Thomas Lenzen - Universidad Politécnica de Valencia

Bodenplakette im Mittelpunkt des Campus der Universidad Politecnica de Valencia (Bild: Thomas Lenzen)

Valencia, Spanien, 2006/07


Schon zu Beginn meines Studiums war mir klar, spätestens zum Master-Studium möchte ich die Möglichkeit nutzen, eine Zeit im Ausland zu verbringen. Relativ früh habe ich dabei Spanien ins Auge gefasst. Neben dem Interesse an Kultur und Menschen interessierte es mich auch, Spanisch als zweite Fremdsprache zu erlernen. Umso größer war die Freude als mir mein Platz im Erasmus-Programm an der Universidad Politecnica de Valencia (UPV) an der Fakultät für Informatik zugesagt wurde.

Nach stressigen Tagen der Vorbereitung ging es am Morgen des 3. September 2007 mit einem großen Koffer zum Flughafen Köln-Bonn. Schnell stellte sich heraus, dass neben einem Kommilitonen meiner FH, noch eine ganze Reihe weiterer Erasmus-Studenten anderer Hochschulen mit im Flieger saßen. Da die Vorlesungen erst in der letzten Septemberwoche begannen, waren alle auf dem Weg zum zweiwöchigen Sprachkurs nach Gandia. So waren die ersten Kontakte schnell geknüpft. Der kleine Touristenort südlich von Valencia besitzt einen kleinen Campus der UPV. An diesem wird zu Beginn jedes Semesters vom International Office der UPV ein Sprachkurs angeboten, der sich neben dem Auffrischen der Sprache vor allem auch zum Kennenlernen der anderen internationalen Studenten aller Fakultäten eignet. Da kaum jemand bereits im Vorhinein eine Unterkunft hat, ist diese Zeit aber auch ideal zur Wohnungssuche. Aufgrund der hohen Studentenzahl und der oft sehr schlechten WG-Zimmer ist es nicht leicht etwas Passendes zu finden. Vor allem als Mann hat man gegenüber Frauen bei spanischen Vermietern oft das nachsehen. Nachdem auch ich diese Erfahrung gemacht habe, entschied ich mich, mit meinem Kommilitonen aus Köln und einem Niederländer aus dem Sprachkurs, eine eigene Wohnung nahe der Uni zu mieten.

Nach dem Sprachkurs und einer Woche Einleben in der Stadt, fingen Ende September endlich die ersten Vorlesungen an. Bei mir viel die Wahl auf vier Kurse, von denen einer Spanisch und der Rest in Englisch war. Anders als in Deutschland haben diese meist einen sehr starken Praxisanteil, welcher auch bei englischen Veranstaltungen meist auf Spanisch stattfindet. Allgemein sprechen meist weder Hochschulangestellte noch spanische Studenten Englisch. Auch der wöchentliche Erasmus-Spanischkurs, meist mit etwa fünfzig Personen in einem Raum, hilft nur wenig beim Ausbau der eigenen Sprachkompetenz. So ist die beste Lösung eine Sprachschule zu besuchen, fleißig zu lernen, sich spanisch sprechende Mitbewohner zu suchen und, ganz wichtig, im Unterricht jemanden mit besseren Sprachkenntnissen neben sich zu haben. Klausuren werden vor allem in den Kursen in höheren Semestern weniger geschrieben. Die Bewertung erfolgt gerade bei ausländischen Studenten meistens über praktische Abschlussarbeiten zum Semesterende, die dafür oft anspruchsvoll und zeitaufwendig sind.

Der Campus selber ist traumhaft. Mehrere Restaurants und Cafes, Banken, eine Buchhandlung, ein Blumenladen und sogar ein Friseur erlauben es, den ganzen Tag dort zu verbringen. Ein eigenes Schwimmbad, ein Stadion, eine Kletterhalle und viele weitere Sportstätten stehen den Studenten kostenlos zur Verfügung. Und wenn es dafür einmal zu heiß sein sollte (oder aufgrund der Klimaanlage im Raum zu kalt), ist der Strand nur 500 Meter entfernt.

Bereits nach zwei Monaten war mir klar, dass ich gerne länger als das ursprüngliche halbe Jahr dort bleiben wollte. Die Uni bat mir gute Möglichkeiten im Sommersemester die noch fehlenden Kurse meines Studiums zu absolvieren, aber auch der Gedanke, dass diese Zeit bereits fast zu Ende sein sollte und ich wieder nach Hause sollte, motivierte mich zur Verlängerung. Da es von Seiten der UPV keine Probleme gab, nutzte ich meinen ersten Besuch in Köln um alle Formalitäten zu klären.

Im Winter musste ich dann leider feststellen, dass es auch in Spanien regnet und sogar kalt werden kann. Das machte es aber leichter sich auf das Semesterende vorzubereiten. Mein bevorzugter Lernort war das Casa de Alumnos (Haus der Studenten) oder die Bibliothek der Uni, welche zur Klausurphase rund um die Uhr geöffnet sind. Die Atmosphäre dort hat mich erst so richtig spüren lassen, dass ich in einem anderen Land studiere. Außerdem gab es dort, wie auf dem gesamten Campus, W-LAN, was beim arbeiten hilft und den regelmäßigen Kontakt nach Hause ermöglicht.

Meine beiden Mitbewohner haben die Wohnung zum Semesterende verlassen. Dafür zog, neben einem anderen Kommilitonen aus Köln, Sergio ein. Ein Neapolitaner der zum Arbeiten beim America’s Cup nach Valencia gekommen war. Die Zeit dieser gemischten Männer-WG war toll und das erzwungene Spanisch sprechen half mir ungemein. Leider musste Sergio aufgrund beruflicher Probleme zurück nach Italien und wurde durch Servanou, eine nette Französin, ersetzt, die ebenfalls für den America’s Cup arbeitete.

Allgemein ist einer der größten Vorteile eines einjährigen Auslandsstudiums, dass nach dem ersten Semester eine gewisse Ruhe einkehrt. Viele gehen, andere kommen, und man selber fängt an mehr einen normalen Alltag in einem anderen Land zu führen. Und die noch relativ neuen Freundschaften werden fester. Im ersten Semester ist man dagegen mehr damit beschäftigt die Veränderungen und die neue Umgebung zu verarbeiten. Die Nächte mit den anderen Erasmus-Studenten sind dann oft wichtiger als der Sprachkurs am Morgen.

Valencia selber ist eine tolle Stadt, die viel zu bieten hat. Neben einem der größten Nachtleben des Landes, gehört das wirtschaftliche Wachstum zu den Höchsten in Europa. Baustellen prägen die gesamte Stadt. So lässt sich beispielsweise im El Carmen, der Altstadt von Valencia, die Geschichte erleben, während nicht weit davon entfernt der neue America’s Cup Hafen zu bewundern ist und eine Formel-1 Strecke á la Monaco in der Entstehung ist. Das Umland von Valencia ist vor allem durch Orangenplantagen, Berge im Hinterland und Strände geprägt. Für uns haben regelmäßige Ausflüge immer dazu gehört, da es einfach eine Menge zu entdecken gibt. Die jährlich im März stattfindenden Fallas sollte man auf keinem Fall verpassen. Sie gehören zu den größten Festen Spaniens und sind großer Bestandteil der valencianischen Kultur.

Allgemein sollte man die freien Tage in der Uni unbedingt zum Reisen nutzen. Das nur 350 km entfernte Barcelona oder die Hauptstadt Madrid gehören sicher zum Pflichtprogramm eines Erasmus-Studenten. Aber günstige Leihwagen oder Überlandbusse ermöglichen auch Rundtouren in andere Ziele. Für mich gehört meine Reise in den Osterferien, die ich zusammen mit zwei Deutschen und einer Französin in einem gemieteten Kastenwagen gemacht habe, zu den tollsten Erlebnissen dieser Zeit. Über Malaga und Granada ging es nach Sevilla, Lissabon bis Porto.

Aber auch das zweite Semester ging viel zu schnell vorüber. Mein deutscher Mitbewohner flog direkt nach Vorlesungsende nach Hause und wurde durch Adriana, eine brasilianische Barkeeperin, ersetzt. Die letzten eineinhalb vorlesungsfreien Monate bis zu meinem Rückflug habe ich noch sehr genossen, aber die fast täglichen Abschiedsfeiern haben einen spüren lassen, dass die Zeit bald zu Ende ist. So ging es dann am 26. Juli zurück nach Deutschland. Mit deutlich mehr Gepäck als beim Hinflug und gemischten Gefühlen landete ich am späten Abend wieder in Köln.

Für mich waren diese beiden Semester eine unvergessliche Zeit. Auch jetzt, mehr als ein Jahr später, merke ich immer noch, wie sehr mich die Erlebnisse und Erfahrungen sowohl beruflich wie auch privat prägen.

Wie lange man im Ausland bleiben möchte, muss jeder für sich selbst entscheiden. Das Auslandssemesters gehört für mich aber eindeutig zu den besten Dingen, die mir das Studium ermöglicht hat.

Ich bedanke mich vor allem bei meinen Freunden und meiner Familie, die auch aus der Ferne immer für mich da waren, aber auch den Professoren Dr. Büchel, Dr. Nissen und Dr. Vogt, die mich sowohl bei meiner Verlängerung des Auslandsaufenthalts als auch bei der Anerkennung der Leistungen immer voll unterstützt haben.

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