Schaffen wir es auf die neue Arche Noah?
Die Zeiten in denen wilde Tiere die Menschen ernsthaft bedrohen sind vorbei. Heute müssen wir die Umwelt schützen. Wir bauen auf KI. Aber kann sie eine neue Bedrohung für die Menschheit darstellen?
Timmy ist tot, so scheint es, denn der tote Wal vor Dänemarks Küste scheinen seine Überreste zu sein. Wir Menschen haben mit allen Mittel versucht, der Natur einen Buckelwal zurückgegeben, der sich zu uns verirrt hatte und dabei weder Kosten noch Mühen gescheut. Tier und Mensch haben verloren. Und dennoch: Gleich in welchem Verhältnis die Rettungsmaßnahme steht, ist sie ein Symbol für einen Dienst der Menschen an der Umwelt.
Darauf, wie sehr wir der Umwelt verbunden sind, hat vor beinahe dreißig Jahren der Mönchengladbacher Philosoph Hans Jonas in seiner Dankesrede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Börsenvereins des Buchhandels 1987 hingewiesen. Es ging um die Optimierung des Menschen durch Technik, insbesondere durch die Genforschung. Jonas beschrieb die Gefahr, die für den Menschen durch den Menschen ausgeht. Es sei nicht die Natur, die den Menschen seiner Existenz beraube, sondern der Mensch. Dies geschehe, indem er der Natur ihren Raum und damit dem Menschen und seinen Mitgeschöpfen die Existenzgrundlage durch die „Optimierung“ mittels technischer Errungenschaften nehme.
Die übergroße Macht der Technik betrachtete er mit Sorge. Mit den kulturellen Errungenschaften gehe eine Gefahr einher. Das Problem des Menschen bestehe nicht mehr darin, sich vor dem Ozean zu schützen, sondern umgekehrt, den Ozean vor dem Menschen zu retten. Er sah die Freiheit des Menschen in Gefahr, die er als menschliche Gattungseigenschaft beschreibt, die dem Menschen kraft „organischer Ausstattung“ des Gehirns mit dem Mittel der Einbildungskraft als Quelle seiner Errungenschaften eigen sei. Sprache beschreibt Hans Jonas als Medium der Freiheit, die dem Menschen körperlich und geistig zukomme und deren Konsequenzen die Tiere und die Natur erdulden müssen.
Der Mensch betreibe Raubbau an der Natur und er sei „bei der Erfindung sehend, aber im Gebrauch neuer Technologien blind“. Nun, so Jonas 1987, bedrohe der zu große Sieg den Sieger, denn er sei bei der Beherrschung der Natur in die Ebene der Moleküle eingedrungen und so in der Lage, die Genetik des Menschen zu manipulieren. Für Jonas ist die Pflicht zum Erhalt der Freiheit eine Bedingung für deren Bestand. Die Gattungsfreiheit beinhalte auch die Freiheit zur Übernahme politischer Verantwortung und deren praktische Umsetzung, sowohl für den Einzelnen als auch für den Staat. Der Mensch müsse sich Grenzen setzen und dabei auf menschliche Kategorien wie Mitleid, Gerechtigkeit und Liebe bauen.
Hans Jonas ging es zum Ende der 1980er-Jahre um die Verantwortung des Menschen für den Planeten. Die Verhältnisse zwischen Moby Dick und seinem Jäger, Kapitän Ahab im Roman von Herman Melville aus dem Jahr 1851 haben sich 2026 längst umgedreht. Kaum etwas kann das treffender symbolisieren wie die Bilder von Timmy, der in einem schwimmenden Netz fast liebevoll in die Freiheit gezogen wird. Er wird gestreichelt statt harpuniert.
Die Zeit, in der der alte Mann bei Hemingway mit dem Meer kämpfte und verlor, war schon 1987 vorbei und der Mensch musste das Meer vor den Menschen schützen. Der Geist des Menschen und seine Verantwortung sei nun wichtig, um die Erde für den Menschen zu erhalten und die Umwelt zu schützen, sagte Hans Jonas damals. Er begriff das als eine Ausprägung von Verantwortung für die Natur, deren „vorgreifender“ Schutz eine Verpflichtung auf eine verantwortbare Zukunft sei. Man müsse, so Jonas, „die Augen öffnen für das, was man schon sehe“. Unglücksfälle, wie der Reaktorunfall von Tschernobyl, gäben dazu mahnenden Anlass. Im Jahr 1994 wurde die Staatszielbestimmung zum Umweltschutz in der Verfassung verankert.
Heute sähe sich Hans Jonas wahrscheinlich einer weiteren Gefahr des Menschen durch sich selbst ausgesetzt. Sie hat mit KI eine neue Dimension erreicht. Allerdings geht es bei KI nicht um die Manipulation von Genen, sondern das Eindringen der Geschichten der erzählenden Mathematik in unser Denken. Die Augen zu öffnen für das, was man schon sieht, riet Hans Jonas. Heute „sehen“ wir mathematisch simulierte Gedanken. Die Hirnforschung ist in der Realität weit fortgeschritten.
Das Time-Magazin macht 2025 mit dem Thema auf, das der Schriftsteller Dan Brown im selben Jahr in seinem Roman „The Secret of Secrets“ beschreibt. Unter der Überschrift „Ist unser Gehirn die nächste Datenquelle der KI?“ war im September 2025 darüber zu lesen, dass Elon Musk und Sam Altman von der Verschmelzung von Mensch und Maschine träumen. Sie bieten Schnittstellen des Menschen zum Gehirn (sogenannte Brain-Computer-Interfaces, BCI) an. Zwölf Menschen hatte Neuralink, ein Start-Up von Elon Musk, im Herbst 2025 schon einen Chip implantiert. Die Technik soll Gelähmten helfen, vernetzte Geräte mit Gedanken zu bedienen. Sie kann aber auch einen Menschen „hacken“ und dessen Gedanken manipulieren, sagt der Heidelberger Neuropathologe Felix Sahm.
Auch in Sachen KI geht es hinter dem Horizont weiter. Es wird an „starker KI“ geforscht, die eigene Werte haben und umsetzen soll. Diese Technik kann Einfluss auf die Geschicke der Menschheit nehmen, weil das Werkzeug aktionsfähig ist und uns überflügeln kann. Was könnte die Konsequenz sein? Wo steht geschrieben, dass starke KI kein anderes und vielleicht besseres Ende für das Leben der Menschen mit KI errechnet, als es uns vorschwebt? Starke KI soll in den Stand versetzt werden, auf Grundlage unserer Ideale Ideen für die Menschheit zu entwickeln und deren Umsetzung vorzubereiten. Dass der Frieden unter den Menschen brüchig ist und die Umwelt unter uns ächzt, ist für die meisten offenkundig.
KI soll Lösungen für diese Probleme finden. Vielleicht orientiert sie sich an religiösen Werten der Menschheit. Diese hat, glaubt man der Bibel, seit dem Turmbau zu Babel das Problem der unterschiedlichen Sprachen. Die Menschheit ist im Begriff, es durch Übersetzungssoftware per KI zu überwinden. Eins zu null für uns, wenn es um die Verständigung geht. Warum soll die mit Wertefindung beauftragte KI bei der eigenen Lösung von noch größeren Problemen der Menschheit nicht auch auf eine göttliche Idee zurückgreifen? KI könnte eine Arche bauen.
Was ist, wenn der Mensch keinen Platz bekommt, weil die Robotik einer Erde unter menschlicher Herrschaft nach den Kategorien mathematischer Wertermittlung nichts Gutes verheißt und die Tiere nicht das Problem darstellen? Dann könnte es schnell zu spät sein für ein zwei zu null für die Menschheit. Ein Unentschieden gibt es nicht. Das Ergebnis dieser KO-Runde lautet Sudden Death. KI hat die körperliche Handlungsfähigkeit erreicht. Die Entwicklung von Robotern, seien es Vögel, Hunde oder Soldaten, schreitet voran. KI wird uns nicht morgen vom Planeten verbannen. Wie lange aber, wird der Mensch noch das Maß der Dinge sein, wenn wir schon nach wenigen Jahren kein Störgefühl mit der KI-Ära haben? Der Horizont ist eine imaginäre Linie, die sich zurückzieht, wenn man sich ihr nähert. So heißt es in einem Witz, der ein Faktum beschreibt. Der Horizont wird hoffentlich auch keine Ausnahme machen, wenn die KI ihn überwinden möchte. Hackt KI erst menschliche Armeen, um den Weltfrieden zu sichern, ist die Arche nicht mehr weit.
Der Text beruht auf Auszügen aus Rolf Schwartmanns Buch, Über Leben mit KI, das am 2. Juni 2026 im Verlag Frankfurter Allgemeine Buch erscheint.
https://fazbuch.de/autor/rolf-schwartmann/
Mai 2026