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Bevölkerung als Impulsgeber bei der Katastrophenbewältigung

Ein Mitarbeiter des rumänischen Innenministeriums, Abteilung für Katastrophenschutz (DSU), nimmt an der PREPSHIELD-Übung in Bukarest teil.  (Bild: DSU)

Treten Krisen wie Epidemien oder Extremwetterereignisse ein, ist die Bevölkerung meist die passive Empfängerin der angeordneten Maßnahmen. Ein europaweites Forschungskonsortium möchte das ändern und Feedback aus der Zivilgesellschaft zum Standard in der Katastrophenbewältigung machen. Nun wurden mehrere Stabsrahmenübungen mit der neuen Methodik erfolgreich abgeschlossen.

„Die Corona-Pandemie hat deutlich gemacht, dass unsere Gesellschaft nicht gut auf eine derart große Notlage vorbereitet war. Um künftige Krisen besser und im Einklang mit den Bedürfnissen einzelner Gruppen und der Gemeinschaft insgesamt zu bewältigen, entwickelt das Projekt PREPSHIELD einen neuen Ansatz, durch den möglichst viele Menschen die zu treffenden Entscheidungen mit beeinflussen können. Wir erhoffen uns so bessere Ergebnisse und eine höhere Akzeptanz für gegebenenfalls einschränkende Maßnahmen“, sagt Prof. Dr. Ompe Aimé Mudimu, Projektleiter am Institut für Rettungsingenieurwesen und Gefahrenabwehr (IRG) der TH Köln.

Um eine solche Kooperation zu ermöglichen, wurden zwei digitale Lösungen entworfen. Zum einen eine cloudbasierte Plattform, um Wissen innerhalb des Krisenstabs und mit der Bevölkerung auszutauschen, Entscheidungen zu treffen und Krisenmanagement bürgernah zu gestalten. Zum anderen entstand eine App, die vor allem bei Gesundheitskrisen seriös informieren und datenschutzkonform Daten zu Wohlbefinden, Symptomen und Mobilität der Nutzer*innen erheben soll. Diese technologischen Lösungen wurden mit Kommunikationsstrategien, Governance-Ansätzen und neuartigen Übungsformaten kombiniert.

Drei Pilotübungen, drei Maßstäbe

Für die praxisnahe Erprobung der neuen Methodik plante das IRG drei Krisenstabsübungen mit verschiedenen Dimensionen: in Hamburg auf lokaler Ebene, in der Piemonte-Region in Italien auf regionaler Ebene und schließlich in Bukarest in Rumänien auf nationaler Ebene. Dabei kam ein neues gestaffeltes Modell mit Feedbackschleife zum Einsatz. Pro Planspiel agierten zwei Gruppen: das klassische Krisenmanagementteam aus Verwaltung, Organisationen sowie Politik und ergänzend eine Bürger*innenvertretung. Beide arbeiteten zeitversetzt, aber aufeinander bezogen am gleichen Szenario.

„Entscheidungen des Krisenmanagementteams fließen auf diese Weise strukturiert in die gesellschaftliche Bewertungsrunde ein. Das Feedback der Bürger*innen wird wiederum an das Krisenmanagementteam zurückgespielt. Dies spiegelt die reale Dynamik von Krisenlagen wider, in denen institutionelle Entscheidungen und gesellschaftliche Reaktionen zwar zeitlich versetzt, aber wechselseitig abhängig sind. Das erzeugt einen Lernmechanismus, der in klassischen Planspielen schlicht nicht vorhanden ist“, erklärt Dr. Lennart Landsberg, wissenschaftlicher Mitarbeiter am IRG.

Rückmeldung der Bürger*innen ändert Arbeit des Krisenstabs

Während bei der ersten Übung in Hamburg vor allem der strukturierte Dialog zwischen professionellen Krisenmanagementteams und Bürger*innen erprobt wurde, wurden bei der Übung in Turin die technologischen Entwicklungen des Konsortiums erstmals vollständig in den Übungsablauf integriert. Den Höhepunkt bildete die Veranstaltung im Bukarester Innenministerium, bei der alle Elemente – Krisenmanagementteam, Bürger*innen vertretung, Cloud-Plattform, App und Feedback-Methodik – auf nationaler Ebene und im internationalen Rahmen mit Teilnehmenden aus über zehn Ländern zusammengeführt wurden.

„Die direkte Einbindung von Bürger*innen als gleichberechtigte Perspektivgeberinnen in den Übungsprozess ist für die Katastrophenvorsorge ein Novum. In Bukarest haben wir beispielsweise erlebt, wie die Bürger*innen das Thema der stärkeren Einbindung jüngerer Generationen in Krisenentscheidungen eingebracht haben – und wie dieses Feedback die Diskussion auf der institutionellen Seite tatsächlich beeinflusst hat. Das ist genau das, was wir mit dem Format erreichen wollen“, sagt Niklas Tschäschke, wissenschaftlicher Mitarbeiter am IRG. Die bisher gewonnenen Erkenntnisse fließen nun in die Weiterentwicklung der PREPSHIELD-Methodik sowie in die Planung kommender Onlineübungen ein, die das Format in den digitalen Raum übertragen und skalieren sollen.

Über das Projekt

Das Forschungsprojekt „Preparedness for Society in Health Crises and Disasters“ (Prepshield) ist ein europaweites Vorhaben unter der Leitung der Università degli Studi del Piemonte Orientale. Neben dem Institut für Rettungsingenieurwesen und Gefahrenabwehr der TH Köln sind beteiligt: Rijksuniversiteit Groningen, University of Oslo, Universitat Zurich, CS Group, Sopra Steria Group, Research University Institute of Communication and Computer Systems, Ministerul Afacerilor Interne – Departamentul pentru Situații de Urgență, Romanian Red Cross, Freie und Hansestadt Hamburg, Kirchengemeinde Martin Luther King-Steilshoop und Euroquality SAS. Die europäische Kommission fördert Prepshield über das Horizon-Programm mit 3,9 Millionen Euro bis Mitte 2027.

Juni 2026

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