiteten hier drei grundverschiedene Ansätze: von der Etablierung eines „Naturpark Rheinisches Revier“, der innovative Elemente wie Floating Hotels auf dem geplanten Hambacher See vorsieht, bis hin zur Konzeption von sportlichen Großveranstaltungen wie dem „Hambach – Marathon“. Ziel ist es, neue Wertschöpfungsketten zu schaffen, ohne die ökologische Integrität zu gefährden.
„Ökologischer Maximumschutz“:
Welche Schutzgebietskategorien und Maßnahmen sind realisierbar, um den größtmöglichen Naturschutz zu gewährleisten? Die drei entwickelten Varianten reichen von spezialisierten Artenschutzkonzepten über Naturbildung bis hin zur Integration von nachhaltiger und genossenschaftlich organisierter Energiegewinnung. Ein zentraler Arbeitsbereich ist die Ausweisung von FFH-Gebieten (Flora-Fauna-Habitat-Gebieten) zur Sicherung der Biodiversität.
"Kultureller Schwerpunkt":
Wie kann die einzigartige Geschichte des Gebiets – von der Braunkohleära über die Rekultivierung bis zur anstehenden Seebefüllung – in einem Schutzgebietskonzept verankert werden? Zwei Varianten stehen dabei im Mittelpunkt: 1. Der „Lernloop“, ein thematischer Rundweg, der die Geschichte anhand von Stationen rund um den Tagebau erzählt. 2. Ein Biosphärenreservat-Schutzkonzept mit einer „Entwicklungszone“. Dieses bietet einen Kompromiss, indem es Natur schützt, aber auch den umliegenden Kommunen Entwicklungsmöglichkeiten verschafft, etwa durch Projekte wie die Umwandlung der entweihten Kirche in Manheim-Alt in ein Freilichtmuseum.
Alle drei Varianten wurden anschließend mithilfe eines Mehrindikatorensystems bewertet und – unter Berücksichtigung der die kompatibelsten und stabilsten Aspekte aller Varianten – zu einem integrierten Gesamtkonzept zusammengeführt. Die Studierenden konnten so, anhand eines realen Fallbeispiels, lernen, wie divers die Interessen der Stakeholder in der Raumplanung sein können und diese gegeneinander abwägen und miteinander verknüpfen.
Die Projektgruppe “Nach der Kohle – vom Abbau zum Aufbruch” des 5. Semesters entwickelte zwei Varianten zur Ausweisung von Schutzgebieten:
Die Studierenden des 5. Semesters konzentrierten sich auf ein ökologisch maximiertes Szenario und verglichen zwei Varianten zur Ausweisung von Schutzgebieten:
1. Ein überregionales Biosphärenreservat, das sich über die Tagebaugebiete Hambach, Garzweiler und Inden sowie den bereits bestehenden Naturpark Ville erstreckt.
2. Die Ausweisung des Untersuchungsgebiets als Naturschutzgebiet kombiniert mit anderen Schutzgebietstypen, z.B. den geschützten Landschaftsbestandteilen.
Anhand einer Matrix wurden die beiden Varianten bewertet, um im Anschluss das bevorzugte Szenario auszuwählen und zu einem Erläuterungsbericht auf Vorplanungsniveau – inklusive des planerischen Konzepts und des Zeitplans – auszuarbeiten.
Entwurf eines Schutzgebietskonzepts für die Variante eines überregionalen Biosphärenreservats (Projektgruppe 5. Semester)
(Bild: Fakultät 12 / Raedig)
Exkursion und Praxisbezug
Beide Projektgruppen besuchten gemeinsam mit Projektleiterin Dr. Claudia Raedig die Forschungsstelle Rekultivierung im Schloss Paffendorf sowie den Tagebau Hambach, den Aussichtspunkt Terra Nova und die Sophienhöhe. Der direkte Austausch mit Fachleuten und die Begehung vor Ort waren zentrale Bestandteile der Projektarbeit.
Schloss Paffendorf, Sitz der Forschungsstelle Rekultivierung, war der Startpunkt für die gemeinsame Exkursion der Projektgruppen des 3. und 5. Semesters
(Bild: Fakultät 12 / Raedig)
Text:
3. Semester: Bjarne Koch, Flora Drüke, Gemma Fischer, Helen Hinz, Jan Petersen, Justus Olberich, Laura Volmer und Sarah Molkentien
5. Semester: Katalin Kreacsik, Julia Andryk, Anna Schweiggart, Mila Schumacher, Janos Prüfer, Peter Solopov und Fabio Tröster
Mai 2026