Tom Rüther - Universidade Federal do Ceará

Fortaleza, Brasilien - 2016


Erfahrungsbericht Auslandssemester Brasilien

Schon seit Beginn meines Studiums habe ich mit dem Gedanken gespielt, ein Auslandssemester zu machen. Grund dafür waren meine mehrjährigen Auslandserfahrungen, die ich bereits vor meinem Studium gesammelt habe und die mich sehr prägten. Eine private Finanzierung war für mich nicht möglich, weshalb ich nach Alternativen suchte. Dabei wurde ich im Gespräch mit Professor Schneiders auf das Programm „Unibral“ aufmerksam.

Innerhalb weniger Tage schrieb ich meine Bewerbung und erhielt bereits nach kurzer Zeit eine Zusage. Die Freude darüber brachte auch einige Ungewissheiten mit sich. Ich wusste nur wenig über Brasilien und hatte einige organisatorische Schwierigkeiten, welche ich von Bamberg lösen musste, da ich mich zu dieser Zeit im Praxissemester befand. Es galt ein Visum zu beantragen, einen Flug zu buchen, eine Unterkunft zu suchen und vieles mehr. Jedoch war keines dieser Probleme nicht zu lösen.

Angekommen in Fortaleza, traf ich nach kurzen Probleme bei der Einreise, meine Patin, die mich direkt am Flughafen abholte und zu meinem neuen Zuhause begleitete. Bereits auf der Fahrt sind mir enormen Unterschiede zu Deutschland und Europa aufgefallen. Die Häuser waren runtergekommen, der Verkehr ein totales Chaos und Bürgersteige gab es nur selten. Als wir in der Wohnung in Benfica angekommen sind, war ich schon überwältigt von den neuen Eindrücken.
Bevor wir aus dem Auto ausstiegen, sagte mir meine Patin, dass wir schnell alle Sachen reinbringen sollten um nicht zu lange auf der Straße zu bleiben. Die Gegend sollte nicht so sicher sein. Das Haus entsprach nicht dem, was ich bisher bei meinen Auslandserfahrungen kennen gelernt habe. Die Fenster waren einfache Löcher in der Wand, Fledermäuse, Kakerlaken und andere Tiere zählten jetzt zu den Mitbewohnern.

Das Semester begann erst ein paar Tage nach der Ankunft in Brasilien. Diese Zeit nutzte ich, um mich in dem Land einzuleben und die Stadt kennen zu lernen. Wir schauten uns die Sehenswürdigkeiten der Stadt an und hatten unsere erste abenteuerliche Busreise. Hierbei fiel mir immer wieder auf, dass Waffen überall präsent waren. Vor allem wurde mir dies deutlich, als wir einen Geldtransport beobachteten, welcher ATM´s auffüllte. Die Wachmänner glichen einem Militär Squad. Immer wieder warnte mich meine Patin davor, mein Handy oder meine Kreditkarte mitzunehmen. Ein gewisses Gefühl von Unsicherheit machte sich bei mir breit. Dieses Gefühl verstärkte sich noch, nachdem uns der Zweck des Feuerwerks erklärt wurde, welches fast den ganzen Tag zu sehen war. Dieses diente den Drogendealern dazu, andere zu warnen, falls eine Polizei Patrouille durch die Straße fährt. Zudem konnte man hin und wieder Schüsse hören.
Dennoch gewöhnte ich mich schnell an die neuen Umstände. Dies hört sich zwar fatal an, doch kann ich meiner Erfahrung nach sagen, dass Fortaleza an sich wesentlich gefährlicher ist als Köln - jedoch passiert einem nichts, solange man sich an gewisse Regeln hält, wie z.B. nachts nur Taxi fahren und nicht auf der Straße rumlaufen.

Nach einiger Zeit beginnt man zu hinterfragen, was zu diesen Umständen geführt hatte. Der Hauptgrund war relativ einfach zu finden: die soziale Ungerechtigkeit zwischen Arm und Reich in der Stadt. Hochhäuser mit Glasfassaden stehen in Beira Mar, direkt neben Favelas. Zudem ist es für jemanden, der in der Favela aufgewachsen ist, unmöglich, eine akademische Ausbildung zu starten. Eine soziale Unterstützung wie in Deutschland gibt es dort nicht. Die meisten Favelas haben bis heute noch nicht einmal einen Wasseranschluss. Man sieht immer wieder teure Autos durch die Straßen fahren und auf der anderen Seite Menschen, die nichts besaßen und um Ihr Überleben kämpfen mussten. Die Ungleichheit innerhalb von 100 Metern auf der Straße ist so enorm, als würde man ein anderes Land betreten. Immer mehr wurde mir klar, in was für einem Elfenbeinturm wir in Deutschland leben. All diese Probleme, Kriminalität und extreme Ungleichheit, gibt es in Deutschland nicht in diesem Ausmaß.

Die ersten Tage in der Universidade Federal do Ceará (UFC) waren eine sehr gute Erfahrung. Die Kurse waren im Vergleich zu Deutschland wesentlich kleiner von der Studentenanzahl her, was den positiven Nebeneffekt hatte, dass man sich gut mit den Professoren austauschen konnte. Auch hatte man die Möglichkeit, Fächer zu belegen, welche es in Deutschland nicht gibt. Vor allem SISTEMAS MECÂNICOS PARA ENERGIA DAS MARÉS hat mich sehr begeistert.
Die Professoren und Kommilitonen waren alle sehr hilfsbereit und halfen mir bei allen organisatorischen Problemen. Ein Programm an der UFC hat mich ganz besonders inspiriert, das der „Junior Companies“. Hier wird ein Unternehmen von Studenten geführt, die anderen Unternehmen in der Wirtschaft zuarbeiten. Ich konnte mir in der Junior Company RETEC viel anschauen. Sie beschäftigen sich dort hauptsächlich mit der Planung von Photovoltaik Anlagen. Durch dieses Programm wurde ich dem Unternehmen Sunlight Brasil vorgestellt, in welchem ich die Chance hatte ein Praktikum in Teilzeit zu absolvieren. Dort habe ich sehr viel über die Probleme der Photovoltaik in Brasilien gelernt. Es gibt keine staatliche Unterstützung, nahezu alle Bauteile müssen Importiert werden. Des Weiteren gibt es keine Vergütung für die Einspeisung in das Netz, es werden kWh gutgeschrieben, somit werden Großanlagen ausgeschlossen. In einem Land wie Brasilien mit einer hohen Anzahl an ungenutzten Freiflächen und einer hohen Einstrahlung, wäre es ansonsten ideal, Photovoltaikanlagen zu bauen.
Ich habe auch viel zu den Unterschieden in der Planung gelernt, oft muss man ohne Bestandspläne auskommen. Noch öfter muss man das bereits vorhandene elektrische System komplett erneuern oder Fehler in der Planung von anderen Unternehmen ausgleichen. Ein Standard wie in Deutschland ist dort nicht vorhanden.

Wir erhielten die Möglichkeit, mit der UFC den Wasserkraftkomplex in Paulo Afonso zu besichtigen. Dies war eine einmalige Erfahrung, die mir bewusst machte, wie viel Energie aus Wasser erzeugt werden kann. Die Dimensionen der Kraftwerke waren enorm. Ich habe immer noch das Bild vor Augen, wie wir uns die Aushebung für eine Turbine angeschaut haben. Innerhalb der Staumauer war ein Loch zu finden, in welches mehrere Mehrfamilienhäuser gepasst hätten. Zudem war es eine gute Gelegenheit, unsere brasilianischen Kommilitonen besser kennen zu lernen. Jedoch ist das Thema Wasserkraft in Brasilien mit dem Thema Wasserknappheit leider immer in Verbindung zu setzen. Wir selbst mussten immer wieder die Erfahrungen machen, dass wir unseren Wasserverbrauch einschränken mussten. Wenn wir auf unserem Hausdach keine Wassertanks gehabt hätten, hätten wir für den Zeitraum des Wassermangels gar kein Wasser gehabt. Es ist für Deutsche schwer sich vorzustellen, dass der Wasserversorger auf einmal anruft und mitteilt, es gäbe kein Wasser mehr. Jedoch kam dies immer wieder vor. Erstaunlich fand ich auch, dass man eine Strafe zahlen muss, sobald der Wasserverbrauch über dem Durchschnitt liegt. Im Gegensatz dazu findet man Staudämme mit unglaublich großen Stauseen, die zur Erzeugung von Strom genutzt wurden. Ein Widerspruch an sich.

Ungefähr zur Mitte des Semesters gingen zuerst die Studenten, danach die komplette Universität in den Streik. Grund hierfür war die Einfrierung der öffentlichen Gehälter. Es kam auch zu einer Kürzung von Leistungen innerhalb der Universität. Es war beeindruckend zu sehen, wie eine komplette Universität in den Streikt tritt um sich für Ihre Rechte einzusetzen. Es wurden zum Protest Banner aufgehängt oder sogar eine der Hauptstraßen in Fortaleza von den Studenten blockiert.

Am meisten habe ich die Zeit in Pipa genossen. Pipa ist ein kleiner Küstenort in der Nähe von Natal. Es ist ein kleines Dorf mit wenigen Einwohnern und somit das komplette Gegenteil von Fortaleza. Fortaleza ist laut, schnell und chaotisch. Pipa hingegen ist ein Ort zum Entspannen und nachdenken. Ich hatte dort sogar die Möglichkeit, direkt am Strand mit Delphinen zu schwimmen, ohne dass eine Bootstour dafür notwendig war.

Abschließend kann ich sagen, dass ein Auslandssemester, gerade in einem Land wie Brasilien, eine unglaubliche Möglichkeit ist, um seinen Horizont zu erweitern. Man lernt nicht nur viel dazu, sondern auch die Vorteile in Deutschland wertzuschätzen. Das Auslandssemester eröffnet einem viele Möglichkeiten, wie neue Freundschaften zu schließen, neue Interessen zu finden und seine Selbstständigkeit zu steigern.

Vor allem für die Hilfe der Padrinos, das Engagement von Professor Stadler, Professor Schneiders und Professor Fernando möchte ich mich herzlich bedanken. Es war eine einzigartige Erfahrung, die ich jedem weiterempfehle.

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