Neuerscheinung: "Familienbildung - Skizze einer Theorie"
Wie lässt sich der in der Praxis beobachtbare hohe Eigensinn der Familienbildung beschreiben? U. Müller-Giebeler und M. Hermes gehen dieser Frage in ihrer Studie nach und zeigen, dass Familienbildung sich in einem Spannungsverhältnis von Prävention und emanzipatorischer Bildung bewegt und damit über die bloße Optimierung gesellschaftlich erwarteter Kompetenzen hinausgeht.
Cover des Buches "Familienbildung - Skizze einer Theorie"
(Bild: Beltz Juventa Verlag)
Die vorliegende Publikation unternimmt den Versuch, das bislang als „untertheoretisiert“ geltende Feld der Familienbildung wissenschaftlich neu zu vermessen und eine empirisch gesättigte Theoriebildung anzustoßen. Ausgehend von der Beobachtung, dass Familienbildung in der Praxis eine hohe „Eigensinnigkeit“ aufweist, die sich in bisherigen Diskursen kaum widerspiegelt, entwickelt das Autorenteam eine „Instituethik“ der Familienbildung. Dabei wird Familienbildung nicht primär als institutionelles Gefüge, sondern als intermediärer Erfahrungs- und Möglichkeitsraum zwischen privater Lebenswelt und öffentlichem System begriffen.
Das Forschungsdesign folgt der Programmatik der Grounded Theory und nutzt die Dokumentarische Methode, um implizite Wissensbestände und Orientierungsrahmen der Akteur:innen zu rekonstruieren. Die Datengrundlage umfasst qualitative Interviews, Gruppendiskussionen und teilnehmende Beobachtungen. Im Kern der Arbeit steht die Heuristik des „doing family education“.
Die Analysen zeigen, dass die Praxis der Familienbildung maßgeblich durch die interaktive Vermittlung konstituierender Rahmenbedingungen erzeugt wird. Ein zentrales Ergebnis ist die Identifikation von „Mutterschaft“ als einem geteilten konjunktiven Erfahrungsraum. Fachkräfte und Teilnehmer:innen begegnen sich in einem professionellen Milieu, das durch lebensweltliche Nähe, gegenseitige Anerkennung und eine „familiäre“ Atmosphäre gekennzeichnet ist.
Die Studie arbeitet heraus, dass sich Familienbildung in einem Spannungsverhältnis zwischen Prävention und Bildung bewegt. Der eigensinnige Bildungsbegriff der Familienbildung wird dabei als emanzipatorische Bildung gefasst, die über die bloße Optimierung elterlicher Kompetenzen hinausgeht und Räume für die subjektorientierte Bearbeitung gesellschaftlicher Anforderungen bietet.
Vor diesem Hintergrund argumentieren die Autor:innen für eine Berücksichtigung des Stellenwerts des erfahrungsbasierten Austauschs in der Professionalisierungsdebatte der Familienbildung. Sie plädieren für eine subjektorientierte Perspektive, die die Familienmitglieder als Expert:innen ihrer eigenen Lebensführung anerkennt.
Hermes, Michael; Müller-Giebeler, Ute (2026): Familienbildung - Skizze einer Theorie. Weinheim: Beltz Juventa. Link zur Verlagsseite
Juli 2026