Philipp Hummel - Istanbul Teknik Üniversitesi

Istanbul (Bild: Philip Hummel)

Istanbul, Türkei - 2014


Vorbereitung

Warum Istanbul?
In meinem Studium ist ein Auslandssemester nicht vorgesehen, deshalb kam die Idee dazu sehr spontan. Durch mein privates Umfeld bedingt hatte ich mich gezielt im International Office über Hochschulen in der Türkei informiert. Vor meinem Auslandsaufenthalt hatte ich schon einige Male Istanbul besucht und wollte schon immer wissen, wie es ist, in dieser Stadt zu leben. Das war eines der Hauptkriterien, warum ich mich für Istanbul entschieden habe.

Bewerbung bei der Gasthochschule:
Die Bewerbung für das Ausland-Semester verlief bei mir sehr unkompliziert. Da ich mich nur für die Türkei interessierte, gab es nur eine Universität zur Auswahl und in ein Auswahlverfahren kam ich auch nicht, was wohl daran lag, dass ich der einzige Bewerber in meiner Fakultät war. Im Internet habe ich mich selbst erkundigt und habe mich auf dieser Seite beworben:
http://www.eucentre-eng.itu.edu.tr/

Organisation

Vor der Ausreise...
Da mein Aufenthalt länger als 3 Monate dauerte, wurde mir empfohlen ein Visum zu beantragen. Also ging ich zum Türkischen Konsulat in Köln. Hierzu braucht man keinen Termin, man geht einfach dort hin und lässt sich eine Nummer geben. Das Visum wird auch sofort ausgestellt, wenn man folgende Unterlagen dabei hat: Passbild, Letter of Acceptance (im Original), Immatrikulationsbescheinigung der eigenen Hochschule, 60 EURO (Stand: Jan. 14) und natürlich den Reisepass.

Dazu ein Hinweis: In der Türkei angekommen stellte sich heraus, dass auch Leute, die ein Visum haben, den Residence Permit bezahlen müssen. Ich empfehle genauestens nachzufragen, was als Deutscher notwendig ist.
http://e-randevu.iem.gov.tr/yabancilar/dil_sec.aspx
Auf dieser Internetseite würde ich rechtzeitig einen Termin vereinbaren. Als Student kann man durchaus über einen Monat auf einen Termin für eine Neubeantragung warten. Zur Polizeistelle würde ich mit einer Begleitperson gehen, die türkisch spricht. Es ist zwar eine Ausländerbehörde, aber es wird nur türkisch gesprochen.

In der Türkei...
In der ersten Woche fand ein Orientation Day statt, welcher vom Erasmus-Team der Uni gehalten wurde. Diese "Info-Veranstaltung" hat mir persönlich nicht weiter geholfen. Das Wichtigste, wie İstanbulkart, Residence Permit, Kursregistrierung usw. wurde in 5 min von einer PowerPoint Präsentation "runtergerattert". Die meisten Informationen hiervon waren im Vorfeld schon bekannt. Ich hätte mir gewünscht, dass auf solche organisatorischen Dinge mehr eingegangen wäre. Im Anschluss daran kam ein Vortrag der ESN. Dabei ging es hauptsächlich nur um Party und Vergünstigungen für Getränke in diversen Clubs und Bars.
Der Campus Ayasaga ist ziemlich groß. Es gab zwar eine lustige Campus-Map mit allen Gebäuden abgebildet, aber wirklich hilfreich war die Karte nicht, um sich zu orientieren.
Trotz all der negativen Kritik, gibt es etwas, das ich sehr gut fand: während des Semesters hatte ich einen "Buddy", an den ich mich stets wenden konnte, wenn ich Probleme hatte, was die Uni betrifft.

Handy...
Benutzt man in der Türkei ein Handy das nicht registriert wurde, wird es nach einigen Wochen gesperrt. Man kann es jedoch bei einer Behörde freischalten lassen, gegen eine Gebühr. Türkische Mobilfunknetze sind in der Regel recht billig und haben auch keine Vertragslaufzeit o.a.

Unterkunft...
Eine der besten Internetseiten, über die auch ich meine Wohnung gefunden habe: http://istanbul.en.craigslist.com.tr/roo/
Eine Woche vor Abreise, habe ich auf dieser Seite intensiv nach dem passenden Zimmer gesucht und Termine für Besichtigungen vereinbart. Die Anbieter sind meistens auf Erasmus-Studenten fixiert und verlangen sehr hohe Preise. Je nach Anspruch gibt es aber Zimmer zwischen 150-250 Euro, alles darüber finde ich überteuert.
Ich hatte das Glück, dass ich die ersten Tage bei Verwandten eines Freundes übernachten konnte, der zur gleichen Zeit in Istanbul war. Er half mir auch bei der Wohnungssuche und die ersten Tage klar zu kommen. Das war eine sehr große Erleichterung, vor allem sprachlich.

Studium an der Gasthochschule

Das Studium an der Gasthochschule hat mich doch etwas überrascht. Es gibt in einigen Kursen Anwesenheitspflicht. Auch das allgemeine System ist anders als ich es von meiner FH gewohnt bin. Es gibt Hausaufgaben, Projekte, Midterms und Final exams.
Die Qualifikationen der Professoren ist meines Erachtens bunt gemischt. Einige waren sehr motivierend und gingen auf Wünsche der Studierenden ein, andere wiederum nicht. In jedem Kurs wurde aber auch hin und wieder auf türkisch vorgetragen. Falls die Professoren weiter den Unterricht in ihrer Muttersprache fortgesetzt haben, musste man sie darauf hinweisen und sie sprachen dann wieder auf englisch. Das war sehr amüsant.
Man muss sich für die Kurse registrieren, nur in registrierten Kursen kann man die Prüfungen ablegen. Am besten man registriert sich für alle Kurse die einem interessant vorkommen. Ich hatte ein riesiges Theater mit dieser Registrierung, weil dann einige Kurse doch nicht angeboten wurden oder andere nur auf türkisch gehalten wurden oder die Vorlesungszeiten kollidierten. Der Registrierungszeitraum war dann schon vorbei, um weitere Kurse zu besuchen. Am Ende fand ich das Semester aber doch sehr gelungen, was ich zu Beginn nicht behaupten konnte.

Alltag und Freizeit

Meinen Alltag habe ich versucht genauso wie in Deutschland zu gestalten, sprich, ich ging regelmäßig zur Uni, habe mir zu Hause gekocht, bin in ein Fitness Studio gegangen etc.
Da ich sehr auf meine Ernährung achte, bin ich eher selten in Restaurants gegangen, stattdessen ging ich immer zum Supermarkt, Metzger, Wochenmarkt usw., auch um meine Türkisch-Kenntnisse zu verbessern und Neues dazu zu lernen. Zudem lernte ich auch die türkische Küche kennen.

Bei anderen Erasmus-Studenten habe ich erlebt, dass sie dieses Auslandssemester als eine Art "Urlaub" nutzten. Für mich aber war es eher wichtig zu erfahren, ob ich im Alltag genauso zurecht komme wie in Deutschland, da ich evtl. nach meinem Studium in der Türkei leben möchte.

Zu Beginn des Aufenthalts standen in der Türkei Kommunalwahlen an; dadurch und durch andere Geschehnisse fanden häufig Demonstrationen statt. Ich wollte in die Sache nicht involviert werden, deshalb habe ich mich davon auch fern gehalten. Auch auf dem Campus-Gelände rückte einmal die Polizei mit Wasserwerfer vor.

Istanbul bietet eine riesige Auswahl an Freizeitaktivitäten. Zum einen wird von der Uni eine Menge angeboten, zum anderen gibt es bei Facebook Gruppen, die Events über Istanbul planen; eine gute Möglichkeit mit anderen Erasmus-Studenten in Kontakt zu treten.
In Istanbul habe ich einige Bekannte besucht, die mir auch vieles über die Stadt und Kultur zeigten. Nachdem ich alle Klausuren hinter mich gebracht hatte und das Semester offiziell zu Ende war, entschied ich mich noch nicht nach Hause zu kehren. Freunde aus Deutschland sind gekommen, die Familie in Istanbul haben. So konnte auch ich ihnen versteckte Ecken und Attraktionen in Istanbul zeigen und meine Erfahrungen teilen.

Eines meiner Highlights war definitiv der Fastenmonat Ramadan. Es war sehr schön hautnah mitzuerleben, wie die Menschen mitten in der Nacht von einer Trommelgarde geweckt wurden, um sich für ihren nächsten Tag im Ramadan vorzubereiten. Nach dem Fastenbrechen waren die Leute bis zum Sonnenaufgang auf den Straßen, Cafes und Restaurants hatten extra lange geöffnet. Eine schöne Atmosphäre auch in den unzähligen Parks, wo Unterhaltungsshows stattfanden. Jede Altersgruppe war vertreten. Für mich war diese Erfahrung neu, da ich es nur von Erzählungen kannte und es nun selbst miterleben durfte. Ich selbst habe auch einige Tage gefastet, um einfach dieses Gefühl zu vertiefen.

Fazit

Abschließend kann ich über diesen Auslandsaufenthalt nur positive Aspekte für meine weitere Zukunft in Betracht ziehen. Ich habe sowohl gute als auch weniger gute Erfahrungen gesammelt, konnte mich aber relativ schnell in einem fremden Land mit anderer Kultur einleben und zurecht finden. Anfangs hatte ich natürlich sprachlich große Schwierigkeiten da ich vor dem Aufenthalt nur einfache Basiskenntnisse hatte. Einen Türkisch-Kurs hätte ich gerne besucht, war aber für meine Verhältnisse zu teuer.

Die Zeit in der Türkei verging sehr schnell – meines Erachtens war der Aufenthalt doch etwas zu kurz. Gegen Ende kam ich mit der Sprache besser zurecht und wäre gerne noch eine Weile geblieben. Eine Verlängerung konnte ich mir aber nicht erlauben, weil ich mein Studium beenden wollte.

Der Aufenthalt hat mir viele Einblicke ins alltägliche Leben beschert und mir gezeigt, dass ich mir durchaus vorstellen kann, nach meinem Studium einigen Jahre in der Türkei zu leben.

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