Neue Horizonte in Bulgarien: Sozialer Alltag hautnah
Was passiert, wenn 22 Studierende des Masterstudiengangs Beratung und Vertretung im Sozialen Recht ihre gewohnte Perspektive verlassen und sich auf eine neue soziale Realität einlassen? Genau das wurde in Sofia erprobt. Schnell zeigte sich: Die bulgarische Hauptstadt stellt die Fragen, bevor man selbst dazu kommt, welche zu stellen.
Oder anders gesagt: Wie unterschiedlich kann soziale Sicherung in Europa eigentlich aussehen und was lässt sich daraus für die eigene Praxis lernen?
Mit diesen Fragen im Gepäck reisten die Studierenden des Masterstudiengangs im Rahmen von Modul 15 in das am wenigsten wohlhabende Land der EU. Ermöglicht wurde die Exkursion unter anderem durch Mittel des QVM sowie durch Erasmus+ Personalmobilität.
Zwischen römischen Ausgrabungen, imposanten Relikten der sozialistischen Vergangenheit und moderner Architektur erzählt Sofia seine Geschichte quasi im Vorbeigehen. Wie prägt diese Vielschichtigkeit das heutige soziale Gefüge? Was bedeutet das für die Menschen, die hier leben und arbeiten?
Antworten darauf gab es nicht nur bei einer Stadtführung durch Sofia, sondern auch an der Universität „St. Kliment Ohridski“. Dort wurden wir von der Dekanin Prof. Vanya Bozhilova, der Leiterin des Lehrstuhls Soziale Arbeit Prof. Ginka Mehadzhiyska, der Studiengangsleitung Social Management Prof. Rositsa Simeonva sowie der Leiterin Internationaler Kooperationen Prof. Dr. Bistra Mizova herzlich empfangen. Nach einer Einführung in das soziale Versorgungssystem in Bulgarien wurde es interaktiver: Unsere Studierenden präsentierten den Masterstudiengang und einzelne Module, um anschließend in den Austausch mit bulgarischen Studierenden zu gehen. Unterschiede? Ja. Gemeinsamkeiten? Auch. Und vor allem: viele neue Denkanstöße.
Besonders greifbar wurden diese Eindrücke im Rahmen der Besuche vor Ort, unter anderem bei der Animus Foundation, dem Community Support Center der SOS-Kinderdörfer und der Caritas „Blagoveshtenie“. Die Gespräche mit den Fachkräften ermöglichten eindrucksvolle Einblicke in die tägliche Arbeit mit unterschiedlichen Zielgruppen und zeigten, wie soziale Unterstützung in Sofia konkret umgesetzt wird. Dabei blieb viel Raum für Fragen und intensive Diskussionen. Wie sieht beispielsweise die Unterstützung im Alltag für Familien mit erwachsenen Angehörigen mit einer kognitiven und körperlichen Beeinträchtigung aus? Es besteht ausschließlich die Möglichkeit, Angehörige in den Familien zu betreuen und zu versorgen. Wohngruppen existieren nicht. Die Einrichtung der Caritas betreut mehr Menschen als die personellen und räumlichen Rahmenbedingungen erlauben, um allen Menschen einen Platz anbieten zu können.
Welche Ressourcen fehlen darüber hinaus? Eine der Herausforderungen, die zwei der drei besuchten Träger beschrieben haben, sind auch in Köln ein bekanntes Thema. Mehrere Jahre waren die Träger auf Spenden und unterstützender Arbeit von Freiwilligen angewiesen. Inzwischen erfolgt eine (Teil-)Finanzierung durch die Kommune. Den Betreuungs- und Beratungsbedarf, den die Fachkräfte der Träger beschrieben haben, kann dennoch nicht umfänglich gedeckt werden. Der Austausch mit den Fachkräften vor Ort war spannend und inspirierend, wir hoffen sehr, dass wir die bulgarischen Kolleg*innen im nächsten Jahr zu einem Gegenbesuch bei uns begrüßen dürfen.
Ein Ausflug ins Landesinnere stand ebenfalls auf dem Programm: Vorbei an grünen Landschaften und kleinen Ortschaften führte unser Weg zum bedeutendsten und größten Kloster Bulgariens, dem Rila-Kloster, einem UNESCO-Welterbe. Dieser Besuch öffnete nochmals den Blick für die Unterschiede zwischen urbanen und ländlichen Lebensrealitäten.
Ein weiteres Highlight folgte mit einem Besuch in der Deutschen Botschaft, wo wir persönlich von Botschafterin Irene Maria Plank empfangen wurden. Sie vermittelte anschaulich, wie vielfältig die Aufgaben vor Ort sind, von politischer Vertretung bis hin zu ganz konkreten Unterstützungsleistungen anhand interessanter Beispiele.
Neben all den Eindrücken blieb es nicht beim Zuhören: In Kleingruppen erkundeten die Studierenden verschiedene Stadtviertel, führten Interviews und sammelten eigene Eindrücke. Eine praxisnahe Prüfungsleistung? Oder doch eher ein lebendiger Blick hinter die Kulissen des Alltags in Sofia? Wahrscheinlich beides.
Am Ende bleibt weniger eine einzelne große Erkenntnis, sondern vielmehr ein bunter Mix aus Eindrücken, inspirierenden Begegnungen und wertvollen Impulsen für die eigene professionelle Arbeit. Sofia hat damit nicht nur fachlich, sondern auch persönlich neue Horizonte eröffnet.
Exkursion nach Sofia: Einblicke, Austausch und viele Aha-Momente
Mai 2026