Philipp Richter - San Francisco State University / University of California at Berkeley

Philipp Richter vor der nächtlichen Golden Gate Bridge (Bild: Philipp Richter)

San Francisco, Kalifornien, USA - 2006/07


Am Samstag den 22. Juli 2006 ging es endlich los. Die Koffer waren gepackt, die Möbel und alles andere, was man ebenfalls nicht für einen fast einjährigen Studienaufenthalt in den USA brauchte, waren in Köln-Mülheim in einem Container der Firma Shurgard Selfstorage verstaut. Das Taxi wartete vor der Tür in der Südstadt, um mich zum Hauptbahnhof zu bringen, von wo aus ich anschließend den ICE nach Frankfurt nehmen sollte. Dieser Augenblick war etwas Besonderes, da er für mich den Beginn eines neuen Lebensabschnitts darstellte.

Von Frankfurt ging es erstmal nach Atlanta und von dort weiter nach Tallahassee, Florida, wo drei Wochen Summerschool warteten. Diese Summerschools sind ein integraler Bestandteil des Fulbright-Stipendiums und sollen kulturell, sprachlich und akademisch auf das Studium in den USA und an der amerikanischen Gasthochschule vorbereiten. Mit dem mir zugewiesenen Platz hatte ich besonderes Glück, da wir neben interessanten landeskundlichen Kursen einen überaus realen Wochenendtrip nach Cape Canaveral und das Epcot Center in Disneyland, Orlando, erleben durften. An dem zweiten Wochenende des Programms war ich mit einer anderen Fulbrighterin bei einer Gastfamilie untergebracht und so konnten wir auch mal in das Familienleben einer echten amerikanischen Familie eintauchen. Echt war daran in meinen Augen vor allem, dass keiner der Ehepartner in den USA geboren wurde. Der Familienvater war Professor an unserer floridianischen Hochschule und kam ursprünglich aus Jamaica, die Familienmutter aus Trinidad und Tobago. Als einprägendste Erfahrung der Summerschool nahm ich wohl das Gefühl mit, zum ersten Mal als Teil einer ethnischen Minderheit angesehen zu werden. Die Universität, an der wir untergebracht waren, die Florida A&M University, ist eine so genannte Black-School, an der historisch bedingt Weiße stark unterrepräsentiert sind. So hat man auf dem Campus öfter sehr interessierte Blicke auf sich gezogen, die man in dieser Art nicht gewohnt war. Lehrreich war auch der Austausch mit der Gruppe der anderen Fulbrighter, die von überall aus der Welt kamen und von denen jeder eine spannende Geschichte zu erzählen hatte. Manche kamen aus Afrika und andere aus asiatischen Ländern wie Afghanistan oder Pakistan und gerade für diese Gruppe war der Kulturschock spürbar härter als für uns Europäer. Neben dem Pflichtprogramm blieb auch viel Zeit, um mit diesen Leuten Kontakte zu knüpfen. Mit einigen stehe ich auch heute noch in Verbindung. Schließlich hieß es für uns am 12. August "Goodbye" zu sagen, und jeder von uns begab sich auf den Weg an seine Gasthochschule.

In San Francisco angekommen, stand erst einmal die Zimmersuche in einem der angespanntesten Wohnungsmärkte der USA auf dem Programm, die für mich glücklicherweise sehr schnell zu Ende ging. Ich fand eine Wohnung im historischen Hippie-Viertel der Stadt, Haight Ashbury, wo ich das erste Semester verbringen sollte. Die Miete von $900 war für San Francisco nichts besonderes und nur mit viel Glück bekam man etwas wirklich Gutes für weniger Geld. Trotz der ganzen finanziellen Unterstützung von Fulbright bin ich dann angesichts der sonstigen Lebenshaltungskosten und geplanten Reisen im zweiten Semester in ein günstigeres und damit leider auch weniger attraktives Zimmer im hispanischen Viertel der Stadt, dem Mission District, gezogen, wo ich nur noch $650 zahlen musste. Dort gab es kaum Touristen wie in Haight Ashbury, dafür wurde man „in der Mission“ mit sehr freundlichen Menschen belohnt und Clubs waren auch nicht mehr so weit weg. Ein weiteres Plus war das bessere Wetter mit wenig Nebel, da man in Haight Ashbury im Winter fast ganztägig Nebel hat.

Meine Kurswahl an der San Francisco State University (SFSU) hat sich nach den ersten Vorlesungen schnell als nicht besonders gut herausgestellt, da sie für meinen Geschmack zu praktisch ausgerichtet waren. So wechselte ich in der ersten Woche die meisten meiner Kurse, um meinem gestiegenen Bedürfnis an Theorie gerecht zu werden. Bei meiner Recherche zu möglichen Alternativen stieß ich damals auch auf ein Programm, das die Belegung von Kursen an der University of California at Berkeley (UCB) ermöglichte. Für die Einschreibung brauchte man alle möglichen Unterschriften bis hin zu denen der Dekane der beiden Departments an der SFSU und an der UCB. Diese Unterschriften konnte ich nach einigen Vorstellungsgesprächen recht schnell bekommen und drei Tage später war ich als Special Student in Berkeley eingeschrieben. Das Programm erlaubte mir, einen Kurs pro Semester an der UCB zu besuchen und ich entschied mich im Wintersemester für einen Einführungskurs in theoretischer Informatik. Der Kurs war sehr anspruchsvoll und behandelte insbesondere Algorithmen, für die ich eine große Begeisterung entwickelt habe. Neben diesem Kurs habe ich noch einen Kurs in Zahlentheorie als Grundlage moderner kryptografischer Systeme, einen Einführungskurs in Wahrscheinlichkeitstheorie (Stochastik bildet die Grundlage für viele Algorithmen) und einen Kurs in Datenstrukturen besucht. Leider hat das zeitmäßig aufwendige Pendeln nach Berkeley (ca. 90 Minuten one way) es nicht erlaubt, die Sprechstunden der Teaching Assistants zu besuchen. Dort hätte man die wöchentlichen Hausaufgaben und Unklarheiten bezüglich des Kursmaterials besprechen können. So musste ich darauf verzichten und konnte auch nicht an Lerngruppen teilnehmen, was den Kurs für mich schwerer gestaltet hat als er eigentlich gewesen wäre.

Insgesamt war es ein sehr förderliches Erlebnis, einen Einblick in einen der besten Informatik-Studiengänge der USA zu erhalten und am Studentenleben in Berkeley teilnehmen zu können. Vor allem politisch ist am Campus eine Menge los und es gibt für fast alle Interessen verschiedene Studentengruppierungen, die ihre Anliegen vor dem Sather Gate kund tun, Unterschriften sammeln oder einfach nur ihre Meinung in allerlei Formen zum Ausdruck bringen. Der Campus liegt an sehr prominenter Stelle mit einem wunderschönen Blick auf die San Francisco Bay und ist schon deshalb einen Besuch wert. Den deutsch-amerikanischen Kulturaustausch konnte man in Berkeley zum Beispiel beim deutschen Stammtisch fördern, bei dem man in der Regel keine Deutschen, aber dafür sehr viele Studenten, die Deutsch als Haupt- oder Nebenfach studieren, kennen lernen konnte. Für mich war das auch eine willkommene Gelegenheit, Amerikaner zu treffen, da man über die zahlreichen Veranstaltungen, die vom lokalen Fulbright-Büro organisiert wurden zwar eine Menge anderer Fulbrighter aus der ganzen Welt kennen gelernt hat, aber leider doch recht wenig Amerikaner. Thanksgiving konnte ich Dank Fulbright bei einer amerikanischen Familie verbringen, und die Winterpause habe ich für einen ausgiebigen Roadtrip an der amerikanischen Ostküste, Kanada und dem Mittleren Westen genutzt.

Das zweite Semester war von weniger Aufregung gekennzeichnet, da man sich ja schon an das neue Leben in Amerika gewöhnt hatte und ich außerdem ein erhöhtes Kurspensum absolvieren wollte. An amerikanischen Hochschulen hat man in der Regel drei bis vier Kurse pro Semester, an deutschen Hochschulen sind es fünf bis sechs. Allerdings wollte ich für jedes Fach, das ich in Köln noch zu absolvieren hatte, einen entsprechenden Kurs in Amerika abschließen. So endete ich mit 6 Kursen mit insgesamt 20 Credits (normal sind 12), womit ich definitiv an die Grenzen meiner Leistungsfähigkeit gestoßen bin. Dabei habe ich fünf Kurse an der SFSU und wieder einen Kurs an der UCB belegt.

An der SFSU entschied ich mich für zwei Kurse aus der Elektrotechnik, zwei Kurse aus der Informatik und einen Einführungskurs in Philosophie, da ich noch ein außerfachliches Modul belegen musste und ich dachte, dass dieser Kurs inhaltlich gut zu dem Kurs Introduction to Artificial Intelligence an der UCB passt. Rückblickend hat mir der Philosophiekurs definitv dabei geholfen, meine Fähigkeiten, Texte und Argumente zu analysieren, auszubauen und mein Wissen über Sokrates und Martin Luther King zu intensivieren. Der AI-Kurs hat vor allem Such-, Lern- und Optimierungsalgorithmen behandelt, die in vielen modernen Anwendungen (z.B. Google) eine große Rolle spielen.

Im März gab es von Fulbright veranstaltete Enrichment Seminars, bei welchen man sich ein letztes Mal mit Fulbrightern aus dem ganzen Land treffen und über das Erlebte diskutieren konnte. Mich hat es dabei an die Ostküste nach Philadelphia verschlagen. Ein Element des Seminars, das allen ganz besonders in Erinnerung geblieben ist, waren die Besuche bei lokalen Highschools, wo man die Möglichkeit bekam, sich als ausländischer Student den Fragen der Schüler zu stellen und kurz über sein Land zu sprechen. Im anschließenden Workshop mit den anderen Fulbrightern stellte sich der gravierende Unterschied beim Wissenstand über andere Kulturen von Schülern an Schulen in sozial schwachen und an Schulen in wohlhabenderen Stadtvierteln heraus und eröffnete auch andere teils erschreckende, teils erstaunende Einblicke in das Schulsystem von Philadelphia. Schulpolitik ist in den USA zwar Sache der Staaten, die meisten Entscheidungen werden aber auf School-Disctrict-Ebene getroffen. So kann es von Stadt zu Stadt große Unterschiede im Lehrplan oder sogar in der Länge der Schulpflicht geben.

Als letztes Highlight habe ich in den letzten beiden Monaten meines Aufenthalts noch mehrere kleinere Roadtrips in Kalifornien und Nevada gemacht und dabei die vielfältige Schönheit der Natur in der Region erst richtig kennenlernen können.

Das Amerikaabenteuer endete für mich am Freitag, den 1. Juni 2007 mit dem Abflug vom San Francisco International Airport. Es war eine unglaublich lehrreiche Zeit, sowohl akademisch als auch persönlich. Ich kann jedem empfehlen, der die Möglichkeit dazu hat, ein Jahr im Ausland zu verbringen.

An dieser Stelle möchte ich mich bei der Fulbright-Kommission in Berlin und Washington und der Studienstiftung des deutschen Volkes in Bonn für die organisatorische, ideelle und finanzielle Unterstützung bedanken. Mein Dank gilt ebenso der Fachhochschule Köln, hier insbesondere Herrn Prof. Dr. Bartz, Herrn Prof. Dr. Nissen und Herrn Prof. Dr. Büchel, für die Unterstützung bei der Anerkennung der Kurse, die trotz der Unterschiedlichkeit der Studiensysteme absolut unkompliziert ablief. Herrn Prof. Dr. Dederichs, Herrn Prof. Dr. Vogt und Herrn Prof. Dr. Grebe möchte ich für die Ausstellung der Empfehlungsschreiben für die Bewerbung bei der Fulbright-Kommission und bei der amerikanischen Gasthochschule danken.

Philipp Maximilian Richter

Im September 2007

M
M