Seminar in Bewegung – Renaturierung urbaner und ländlicher Ökosysteme
Einblicke in eine besondere Woche: Im Mai 2026 fand die im Rahmen des Projekts Q.V.I.W. kostenlos angebotene Exkursionswoche „Seminar in Bewegung“ statt. 17 Teilnehmende aus kommunaler Verwaltung, Naturschutz, Landschaftsarchitektur, Galabau, Digitalisierung und Wissenschaft erkundeten entlang unterschiedlichster Exkursionsziele eine Woche lang gemeinsam, wie Renaturierung in der Praxis gelingt.
Wetterextreme wie Hitzewellen, Starkregen, Dürren und Überschwemmungen machen deutlich, dass Klimaanpassung keine Zukunftsfrage mehr ist, sondern eine Gegenwartsaufgabe. Renaturierung leistet dazu einen wichtigen Beitrag, denn reaktivierte Auen können Hochwasserwellen kappen, wiedervernässte Feuchtgebiete sichern Wasserspeicher gegen Dürren und flächendeckende Begrünung kühlt die Umgebung spürbar ab. Als vielfältiges Feld, das von naturnaher Gestaltung bis zu technologisch anspruchsvollen Planungs- und Umsetzungsprozessen reicht, stärkt sie so gezielt die Widerstandsfähigkeit unserer Ökosysteme gegen die Folgen des Klimawandels. Statt diese Relevanz und Lösungsansätze nur theoretisch zu vermitteln, setzte das Seminar konsequent auf Erfahrung: fünf Tage, fünf Orte, fünf völlig unterschiedliche Perspektiven auf dieselbe Frage.
Montag: Grundlagen und ein Blick in die Kölner Südstadt
Montag
Grundlagen und ein Blick in die Kölner Südstadt
Den fachlichen Auftakt bildete eine Video-Einführung von Professor Stefan Zerbe (Universität Hildesheim/HAWK Göttingen). Im Anschluss gab Professor Udo Nehren von der TH Köln in einem Präsenz-Vortrag einen Überblick über konzeptionelle Grundlagen der Ökosystemrenaturierung, Maßnahmen der praktischen Renaturierung sowie naturbasierte Lösungen zur Minderung klimatischer Extremereignisse; veranschaulicht sowohl an globalen Beispielen als auch an Beispielen der Region Köln-Bonn.
Am Nachmittag folgte die erste Exkursion durch die Kölner Südstadt mit Frau Dr. Verena Dlugoß der Universität Köln, bei der städtische Infrastrukturen zur Hitzeminderung und zum Starkregenschutz betrachtet wurden; darunter Maßnahmen wie Parkanlagen oder Fassadenbegrünungen, die zugleich Erholung, Gesundheit und Biodiversität fördern. Dabei stand im Fokus, welche Ökosystemleistungen – beispielsweise Kühlung der Stadt – verschiedene grüne Infrastrukturen erbringen können. Frau Dr. Verena Dlugoß brachte hier auch Ergebnisse aus dem Forschungsprojekt AKT@HoMe zur Klimaanpassung durch Teilhabe ein. Im Rahmen des Projekts waren Bürger:innen aufgefordert, kleine Messstationen auf ihren Balkonen zu platzieren, um kontinuierliche Messungen von Klimaelementen wie Lufttemperatur, Wind, Luftfeuchte usw. für die Erfassung von Hitzetage zu ermöglichen.
Dienstag: An der Erft, zwischen Planung, Umsetzung und Eigendynamik
Der zweite Tag führte die Gruppe zum Erftverband nach Gymnich. Das rund 1.900 Quadratkilometer große Erfteinzugsgebiet steht vor einer besonderen Herausforderung, denn die rückläufigen Sümpfungswassereinleitungen aus dem Braunkohletagebau erfordern in den kommenden Jahren eine grundlegende Anpassung des Flussbetts an einen künftig deutlich geringeren Abfluss.
Herr Hartmut Hoevel vom Erftverband, der im Kommunikationsprojekt KOMM.RHEIN.REVIER. mitwirkt, führte in einem einleitenden Vortrag durch die wasserwirtschaftlichen Schwerpunktaufgaben der Region, von der Trinkwassersicherung bis zur Umgestaltung der Erft, erläuterte die Geschichte des Flusses, der seit 1807 mehrfach verlegt wurde und schlug den Bogen zum aktuellen Renaturierungsprojekt bei Gymnich. Im Rahmen der Europäischen Wasserrahmenrichtlinie wird dort ein vormals 2,5 Kilometer langer Abschnitt der Erft in einen rund 5,5 Kilometer langen, naturnah gewundenen Flusslauf umgestaltet. Ziel des Projekts ist es, die ökologische Durchgängigkeit wiederherzustellen, die Aue zu reaktivieren und eine eigendynamische Gewässerentwicklung anzustoßen.
Von einem Aussichtsturm aus erhielten die Teilnehmenden im Anschluss von Frau Ruth Haltof, Ingenieurin im Bereich Flussgebietsbewirtschaftung, einen Überblick über die Planung und mithilfe einer Baufirma durchgeführte Umsetzung des Renaturierungsprojektes an der Gymnicher Mühle. Anschließend führten beide die Gruppe in einem weiteren Abschnitt zu Fuß entlang des renaturierten Flusses und erläuterten Herausforderungen der aktiven Renaturierung, wie beispielsweise die Beschaffung geeigneter Steine. Den Abschluss bildete ein dritter Flussabschnitt in Frimmersdorf, wo mit vergleichsweise kostengünstigen Maßnahmen eine eigendynamische Renaturierung angestoßen wurde.
Mittwoch: Regen, nasse Schuhe und Waldnutzungsformen im Siegerland
Am dritten Tag ging es ins Siegerland, zum LIFE-Projekt Life4Siegerlandscapes, das den Fokus auf traditionelle Landnutzungssysteme legt. Dr. Dominik Schüßler, Prof. Jasmin Mantilla-Contreras und Karsten Cieslik von der Biologischen Station Siegen-Wittgenstein erläuterten Ziele und Maßnahmen zur Förderung von Zielarten und teilten erste Erfolge: so beispielsweise die Wiederansiedlung des Goldenen Scheckenfalters mit einer Population oder die erfolgreiche Vermehrung einzelner weiterer Zielarten. Im Bereich der Wälder liegt der Fokus auf der Förderung von Laubwäldern, insbesondere auf dem Erhalt von Altwald sowie Habitat- und Höhlenbäumen. Zudem zielt das Projekt auf den Erhalt und die Wiederherstellung von historischen Waldnutzungsformen wie Nieder- und Mittelwäldern ab.
Es war ein wechselhafter Tag, an dem sich sonnige Momente und starke stürmische Regengüsse abwechselten, sodass die Gruppe nachmittags abseits befestigter Wege buchstäblich in der feuchten Wiese versank. Mit nassen Schuhen und unter Regenschirme geduckt lauschte die Gruppe den Ausführungen der Projektmitglieder, die deutlich machten, wie viel Aufklärungsarbeit und Anleitung Renaturierungsprojekte in der Umsetzung brauchen; so hatte ein Dienstleister eine Fläche zu stark verdichtet und nicht wie beabsichtigt und notwendig bearbeitet.
Donnerstag: Von Pflichten zu Biodiversität und Wildpferden
Am vierten Tag fanden sich die Teilnehmenden zunächst in Paffendorf ein. Frau Dr. Claudia Raedig von der TH Köln erläuterte die wissenschaftlichen Grundlagen von Biodiversität und Konnektivität und stellte das bundesweite Netzwerk aus Trocken-, Feucht- und Waldlebensräumen sowie grenzübergreifende Biotopverbundflächen vor. Anschließend erfolgte eine Einordnung in rechtliche Rahmenwerke wie die UN-Biodiversitätskonferenz COP 16, die Nationale Biodiversitätsstrategie (NBSAP) und das Bundesnaturschutzkonzept.
Frau Anna Jo Merk von der RWE Forschungsstelle Rekultivierung, die seit 1994 als Schnittstelle zwischen Bergbau, Wissenschaft und Naturschutz fungiert, stellte anschließend die Dimensionen der Rekultivierung im Rheinischen Revier vor. Insgesamt wurden 230 Quadratkilometer Fläche rekultiviert, in denen rund 3.400 Tierarten, über 1.500 Pflanzen- und Pilzarten und mehr als 400 Rote-Liste-Arten (NRW) in etwa 40 Schutzgebieten leben. Zentral war dabei das Prinzip „Standortvielfalt schafft Artenvielfalt“ sowie die Erkenntnis, dass Rekultivierung bereits vor dem Abbau der Braunkohle konzeptionell mitgedacht werden muss. Am Nachmittag erlebte die Gruppe das Ergebnis dieser langfristigen Planung bei einer Exkursion zur Sophienhöhe hautnah. In Kooperation mit der Strukturwandelsafari der Zukunftsagentur Rheinisches Revier wurden mit einem Bus verschiedene Stationen des Landschaftsmosaiks, darunter die Goldene Aue, in der Wildpferde leben, angefahren.
Freitag: Vom Gesetz zur eigenen Praxis
Den Abschluss der Woche bildete der Blick auf den rechtlichen Rahmen. Zurück in Köln, dieses Mal in Mülheim, wurde die EU-Verordnung 2024/1991 zur Wiederherstellung der Natur (W-VO), die am 18. August 2024 in Kraft trat, vorgestellt. Bis 2030 müssen die Mitgliedstaaten demnach mindestens 20 Prozent ihrer Land- und Meeresflächen renaturieren, bis 2050 sollen in allen relevanten Ökosystemen Wiederherstellungsmaßnahmen umgesetzt sein.
In interaktiven Gruppendiskussionen reflektierten die Teilnehmenden, wie sich diese europäische Zielvorgabe mit ihrem eigenen beruflichen Alltag verbindet. Dabei wurde deutlich, dass die W-VO die berufliche Tätigkeit vieler Anwesender durch konkrete Verpflichtungen stärkt und gleichzeitig neue Handlungsfelder in Monitoring, Implementierung und Beratung eröffnet. Diskutiert wurden auch die Spannungsfelder, die mit der Umsetzung einhergehen: zum einen bestehen Flächennutzungskonflikte; zum anderen die Gefahr, sich in Zahlen und Berichtspflichten zu verlieren anstatt realen ökologischen Nutzen zu schaffen. Auch die Frage, wie aus der Vielzahl an Aktivitäten echte Kooperationen für den Naturschutz entstehen können, war Gegenstand der Diskussionen. Anschließend richtete sich der Blick auf weitere Regelungen zum Schutz von Ökosystemen, darunter die bereits im Jahr 2000 in Kraft getretene Wasserrahmenrichtlinie, deren zentrales Ziel ein dauerhaft guter ökologischer und chemischer Zustand der europäischen Gewässer ist. Dabei stellte sich die Frage nach den Schnittstellen und Synergien zwischen den zahlreichen Regelungen: Welche Auswirkungen haben sie auf die Praxis? Und führt diese Vielzahl an Vorgaben zu einem echten Mehrwert oder schlicht zu zusätzlicher Bürokratie bei der Umsetzung von Renaturierungsmaßnahmen? Diese Fragen wurden in einer abschließenden Fish-Bowl-Diskussion ausführlich gemeinsam diskutiert.
Eine der nachdenklichsten Erkenntnisse der Woche: Trotz allen Engagements verlangsamen die bisherigen Bemühungen den Biodiversitätsverlust zwar, können ihn aber noch nicht stoppen. Von einem stabilen oder gar steigenden Biodiversitätsniveau ist man nach wie vor weit entfernt.
Das Seminar in Bewegtbild
Musik: folk_acoustic / Pixabay
Ausblick & Dank
Fünf Tage, fünf Landschaften, fünf völlig unterschiedliche Antworten auf dieselbe Grundfrage „Wie bringen wir Ökosysteme zurück in ein funktionierendes Gleichgewicht?“ Mit den vielfältigen Beispielen vom hochverdichteten Stadtraum über den dynamischen Fluss und die historische Kulturlandschaft bis zur rekultivierten Bergbaufolgelandschaft machte das Seminar sichtbar, dass Renaturierung kein einheitliches Rezept kennt, sondern immer eine Übersetzungsleistung zwischen ökologischem Anspruch, rechtlichem Rahmen und konkreter Umsetzung vor Ort ist.
Einen herzlichen Dank an alle Exkursionsdurchführenden, wissenschaftliche Expertise und Projektpartner:innen, darunter den Erftverband, die Biologische Station Siegen-Wittgenstein, die RWE Forschungsstelle Rekultivierung und die Zukunftsagentur Rheinisches Revier für die engagierte Begleitung der Woche.
Einblicke in Bildern
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Dr. Verena Dlugoß der Universität zu Köln betrachtete mit den Teilnehmenden am Montag städtische grüne Infrastrukturen. (Bild: TH Köln)
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Dabei waren die Teilnehmenden auch aufgefordert, mithilfe von Arbeitsblättern selbst ins Denken zu kommen... (Bild: TH Köln)
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Ruth Haltof des Erftverbandes erläuterte am Dienstag die vielfachen Erft-Verlegungen... (Bild: TH Köln)
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...und führte die Teilnehmenden anschließend entlang des renaturierten Flussabschnitts. (Bild: TH Köln)
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Die Beschaffung von für die Renaturierung geeigneten Steinen stellt eine Herausforderung dar. (Bild: TH Köln)
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Was schlussendlich natürlich aussieht, ist genau geplant und mithilfe einer Baufirma umgesetzt worden. (Bild: TH Köln)
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Dr. Dominik Schüßler der Biologischen Station Siegen-Wittgenstein erläuterte am Mittwoch Ziele und Maßnahmen des Projektes Life4Siegerlandscapes. (Bild: TH Köln)
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