Kommunikation auf der Intensivstation: Wie klare Sprache und Empathie Angehörige entlasten

Vom Krankenhaus in die Forschung: Dr. Eyleen Reifarth hat in ihrer Promotion untersucht, wie ein gezieltes Kommunikationstraining für medizinisches und pflegerisches Personal die Situation von Angehörigen auf Intensivstationen verbessern kann. Das Ergebnis ist ein praxisnaher Leitfaden, der Verständlichkeit und Empathie vereint.

Dr. Eyleen Reifarth Dr. Eyleen Reifarth hat in ihrer Promotion untersucht, wie ein Kommunikationstraining für medizinisches und pflegerisches Personal die Situation von Angehörigen auf Intensivstationen verbessern kann. (Bild: Picture People)

Die Ausgangslage für das Promotionsprojekt war eine Beobachtung aus der Praxis. Als Pflegefachkraft auf einer Intensivstation erlebte Reifarth, dass Angehörige nach ärztlichen Gesprächen verunsichert zurückblieben. „Die komplexe medizinische Fachsprache und der enorme emotionale Druck – sowohl auf Seiten der Angehörigen als auch beim stark belasteten Personal – kann dazu führen, dass essenzielle Informationen nicht verarbeitet werden können“, so Reifarth, die ihre Promotion an der Universität zu Köln und am Institut für Translation und Mehrsprachige Kommunikation der TH Köln schrieb.

Der Forschungsprozess

Das Ziel ihrer Arbeit war daher die Entwicklung und Evaluation eines evidenzbasierten Gesprächsleitfadens für Mediziner*innen und Pflegefachpersonen. Der Fokus lag dabei auf zwei Säulen: Verständlichkeit und empathische Kommunikation.

Dafür erhob sie zunächst mittels systematischer Übersichtsarbeit (Scoping Review) den Ist-Zustand wissenschaftlicher Ansätze zur Angehörigenkommunikation im Intensivbereich.   Das so gewonnene Wissen erweiterte sie durch die Ergebnisse einer Befragung der Angehörigen, der Mediziner*innen und des Pflegepersonals. Parallel entstanden ein praxisorientiertes Kommunikationstraining sowie ein Leitfaden für Angehörigengespräche auf der Intensivstation. Dabei ging es unter anderem um die besonderen Anforderungen an Kommunikation in Stresssituationen, Allgemeinverständlichkeit im medizinischen Kontext, offene Fragetechniken oder aktives Zuhören. Das Team der internistischen Intensivstation an der Uniklinik Köln– darunter 85 Prozent der Ärzt*innen und rund ein Drittel der Pflegekräfte – wurden mit dem Material geschult. Anschließend ermittelte Reifarth, wie sich die Kommunikation der geschulten Fachkräfte auf eine neue Gruppe von Angehörigen auswirkte.

Die Ergebnisse: Mehr als nur Fachwissen vermitteln

Die Studie lieferte signifikante Ergebnisse hinsichtlich der Informationsvermittlung. Angehörige der zweiten Gruppe konnten zentrale Informationen zum Grund der Intensivbehandlung, den betroffenen Organen oder zur Therapie deutlich besser rekapitulieren als Angehörige, die mit Fachpersonal gesprochen hatten, das nicht an Reifarths Schulung teilgenommen hatte. Zusätzlich identifizierte Reifarth qualitative Faktoren, die für Familienmitglieder in der Extremsituation „Intensivstation“ entscheidend sind: „Grundlegende kommunikative Kompetenzen wie aufmerksames Zuhören, Blickkontakt und das Ausredenlassen stehen für die Befragten an oberster Stelle. Zudem werden Verhaltensweisen wie das Verschränken der Arme oder das Entgegennehmen von Telefonaten während des Gesprächs als belastend wahrgenommen“, sagt Reifarth.

Nutzen Mediziner*innen offene Fragen („Welche Punkte darf ich noch besser erläutern?“) statt geschlossener Fragen („Haben Sie alles verstanden?“), fördert dies den tatsächlichen Informationsfluss und Austausch. Techniken wie das aktive Zuhören und der Einsatz von verbindenden Formulierungen („und gleichzeitig“ statt „ja, aber“) unterstützen dabei, auch in emotional aufgeladenen Situationen konstruktiv zu bleiben.

Zudem ließ Reifarth beispielhafte empathische Aussagen danach bewerten, wie hilfreich sie in der Situation sind. „Der am höchsten bewertete Satz war das explizite Versprechen ‚Wir kümmern uns um Ihren Vater und sorgen dafür, dass er keine Schmerzen hat.‘ Die Bestätigung, dass die Patient*innenversorgung oberste Priorität hat, wirkt auf Angehörige am stärksten entlastend“, so Reifarth.

Praxistransfer mit Simulation

Ein besonderes Merkmal der Promotion war die unmittelbare Anwendbarkeit. Nachdem der Kommunikationskurs im Rahmen der Doktorarbeit bereits große Wirkung gezeigt hatte, beauftragte die Universität zu Köln weitere umfangreichere Schulungen. In einem Simulationskrankenhaus Kölner interprofessionelles Skills-Lab und Simulationszentrum KISS) einstand ein neues Angebot für Pflegefachpersonen der Uniklinik Köln mit professionellen Schauspieler*innen. Dabei lag der Schwerpunkt auf schwierigen Gesprächen und dem Konfliktmanagement.

“Family-clinician communication in adult intensive care—Development and evaluation of the multicomponent Intensive Care Communication Study: Family Meetings (IC-CO)“

Vorgelegt im interdisziplinären Promotionsstudium Health Sciences (IPHS) der Medizinischen Fakultät der Universität zu Köln

Hauptbetreuer: Prof. Dr. med. Matthias Kochanek

Gutachter*innen: Prof. Dr. Sascha Köpke, Prof. Dr. Ursula Wienen

März 2026

Ein Beitrag von

Christian Sander

Christian Sander

Team Presse und Öffentlichkeitsarbeit


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