Ein Beitrag von Prof. Dr. Joachim Metzner

Herzlichen Dank an unseren Präsidenten a.D., für diesen Beitrag zum Projekt "Frauen an der TH Köln".

Kölner Frauengeschichtsverein e.V.

Weitere Informationen sowie der Nachlass von Maria Mies wird vom Verein verwaltet und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Veronika Bennholdt-Thomsen,

eine Freundin und Weggefährtin von Maria Mies, hielt 2023 ihre Trauerrede. Veröffentlicht auf
Fembio.org

Das Institut für Geschlechterstudien (IFG)

trauert 2023 um Prof. Dr. Maria Mies, die am 15. Mai im Alter von 92 Jahren verstarb.

Professorin Maria Mies (1931-2023) - Soziologin, (Öko-)Feministin, Globalisierungsgegnerin

Maria Mies war zweifellos eine der bekanntesten und bemerkenswertesten Bildungsaufsteigerinnen ihrer Generation, schreibt Prof. Dr. Joachim Metzner, Präsident a.D. der Technischen Hochschule Köln, in seiner Betrachtung der "Ausnahmeerscheinung" Maria Mies.

Portrait Maria Mies Prof. Dr. Maria Mies (Bild: Fotografin Malin Kundi/Kölner Frauengeschichtsverein)

1931 geboren, wuchs sie in einem kleinen Eifelort mit vielen Geschwistern in einfachen Verhältnissen auf, brachte es bis zum Abitur, was für ein Mädchen aus einem einsamen Eifeldorf damals sensationell war, wurde Volksschullehrerin, ging als eine der ersten Lektorinnen an ein Goetheinstitut in Indien, promovierte später an der Kölner Universität in Soziologie und wurde direkt danach Professorin an der neu gegründeten Fachhochschule Köln. Kein Wunder, dass sie dort für viele ihrer Studentinnen eine ungemein motivierende und ermutigende Funktion hatte, denn mit der Gründung des neuen Hochschultyps Fachhochschule eröffnete sich für viele Studieninteressierte ein Weg in die akademische Welt, obwohl sie kein klassisches Abitur hatten und sogenannte Erstakademiker waren – ein Weg, den viele nur sehr zögerlich oder ängstlich betraten. In ihrer Autobiographie[1] hat sie ihren eigenen windungsreichen Aufstieg ebenso packend beschrieben wie in einem Interview in späteren Jahren.[2]

International bekanntgeworden ist Maria Mies weniger als Hochschullehrerin, sondern durch ihr großes und oft auch initiales Engagement in zahlreichen gesellschaftlichen Konfliktfeldern, als Vorkämpferin für Frauenrechte und Begründerin des Ökofeminismus, als Aufrüstungsgegnerin und Globalisierungskritikerin, als eine Wissenschaftlerin, die, wie sie schrieb, stets auf der „Suche nach einer neuen Wissenschaft“ (S.158) war. Diese Suche hat sie in zahlreichen, vieldiskutierten Publikationen dokumentiert. Umso wichtiger ist es, ihre Bedeutung für die Fachhochschule Köln, für die Fachdisziplinen Soziologie und Sozialpädagogik und vor allem für eine ganze Studierendengeneration sichtbarer zu machen.

Eine didaktische Wende: Selbstbestimmtes Studieren

Als Maria Mies 1972 an die Fachhochschule Köln berufen wurde, war die Hochschule gerade erst gegründet worden und befand sich in einer sehr schwierigen Selbstfindungs- und Konsolidierungsphase. Die nur neun hauptamtlich Lehrenden am Fachbereich Sozialpädagogik stammten hauptsächlich aus unterschiedlichen schulischen Vorgängereinrichtungen. Sie dagegen kam als frisch promovierte Sozialwissenschaftlerin von der Uni Köln, verfügte bereits über jahrelange internationale Lehr- und Forschungserfahrungen und war schon deshalb eine Ausnahmeerscheinung. Diese Situation des Aufbruchs verschaffte ihr erhebliche Gestaltungsmöglichkeiten, was ihre Rolle und ihr Lehrverständnis betraf. So knüpfte sie ihre Berufung an die Zusage im Fachbereich ein selbstbestimmtes „Projektstudium“ (S.138) einzurichten: Die Studierenden entschieden sich in Gruppen für ein Projekt ihrer Wahl in einem der sozialpädagogischen Felder; das Projekt musste die Chance bieten, dass den Betroffenen nicht nur geholfen wurde, sondern dass die Studierenden mit Betroffenen gemeinsam Erfahrungen machen und Lösungen finden und erproben konnten. Erst dann sollte in der Hochschule gefragt werden, ob und wie sich die praktischen Ergebnisse zur herrschenden Theorie verhalten. Viele Studierende waren von dieser Verknüpfung von Erfahrungswissen und theoretischem Wissen begeistert. Nach kurzer Zeit war diese Form des Studierens ein Markenzeichen des Fachbereichs geworden und hatte Folgen an Fachhochschulen weit über Köln hinaus.

Die Denomination der Professur von Maria Mies hieß ‚Familiensoziologie und Soziologie sozialer Minderheiten‘. Sehr bald erweiterte sie das Gebiet um den thematischen Bereich ‚Frauen und Geschlechterverhältnisse‘, was ebenfalls bei ihrer Berufung vereinbart worden war, da sie sich bereits in den Jahren zuvor intensiv in der Frauenbewegung engagiert hatte. Das Projektstudium fokussierte sich, was ihre Lehrveranstaltungen betraf, nunmehr auf entsprechende Themen. Dies führte in einem Fall zu einem bundesweit bekannten und diskutierten lokalen Konflikt mit eklatanten Folgen: zur Einrichtung eines autonomen Frauenhauses, des ersten in der Bundesrepublik. Eine Gruppe von 15 Studentinnen und angehenden Sozialpädagoginnen wollte gemeinsam mit Maria Mies die Stadt Köln dazu bringen endlich ein Haus für Frauen mit häuslichen Gewalterfahrungen einzurichten, was die Stadt „mangels Bedarfs“ (S.149) ablehnte. Daraufhin bewiesen die Studierenden empirisch das Gegenteil und installierten und betrieben schließlich auf Vereinsebene seit 1976 selbst ein Kölner autonomes Frauenhaus. Lie Selter, die spätere erste autonome Frauenbeauftragte der Stadt Köln, war damals eine der engagierten Studentinnen und ist eine der Zeitzeuginnen.

Maria Mies Portrait Maria Mies (Bild: Bernd Arnold)

In den Folgejahren begleiteten die Studentinnen die in das Haus eingezogenen Frauen und sprachen mit ihnen über deren Lebensgeschichten. Aus den Aufzeichnungen aus dieser Zeit und der gemeinsamen Aufarbeitung der Lebensgeschichten entstand 1980 ein veröffentlichter studentischer Projektbericht: ‘Nachrichten aus dem Ghetto Liebe‘ (S.155). Für viele Studierende an sozialen Fachbereichen in Westdeutschland hatten diese Kölner Ereignisse eine initiale Wirkung auf ihre Erwartungen an das Studium und die Lehrenden, was nicht überall auf institutionelle Gegenliebe stieß. Auch die Träger der sozialen Arbeit sahen sich bei vielen Absolventinnen und Absolventen mit einem neuen Verständnis von sozialpädagogischer Aktivität konfrontiert.

Ein neuer Kampfbegriff: Aktionsforschung

Für Maria Mies hatten die Erfahrungen beim Kampf um das Frauenhaus Konsequenzen für ihren eigenen methodischen Forschungsansatz. Sie entwickelte die „Aktionsforschung“ (S.156) und brachte diese auch in ihre Lehre ein. Dazu muss man sich wieder die Situation an der Fachhochschule um 1976 vergegenwärtigen. Forschung gehörte zu dieser Zeit ebenso wenig wie Internationalisierung zu den Aufgaben von Fachhochschulen, deshalb gab es hierfür weder Ressourcen noch Unterstützung. Das hat Maria Mies nicht abgehalten ihre umfangreiche Forschungs- und Publikationstätigkeit aus der Zeit ihrer Promotion und ihrer Aufenthalte in Indien fortzusetzen. Obwohl Forschung in ihrer näheren beruflichen Umgebung noch kein häufig gehörter Begriff war, ging sie 1977 so weit, die Integration von Forschung in emanzipatorische Aktionen zu fordern, zumindest in der Frauenforschung, und diese Verbindung auch in das Projektstudium einzubringen, wie das beim Kampf um das Kölner Frauenhaus geschehen war. Der Forschungsprozess sollte für alle Beteiligten ein „Bewusstwerdungsprozess“ (S.158) sein. Zwar hat sich dieser Forschungsansatz in den Sozialwissenschaften nicht durchsetzen können, aber das konsequente Einfordern von Forschung trotz aller institutionellen Widerstände hat damals viele der Kolleginnen und Kollegen von Maria Mies ermutigt sich Forschungsfragen zuzuwenden. Insofern kann man sehr wohl konstatieren, dass Maria Mies zu den wichtigen Wegbereiter*innen gehörte, die den Weg der Fachhochschulen zu einem forschenden, international agierenden und gesellschaftlich engagierten Hochschultyp geöffnet haben. Sie selbst hat ihre Erfahrungen in Indien in Forschungsprojekte eingebracht, die am Institut für Technologie in den Tropen der Fachhochschule Köln angesiedelt waren. Mit ihren Studierenden hat sie damals ein hochschuldidaktisches Konzept formuliert und in die Tat umgesetzt, das heute unter dem Begriff ‚forschendes Lernen‘ geläufig ist.

Mies Termerr Maria Mies und Zita Termerr (Bild: Kölner Frauengeschichtsverein e. V.)

Maria Mies‘ ganzes Leben und somit auch ihre Zeit an der Fachhochschule Köln vollzog sich in einem von ihr bewusst gestalteten Spannungsfeld zwischen Beständigkeit vor Ort und stetem Streben hinaus in die weite Welt, um neue Erfahrungen zu machen und neue Aktionsfelder zu öffnen. Sie lehrte nicht nur an der Fachhochschule in Köln, sondern hatte zugleich auch Lehraufträge an der Uni in Frankfurt, hielt zahlreiche Vorträge in den Ländern des Südens, verbrachte die Semesterferien mit Aktivitäten in Südostasien, ließ sich für Lehre und Forschung zu ‚Women and Development‘ an das Institute of Social Studies in Den Haag beurlauben, und kehrte doch immer wieder nach Köln und an die Fachhochschule zurück, ja ließ sich 1989 sogar zur Dekanin wählen. Diese Hochschule sei ihr „Basislager“ bei ihren Auf- und Abstiegen als ‚activist scolar‘, sagte sie einmal. Und die Studierenden lagen ihr am Herzen. Für die Studierenden bedeutete dies natürlich einen stetigen Input an neuen Informationen und Anregungen. So dankbar der auch aufgenommen wurde und so beliebt das Projektstudium auch war und blieb – beim Postulat einer notwendigen Verbindung von feministischer Forschung und politischem Handeln folgte ihr eher eine engagierte Minderheit.

Ein Abschied: Von der Hochschule zur ‚Universität der Straße‘

Maria Mies hat später in einem Interview von ihrer Enttäuschung darüber berichtet.[2] Sie führte das auf eine „Entpolitisierung“ (S.268) der deutschen Hochschulen in den neunziger Jahren zurück und sparte nicht mit Kritik an ihren Kolleginnen und Kollegen. In diese Zeit, 1991, fiel auch ihr Gang in den Ruhestand – ein Wort, das ihr nie über die Lippen gekommen wäre. Im Gegenteil, sie orientierte sich auf neue Aktionsfelder hin: zum Kampf gegen die Globalisierung, gegen die Privatisierung des Dienstleistungssektors, gegen die wachsende Relativierung des Völkerrechts. Dabei entdeckte sie zwischen 1993 und 1999 für sich eine neue Aktionsform: die „Universität der Straße“ (S.259). Die aktive Mitwirkung an Protestbewegungen lehrte sie, sie war die Lernende, und sie hoffte, dass auch alle anderen Mitwirkenden auf der Straße die neuen Erfahrungen machten und die wissenschaftlichen Aha-Erlebnisse hatten, die nach ihrer Meinung in Hochschulen nicht mehr möglich waren. Gleichwohl war ihr der beständige Kontakt zu Studierenden sehr wichtig, auch über den Hochschulstandort Köln hinaus. So ermutigte sie 1998 Studierende der TU Berlin zu einer Kampagne gegen das Globalisierungsabkommen MAI, die sich schnell im deutschen Hochschulraum verbreitete. Sie wollte darauf hinwirken, wie sie einmal schrieb, dass die jungen Studierenden nicht in den „Bankrott der herrschenden Wissenschaft“ (S.218) hineingezogen werden.

Zweifellos haben solche rhetorischen Zuspitzungen auch viele wohlmeinende Wissenschaftler*innen und natürlich auch viele Studierende verschreckt. Aber das hat der Wertschätzung, die Maria Mies auch von Gegnerinnen und Gegnern entgegengebracht wurde, keinen Abbruch getan. Zu beeindruckend war ihr bis fast zuletzt unermüdlicher Kampfgeist beim Ringen um eine bessere gesellschaftliche Zukunft. Für viele, die ihr folgten oder ihr zuhörten, war dieser Mut ein Zeichen, dass die Welt eine Chance auf Veränderung und dass die Wissenschaft eine auf Abwendung ihres Bankrotts hat. Die Fachhochschule Köln und damit auch die heutige TH Köln kann dankbar sein, dass sie für Maria Mies das ‚Basislager‘ bilden konnte, in dem Maria Mies schließlich ein erfolgreiches ‚Trainingscamp‘ für den wissenschaftlichen Nachwuchs in sozialen Berufen gebildet hat, das für viele andere Hochschulen beispielhaft wurde.

Portrait_Mies_Metzner Maria Mies, Joachim Metzner, 2004 (Bild: Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften, TH Köln)

Wer Maria Mies persönlich und im beruflichen Alltag erlebt hat, konnte eine Seite ihrer Persönlichkeit entdecken, die beinahe im Gegensatz zu ihrem engagierten politischen Ringen um Gerechtigkeit und eine bessere Welt zu stehen schien. Sie erzählte viel aus ihrer Kindheit und war, trotz ihres weltweiten Wirkens, zutiefst heimat- und naturverbunden. Sie hat im Laufe ihrer Entwicklung viele frühere Einstellungen und politische Überzeugungen revidiert, aber im Gespräch niemals desavouiert. Sie hatte ein riesengroßes Netzwerk aufgebaut, aber viel wichtiger, ja geradezu lebensnotwendig waren ihr persönliche Freundschaften, die sie intensiv pflegte. Und schließlich ging es ihr, wie sie oft betonte, nicht darum eine Ideologie durchzusetzen, sondern sie wollte einfach dem Ideal eines „guten Lebens für alle“ einen Schritt näherkommen. Dafür hat sie, trotz mancher Kritik, auch in unserer Hochschule viel Zustimmung und Unterstützung bekommen.

Quellenangabe:
[1] Maria Mies, Das Dorf und die Welt. Lebensgeschichten – Zeitgeschichten. Köln: PapyRossa Verlag, 2. Aufl. 2010. Die Seitenangaben in Klammern beziehen sich auf diese Buchausgabe.
[2] Interview: Maria Mies (Köln 2018). https://www.youtube.com/watch?v=T-J-_5D-NS8
[3] Interview von Gabriela Schaaf mit Maria Mies vom 09.01.2013.
https://frauengeschichtsverein.de/2024/03/04/oeko-feministin-maria-mies/

Ein Beitrag von Prof. Dr. Joachim Metzner

Herzlichen Dank an unseren Präsidenten a.D., für diesen Beitrag zum Projekt "Frauen an der TH Köln".

Kölner Frauengeschichtsverein e.V.

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Veronika Bennholdt-Thomsen,

eine Freundin und Weggefährtin von Maria Mies, hielt 2023 ihre Trauerrede. Veröffentlicht auf
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trauert 2023 um Prof. Dr. Maria Mies, die am 15. Mai im Alter von 92 Jahren verstarb.


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